Morning Briefing: Wandel im Nahostkrieg: Anzeichen einer strategischen Entfremdung
Zweifel am Verbündeten: Die USA misstrauen Israels Militärtaktik
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
einen Monat nach dem Terrorangriff der Hamas auf israelische Zivilisten wächst bei Israels wichtigstem Verbündeten die Skepsis am Vorgehen im Gazastreifen. Je länger der Krieg in Gaza dauert, desto offensichtlicher wird, dass die USA, Israel und andere Nahost-Staaten unterschiedliche Interessen verfolgen. Eine Diplomatie-Offensive von US-Außenminister Antony Blinken mit dem Ziel einer temporären Feuerpause blieb am Wochenende erfolglos.
Am Versprechen, Israel militärisch zu unterstützen, dürfte Joe Biden zwar nicht rütteln. Doch muss der US-Präsident auch innenpolitisches Kalkül bedenken. Der Rückhalt für eine bedingungslose Unterstützung Israels scheint zu schwinden.
Und auch bei der Frage, wie es nach einem möglichen Kriegsende weitergehen könnte, sind die USA und Israel uneins. Israels Premier Benjamin Netanjahu hatte am Montag angedeutet, dass Israel nach dem Krieg die Kontrolle über Gaza behalten wolle. Ein Ziel, das Biden nicht unterstützt – denn eine Zweistaatenlösung würde so in weite Ferne rücken.
Wolodimir Selenski, Präsident der Ukraine, empfängt Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission.
Foto: dpaNoch umfasst der Kreis der Europäischen Union 27 Mitgliedsstaaten, doch in Richtung Osten will sich die EU weiter ausdehnen. Vor allem die Ukraine drängt auf einen schnellen Beitritt. Heute will die EU-Kommission ein Zwischenzeugnis zu den von Brüssel angeordneten Reformen in der Ukraine, Moldau und Bosnien-Herzegowina vorstellen.
Trotz eines durchwachsenen Fazits will die Kommission den Mitgliedsländern empfehlen, die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit der Ukraine zu beschließen, wie das Handelsblatt von EU-Diplomaten erfuhr. Klar ist aber: Bevor die Ukraine EU-Mitglied wird, werden noch etliche Jahre vergehen. Solange sich das Land im Krieg befindet, werden die Europäer kaum zu einer Aufnahme bereit sein.
Die Republik Moldau ist aus Brüsseler Sicht bei vielen Reformen schon weiter. Die Regierung muss vor allem die „De-Oligarchisierung“ vorantreiben. Schwieriger ist die Situation bei Bosnien-Herzegowina.
Das Land sei noch nicht bereit für Beitrittsverhandlungen, so lautet nach Informationen des Handelsblatts die Einschätzung. Ein Hauptproblem ist, dass die von der serbischen Minderheit regierte Republik Srpska die Urteile des bosnischen Verfassungsgerichts nicht anerkennt. Die Spannungen zwischen Sarajevo und Belgrad sowie der serbischen Minderheit in Bosnien nehmen momentan wieder zu.
Die Zahlen lügen nicht: Für die FDP sind die Aussichten gerade nicht besonders gut. Nach den Enttäuschungen der letzten Landtagswahlen besorgen jetzt neueste Umfragewerte im Bund die liberale Seele. Der gelbe Balken fällt dort mittlerweile unter die magische Fünf-Prozent-Grenze.
Der Kern des Problems der FDP liege darin, dass sie sich, „faktisch für die Steigbügelhalterrolle in dieser Koalition“ hergegeben habe, analysiert Stephan-Götz Richter, Direktor des Global Ideas Center Berlin, in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt.
Rückwirkend betrachtet liege die Tragik Christian Lindners darin, dass er im November 2017 einen vollkommen unerwarteten Rückzieher machte, weil er Angela Merkel nicht über den Weg traute.
