Prüfers Kolumne: Willkommen in der New Snackonomy
Tillmann Prüfer ist Mitglied der Chefredaktion des „Zeit-Magazins“.
Foto: HandelsblattIn unserem Büro steht eine Snackbox. Solche Snackboxen sind ein echter Klassiker. Sie wurden in einer Zeit erfunden, als in deutschen Büros der Geist der Wall Street Einzug hielt. Es waren die späten 90er-Jahre, in den USA machten Garagenfirmen von sich reden, bei denen ein paar Nerds mit einer guten Idee und einem Geldgeber genügten, um bei einem Börsengang reich zu werden. Richtig reich.
Es waren die Zeiten, als man plötzlich mit „irgendwas mit Medien“ Geld verdienen konnte, als alles möglich war außer Feierabend. Je länger man im Büro abhing, desto geiler. Am geilsten war, wenn man ungefähr 70 Stunden in irgendeinem kleinen Start-up gearbeitet hat, wo es darum ging, mit einer Service-Idee im Internet reich zu werden. Das war die „New Economy“.
In dieser Zeit wurde auch die Snackbox erfunden. Denn die neuen Mitarbeiter in der neuen Wirtschaft hatten zwar eine Riesenmotivation, aber leider nichts zu essen. Wer nicht mehr um 17 Uhr den Schreibtisch räumt, sondern bis spät in die Nacht Excel-Tabellen füttert, braucht irgendwann selbst Nahrung, hat aber keine Zeit, eine längere Pause zu machen, um sich anständig zu versorgen. Dafür gab es eine Holzkiste, die mit allem Möglichen befüllt war, was den Hunger kurz stillt. Schokoriegel, Salami-Snacks, Chips, Gummibärchen.
Die Snackbox gibt es bis heute, auch als Marke eines Hamburger Dienstleisters. Als „einfaches und praktisches Konzept für die betriebliche Zwischenverpflegung und Mitarbeitermotivation“ preist sie das Unternehmen an und erklärt im Internet: „Seit 1998 beliefern wir Büros mit Snackboxen und sind immer wieder erstaunt und dankbar, dass ein Geschäftsmodell, das so stark auf Vertrauen basiert, auch in der heutigen Zeit funktioniert.“
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Das Geschäftsmodell zielt nämlich nicht darauf ab, Menschen, denen vor lauter Arbeit keine Zeit zum Essen bleibt, etwas zu schenken. Es zielt darauf ab, dass die Mitarbeiter Münzen in den Schlitz werfen. Man könnte sich auch einfach so einen Riegel stehlen. Aber was würde dann passieren? Die Snackbox würde wieder das Büro verlassen. Und weil man ja gerne in einem Glasbunker in einem Gewerbepark am Rande des Nirgendwo sitzt, wäre damit die einzige Nahrungsquelle weg.
Natürlich gibt es reichlich Mitarbeiter, die genauso das machen. Jene, die nur hin und wieder Hunger haben, sich einfach einen Schokoriegel nehmen und vergessen, das Kleingeld einzuwerfen. Dann wird bei der nächsten Snackbox-Befüllung ein Zettel angehängt, dass „etliche Euro fehlen“. Dann geraten jene Mitarbeiter, die immer besonders lang im Büro sind, in Panik, stecken doppelt so viel Geld in den Schlitz, um das Defizit der unmoralischen Klau-Kollegen auszugleichen. So einer bin ich.
Mittlerweile versenke ich Unsummen, aus Angst, die Box würde sonst wieder abgezogen. Wahrscheinlich machen sie gutes Geld mit mir. Ein Geschäftsmodell, das von der Angst vor dem Hungertod gespeist wird. Kein Wunder, dass diese Kiste das Einzige ist, was aus der Zeit der New Economy überlebt hat – als New Snackonomy, quasi.