Morning Briefing: Eskalation: Warum Imperialisten weltweit ihre Chance zum Handeln wittern
Eskalation: China provoziert im Schatten des Nahost-Konflikts
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
die menschliche Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut. Das gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Regierungen und schließlich die gesamte globale Öffentlichkeit. Das weiß auch der chinesische Staatschef Xi Jinping. Im Schatten des Nahostkrieges geht China jetzt auf Konfrontationskurs mit den Philippinen – und testet die Entschlossenheit der USA, neben Israel und der Ukraine noch einem dritten Partnerland militärisch zur Seite zu stehen.
Chinesische Schiffe kollidierten am Wochenende im südchinesischen Meer mit der philippinischen Küstenwache und einem militärischen Versorgungsboot. Die Regierung in Manila wirft China vor, die Schiffe bewusst gerammt zu haben.
In den vergangenen Monaten hatten sich die Vorfälle in dem seit langer Zeit bestehenden Territorialkonflikt gehäuft: Philippinische Boote wurden abgedrängt, mit Lasern bestrahlt und mit Wasserwerfern beschossen. Nun kam es erstmals zu einem direkten Zusammenstoß. Ein gefährliches Zeichen der Eskalation und ein Indiz dafür, dass Imperialisten weltweit derzeit ihre Chance zum Handeln wittern.
Die 79 und 85 Jahre alten Frauen sind im Gazastreifen freigelassen worden.
Foto: dpaIm Nahen Osten rücken derzeit die über 200 Geiseln in den Fokus, die sich noch in der Gewalt der Hamas befinden. Die Terrororganisation hat in den vergangenen Tagen damit begonnen, einige der Gefangenen sukzessive freizulassen. Die 85-jährige freigelassene Geisel Yocheved Lifschitz berichtete gestern in Tel Aviv, sie sei „durch die Hölle gegangen“. Die Geiselnahme sei gut organisiert gewesen, sie seien mit Medikamenten und Essen versorgt worden. Sie berichtet aber auch von der körperlichen Gewalt durch die Hamas bei ihrer Entführung.
Das Schicksal der verschleppten Zivilisten könnte auch die geplante Bodenoffensive Israels beeinflussen. Die USA drängen laut der „Washington Post“ auf mehr Zeit für Verhandlungen zur Geiselbefreiung und für Lieferungen von Hilfsgütern an die Palästinenser. Außerdem hatten hochrangige US-Regierungsbeamte die Sorge geäußert, dass Israels Plan für eine Eliminierung der Hamas zu viele Schwächen aufweise. Das Tunnelsystem unter dicht besiedelten Gebieten mache den Schutz von Zivilisten beinahe unmöglich.
Sollte die Offensive starten, wäre eine Freilassung weiterer Geiseln wohl sehr unwahrscheinlich. Das perfide Kalkül der Hamas, sich durch die gefangenen Zivilisten mit Verhandlungsmasse und einem menschlichen Schutzschild auszustatten, scheint für den Moment zu funktionieren.
An der New Yorker Börse gibt es verschiedene Meinungen zur Stärke der US-Wirtschaft.
Foto: imago images/UPI PhotoAuf dem Anlagenmarkt deutet sich eine leichte Entspannung an. Die Renditen für 30-jährige US-Staatsanleihen gingen am Montag deutlich zurück, nachdem sie kurz zuvor die Marke von 5,18 Prozent erreicht hatten. Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf einen einzelnen Mann: Bill Ackman, Chef des Hedgefonds Pershing Square.
Monatelang setzte Ackman sein Geld auf steigende Renditen. Anfang der Woche indes vollzog der viel beachtete Wall-Street-Investor eine Kehrtwende. Es gebe „zu viele Risiken in der Welt“, um diesen Kurs weiterzuverfolgen, verkündete Ackman am Montag auf X (ehemals Twitter). Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, denn Ackmans Argumentation traf an den Märkten auf Widerhall und ließ die Renditen fallen und den Kurs der US-Anleihen steigen.
Ich muss gestehen, dass mich diese Nachricht schon ein wenig zum Nachdenken gebracht hat. Dass die Worte eines einzelnen Hedgefonds-Managers in den sozialen Medien eine solche Wucht entfalten und Auswirkungen auf den globalen Anleihenmarkt haben können, finde ich schon sehr erstaunlich – und auch durchaus ein wenig bedenklich.
Der Stoff, aus dem die Zukunft gemacht wird, schimmert silber-weißlich. Lithium ist unersetzbar, um die rasant steigende Nachfrage nach Produkten mit Lithium-Ionen-Batterien zu befriedigen. Smartphones, Akkusägen, E-Autos – kaum ein Elektroprodukt kommt ohne aus. Bisher wird der kritische Rohstoff allerdings noch zu wenig recycelt. Das Problem: Es lässt sich kaum aus dem Abfallprodukt der Batterie, der sogenannten „schwarzen Masse“ extrahieren.
Dabei erwarten Experten in einigen Jahren eine Schwemme von Altakkus. Sechs Millionen Tonnen Lithium-Ionen-Schrott könnten nach 2030 auf den Markt kommen. Eine Studie der RWTH Aachen beziffert den möglichen Erlös mit Recycling ab dem Jahr 2035 allein in Europa auf acht Milliarden Euro.
Zwei Start-ups aus Nordamerika konkurrieren um den gigantischen Zukunftsmarkt: Li-Cycle aus Kanada und Redwood aus den USA. Wer hinter den Unternehmen steckt und wieso der Wettbewerb auch zwischen Magdeburg und Bremerhaven ausgetragen wird, lesen Sie in unserem Report.
Die sich intensivierenden Spannungen mit China könnten auch Auswirkungen auf den globalen Automarkt haben. Mitte September kündigte die EU-Kommission an, Sanktionen gegen chinesische Autohersteller wegen staatlicher Subventionen für E-Autos zu prüfen. Die europäischen Hersteller befürchten Gegenmaßnahmen. Eine Bedrohung für deutsche Produzenten – eigentlich. Denn von den Sanktionen wären nur Unternehmen betroffen, die grenzüberschreitend handeln.
Volkswagen allerdings produziert über 99 Prozent aller in China verkauften Fahrzeuge vor Ort. Kein in China gebauter VW wird in Europa verkauft. Kein Grenzübertritt, keine Sanktionen, kein Problem lautet also das Kalkül, das neben Volkswagen auch BMW und Mercedes betrifft. Das Paradox der deutschen Autohersteller besteht darin, dass sie sich durch ihren starken Fokus auf den chinesischen Markt immer unabhängiger gemacht haben. Zwar nicht von China – dafür aber von der Europäischen Union.
Zum Schluss noch ein Blick nach Russland, wo es unter keinem guten Stern steht, Chef eines großen Ölkonzerns zu sein. Gestern wurde bekannt, dass Lukoil nach dem tödlichen Fenstersturz seines Vorstandschefs im vorherigen Jahr nun auch dessen Nachfolger verloren hat. Wladimir Nekrassow sei an einer akuten Herzinsuffizienz gestorben, teilte das Unternehmen mit.
Seit der Invasion in der Ukraine häufen sich in russischen Unternehmen plötzliche Todesfälle. Im Mai war der Lukoil-Manager Alexander Subbotin angeblich bei einer okkulten Behandlung gegen Alkoholsucht ums Leben gekommen. Auf den ersten Blick scheint es, als würden die Unternehmer vom Pech verfolgt. Auf den zweiten allerdings eher von Wladimir Putin.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie von niemandem verfolgt werden.
Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt
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