Vier Jahre später stieg er in die Ampelkoalition ein, deren Programm „sozial-, migrations- und kulturpolitisch eine Art Merkel hoch drei“ sei, argumentiert Richter. Das mache die Stammwähler der FDP zu Recht fassungslos – das Friedhofsgeläut sei kaum noch zu überhören.
Vor allem frische Waren fehlen.
Foto: privatVielleicht ist es Ihnen in letzter Zeit auch passiert. Sie gehen einkaufen, aber die Milch fehlt, auch bei Wurst, Käse und Obst entdecken Sie eklatante Lücken in den Regalen. Wenn auch Tiefkühlprodukte und Toilettenpapier nicht verfügbar sind, fragen Sie sich besorgt: Ist schon wieder Pandemie?
Doch der Mangel in den Supermärkten derzeit hat einen anderen Grund: große Streiks in Zentrallagern und an anderen Logistikstandorten. Der Grund für den Arbeitskampf: Die Gewerkschaft Verdi fordert je nach Tarifgebiet bis zu 13 Prozent mehr Lohn, mindestens aber 400 Euro pro Monat.
Das bemerken Kunden verstärkt im Westen und in Bayern, etwas weniger auch im Osten. Während sich die Kundinnen und Kunden über fehlende Produkte ärgern, wird die Situation für einige Händler schwierig. „Die Lage ist katastrophal“, berichtet Dana Hoffmann, die einen zu Rewe gehörenden Nahkauf-Markt östlich von Schwerin betreibt. Ein Viertel ihrer Regale steht leer.
Ein Ende der Situation ist derzeit nicht absehbar. Mit einer Einigung vor Weihnachten rechnen Unternehmer- und Mitarbeitervertreter nicht. Das Weihnachtsgeschäft ist für die Händler besonders wichtig, weshalb Streiks im Advent aus Gewerkschaftssicht ein willkommenes Druckmittel für ihre Forderungen darstellen.
Technologischer Wandel, die Klimakatastrophe, dazu Marktverschiebungen und internationale Krisen – der Veränderungsdruck auf die Unternehmen war wohl selten so groß wie heute. Davon profitieren diejenigen, von denen sich das Management Antworten auf die drängendsten Fragen erhofft: Beraterfirmen wie die Big Four etwa. Zu denen zählen Deloitte und PwC, die beide einen optimistischen Ausblick in die Zukunft wagen.
PwC will im Geschäftsjahr 2023/24 erstmals die Marke von drei Milliarden Euro Gesamtleistung deutlich übertreffen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr hatte die Prüfungsgesellschaft um zwölf Prozent auf 2,93 Milliarden Euro zugelegt. Deloitte war zuletzt sogar noch stärker gewachsen, prozentual wie absolut.
Die großen Vier profitieren auch von den neuen Nachhaltigkeitsstandards für Unternehmen – in zweifacher Hinsicht. Die Firmen helfen Beratungskunden beim Aufbau des geforderten Reportings. Bei den Prüfungskunden wiederum testieren sie die Korrektheit der Angaben des vom Mandanten aufgebauten Berichts.
Zum Schluss noch ein Blick auf die wenig beachtete Kategorie der fehlerhaften Stadtwerbung. Bei der Gestaltung des neuen Bahnhofs Wittenberge in Brandenburg hat ein Künstler versehentlich Fotos eines anderen Wittenbergs, nämlich der Lutherstadt in Sachsen-Anhalt, verwendet. Die Stadt will humorvoll damit umgehen und ein „Finde den Fehler“-Schild vor der Abbildung anbringen.
Nun kann es schon einmal passieren, dass Wittenberge mit Wittenberg verwechselt wird. Viel kurioser ist, dass ich einmal in Rumänien Werbung für Flüge in meine Heimatstadt Dortmund erblickte – auf der eine Strandpromenade mit Palmen abgebildet war. Erklären kann ich mir das bisher nicht. Gibt es irgendwo ein karibisches Dortmund, von dem ich noch nichts weiß? Falls ja, möchte ich gerne schnellstmöglichst einen Flug dorthin buchen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, an dem Sie sich in der richtigen Stadt befinden.
Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt