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LeserdebatteWarum erwägen mehr Nachfolger den Verkauf des Familienunternehmens?

Darüber debattiert diese Woche die Handelsblatt-Leserschaft. Wie sie auf die Entwicklung blickt und welche Gründe sie hierfür sieht, lesen Sie hier in einer Auswahl der Leserkommentare.Johanna Müller 28.09.2023 - 15:31 Uhr Artikel anhören

Was veranlasst Nachfolger, das eigene Familienunternehmen zu veräußern?

Foto: IMAGO/Zoonar

Laut einer aktuellen Umfrage der Zeppelin Universität im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen erwägt fast jeder vierte befragte Nachfolger, das eigene Familienunternehmen zu verkaufen – deutlich mehr als bei der Vorgängerstudie vor drei Jahren. Ein Hinweis auf Nachahmer des Viessmann-Deals? Der hessische Heizungsbauer hatte im April seine Klimatechniksparte an den US-Konzern Carrier Global verkauft.

Wir haben die Handelsblatt-Leserschaft gefragt, was sie von dieser Entwicklung hält. Viele Leserinnen und Leser können es nachvollziehen, dass immer mehr Nachfolger über einen Verkauf nachdenken. Die Unternehmen stehen in Anbetracht der „bevorstehenden Transformationen“ vor einer immensen Herausforderung, wie ein Leser schreibt. Er nennt die„ökologische Transformation“ und „gravierende Änderungen“ auf dem Arbeitsmarkt. Aber auch heute schon sei Unternehmertum am Standort Deutschland aufgrund von „explodierenden Energiekosten“ und „zu hohen Steuern und Abgaben“ unattraktiv, argumentiert ein anderer Leser. Zusätzlich sei die Bürokratielast in Deutschland zu hoch.

Ein Leser, selbst betroffener Unternehmer, berichtet: „Heutzutage ist unsere Aufgabe, alle Formulare, Bestimmungen, Statistiken, Gesetze und Dokumentationen richtig auszufüllen und anzuwenden.“ Die Kernaufgaben, wie sich um Kundenzufriedenheit und Mitarbeiter zu kümmern, blieben dabei auf der Strecke.

Laut einigen Leserinnen und Lesern gestaltet sich auch die Suche nach einem geeigneten Nachfolger für den Familienbetrieb schwierig. Dieser müsse „Verantwortung, Leidenschaft, Kompetenz und Weitsicht“ mitbringen, schreibt eine Leserin. Werden diese Kriterien nicht erfüllt, sollte ihrer Meinung nach verkauft werden.

Ein weiterer Leser fügt hinzu, dass potenzielle Nachfolger aus der eigenen Familie zudem den Erfolg oft gezielt „außerhalb des Familienunternehmens“ suchen. Und das ist auch gut so, findet ein anderer Leser, „denn heute kann jeder werden, was er will“ und mit dem Verkauf des Unternehmens „Platz für die Menschen“ machen, „die den Familienbetrieb voranbringen wollen“.

Für die aktuelle Ausgabe unseres Leserforums haben wir aus den unterschiedlichen Zuschriften eine Auswahl für Sie zusammengestellt.

Auch mir kam der Gedanke schon

„Ich bin Unternehmer mit Leib und Seele, als ich 1990 in unseren Handwerksbetrieb eingestiegen bin, war es unsere Aufgabe, Kunden mit einer qualitativ hochwertigen Arbeit zufriedenzustellen.

Heutzutage ist unsere Aufgabe, alle Formulare, Bestimmungen, Statistiken, Gesetze und Dokumentationen richtig auszufüllen und anzuwenden. Die Bürokratieabschaffung scheitert kläglich.

Stattdessen gibt es immer mehr Beamte, die kontrollieren, ob wir alles richtig machen. Eigentlich wäre es heutzutage unsere Aufgabe, sich um die Mitarbeiter (Facharbeitermangel) und Kunden zu kümmern.

Deswegen kann ich Ihre Frage leider mit Ja beantworten, mir ist der Gedanke, mein Unternehmen zu verkaufen, dank unserer Politik das ein oder andere Mal durch den Kopf gegangen.“
Bernd Ludwar

>> Lesen Sie auch unseren Kommentar: Bedenklicher Sinneswandel bei Familienunternehmen

Start-ups sind die neuen Familienunternehmen

„Familienunternehmer zeichnen sich aus durch Verantwortung, Leidenschaft, Kompetenz und Weitsicht. Fehlt eines dieser Kriterien, sollten die Nachfolger verkaufen.

Start-ups, die von Mitgliedern einer Familie gegründet werden, sollten mehr Relevanz und Unterstützung in Politik und Gesellschaft erfahren. Das sind die neuen Familienunternehmen.

Das ist meine Überzeugung.“
Heide Schwarzweller

Per se nichts Schlechtes

„Wir sehen, dass die Herausforderungen in der Unternehmensnachfolge maßgeblich von der demografischen Entwicklung in Deutschland geprägt sind und durch die Tatsache verstärkt werden, dass potenzielle Nachfolger oftmals außerhalb der Heimat und des Familienunternehmens nach Erfolg suchen.

Als prominentes Beispiel gilt das deutsche Handwerk: Hier zieht die Nachfolgegeneration meist ein Studium der Lehre im Ausbildungsbetrieb vor.

Das derzeitige Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage findet seine Antwort immer häufiger in Private-Equity-gestützten Buy-and-Build-Strategien. Für den Standort Deutschland muss das per se nichts Schlechtes heißen – langfristig könnte jedoch der Wettbewerb leiden, auf Kosten der Innovationskraft.

Wir sind der Überzeugung, dass ein Umdenken in der jetzigen Bildungspolitik notwendig ist, um das Thema Unternehmensnachfolge, -übernahme und -führung für ein breiteres Publikum zugänglich zu machen nach dem Motto: Entrepreneurship through Acquisition.“
Maximilian Maierhöfer

Es stehen gravierende Änderungen bevor

„Ich kann nachvollziehen, dass vielen Inhabern der Mut und die Motivation fehlt, sich mit den bevorstehenden Transformationen auseinanderzusetzen.

Es geht schließlich nicht nur um ökologische Transformation. Auch auf dem Arbeitsmarkt stehen in den nächsten Jahren gravierende Änderungen bevor.

Die Generationen, die eben diese Familienunternehmen mit aufgebaut haben, gehen in Rente und die Auseinandersetzung mit den neuen Generationen ist für die meisten jetzt schon sehr mühsam.“
Leonor Mehmeti

Es ist richtig, zu verkaufen!

„Es ist richtig, zu verkaufen! Früher musste man den Familienbetrieb aus Tradition übernehmen, heute kann jeder werden, was er will.

Dafür macht der Verkäufer durch den Verkauf Platz für die Menschen, die den Familienbetrieb voranbringen wollen. Verkauf ist nicht immer nur monetär getrieben.“
Bernd Braun

Unternehmertum muss wieder attraktiv werden

„Ich kann die Entwicklung durchaus nachvollziehen. Für den Standort Deutschland ist die Entwicklung katastrophal.

Nach einer Studie zu den Top-500-Familienunternehmen schaffen große Familienunternehmen mehr neue Arbeitsplätze als Dax-Konzerne und zahlen mehr Steuern.

Lasst uns doch endlich strategisch und weitsichtig denken, losgelöst von Partei- und Lobby-Interessen. Unternehmertum muss wieder attraktiv werden!“
Manuela Nikui

Problem wird in Zukunft nur noch größer

„Diese Entwicklung nehme ich in meiner Beratungstätigkeit leider auch immer stärker wahr. Neben den von Anja Müller genannten Gründen spielt hier auch ein weiterer Aspekt eine wichtige Rolle.

Das weitaus größere Risiko für den Mittelstand und die Wirtschaftsleistung in Deutschland besteht darin, dass die Zahl der Unternehmensnachfolgen – ebenso wie die der Gründungen – seit Jahren rückläufig ist. In Verbindung mit dem demografischen Wandel stehen wir vor gewaltigen Herausforderungen, denn in einigen Jahren werden noch mehr Unternehmerinnen und Unternehmer Nachfolger suchen als heute, doch die Anzahl potenzieller Nachfolger wird dann – bedingt durch den demografischen Wandel – noch geringer sein, als es heute der Fall ist.

Wir müssen daran arbeiten, das Ansehen und die Attraktivität des Unternehmertums in Deutschland zu verbessern – denn laut dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) sind 94 Prozent der deutschen Mittelständler Familienunternehmen, und 54 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer arbeiten bei kleinen und mittleren Unternehmen.“
Tim Richter

Der Verkauf wird in jüngeren Jahren initiiert

„Die von Ihnen aufgegriffene Entwicklung können wir auch in unseren Mandantenprojekten nachvollziehen. Dabei begleiten wir kleine und mittlere Unternehmerinnen und Unternehmer in ihrer Unternehmensnachfolge. Während es bis vor gut zehn Jahren sehr selten war, das eigene Familienunternehmen vor dem eigenen Ruhestand mit 65 bis 70 Jahren zu veräußern, gibt es immer mehr Gesellschafterinnen und Gesellschafter, die bereits ab 55 Jahren den Verkauf des eigenen Familienunternehmens initiieren.

Bei der Auswahl ist unseren Mandanten besonders wichtig, dass sich das eigene Familienunternehmen unter der neuen Eigentümerschaft sehr gut weiterentwickeln kann und Arbeitsplätze an den heutigen Standorten bestehen bleiben. Das Interesse an Familienunternehmen ist nach wie vor sehr hoch, sodass der am besten geeignete neue Eigentümer rechtzeitig ausgewählt und die Übergabe seitens unserer Mandanten begleitet werden kann.“
Cengiz Altaca

Es braucht mehr Transparenz

„Es braucht eine bessere und breitere Transparenz, einen Unternehmensmarktplatz – für viele dieser Unternehmen gäbe es auch Käufer im Lande. Und die Bereitschaft des Staates, bei der Übernahme mit Garantien zu unterstützen, sodass Banken Finanzierungen möglich machen können.“
Thomas Probst

Die Bürokratie erstickt alle Aktivität

„Der Industriestandort Deutschland ist für zukünftige Investitionen uninteressant geworden.

Zu hohe Steuern und Abgaben, explodierende Energiekosten und eine alle Aktivitäten erstickende Bürokratie lösen Abwanderungspläne und Überlegungen zum Unternehmensverkauf aus.

Aber die Schmerzen müssen erst noch größer werden, bevor unsere Politik diese Entwicklung überhaupt ernst nimmt. Doch bis dahin wird der Wirtschaftsstandort Deutschland weiter Schaden nehmen.“
Friedrich Wilhelm Krummenerl

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Wenn Sohn oder Tochter keinen Bock haben

„Dass fast 25 Prozent der Familienunternehmen überlegen zu verkaufen, ist nachvollziehbar aus vielerlei Gründen:

1. Wegen des Nachfolgeproblems. Wenn Sohn oder Tochter schlicht ‚keinen Bock‘ haben, zunächst mit den bisherigen Unternehmenslenkern zusammenzuarbeiten, um dann eines Tages die Firma übernehmen zu müssen. (Damit lässt sich unter Umständen der Hausfrieden erhalten!)
2. Wenn die Fusion mit einer passenden Firma oder ein IPO im Ausland mehr Umsatz bringt, siehe aktuell Viessmann und Birkenstock in den USA.
3. Wenn der Chef des Hauses (vielleicht auch aus Altersgründen) völlig überfordert ist, sich mit AI und ChatGPT für die Firma eingehend zu instruieren und die Anlehnung an eine gewieftere Firma Zukunft verspricht.

Radikal verkürzen müssten sich die Behördenwege, Anträge gehören beschleunigt – Intel hats in Leipzig vorgemacht!“
Barbara Schmidt

Wenn Sie sich zu diesem Thema im Handelsblatt zu Wort melden möchten, schreiben Sie uns einen Kommentar, entweder per E-Mail an forum@handelsblatt.com oder auf Instagram unter @handelsblatt.

Mehr: Wie die Wohnungsbaumisere beendet werden kann, darüber debattierte die Handelsblatt-Leserschaft in der vergangenen Woche.

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