Union: „Friedrich Merz ist kein Neuanfang“ – Generation Wüst formiert sich
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst beteiligt sich am bundesweiten Vorlesetag. Sein Name steht inzwischen für eine neue Generation von CDU-Politikern.
Foto: dpaBerlin. Mal wieder hat er es als Jüngster geschafft – so wie schon im Gemeinderat von Ehingen, als Sparkassenchef in seinem heimatlichen Alb-Donau-Kreis, als Kreisjägermeister, als Landtagsabgeordneter, Fraktionschef und Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg. Am Wochenende nun kürten die Delegierten des Landesparteitags Manuel Hagel zu ihrem Vorsitzenden.
Ob der 35-Jährige 2026 den 75-jährigen Winfried Kretschmann von den Grünen ablösen und so jüngster Ministerpräsident werden wird? Bei Jüngeren sei es wie bei Frauen, sagt Hagel: „Man muss mit Leistung überzeugen.“
Mit der Wahl Hagels gewinnt eine wichtige Gruppe weiter an Macht in der CDU: die Generation Wüst. Deren Mitglieder steigen nach und nach in den Ländern auf. Sie kennen sich seit Anfang der 2000er, als sie noch in der Nachwuchsorganisation Junge Union feierten und dort Landesverbände führten.
„Friedrich Merz ist kein Neuanfang“
Es war die Zeit des Netzwerkens. Heute versammeln sie sich hinter Hendrik Wüst, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten. Der 48-Jährige inszeniert sich als Rivale von CDU-Chef Friedrich Merz.
Kaum ein Landesparteitag vergeht, an dem nicht einer aus der Generation Wüst zum neuen Vorsitzenden gewählt wird: Im Januar stimmten die Delegierten der Niedersachsen-CDU für den 42-jährigen Sebastian Lechner, im März übernahm der 43-jährige Jan Redmann in Brandenburg. Im vergangenen Jahr eroberte Mario Voigt (45) in Thüringen den Vorsitz, 2021 der 44-jährige Sven Schulze in Sachsen-Anhalt. Und nun wächst mit Hagel der Unterstützerkreis für den Westfalen Wüst weiter.
Die CDU erlebt in ihren Landesverbänden einen Generationswechsel, bei dem auch die Ministerpräsidenten Daniel Günther (Schleswig-Holstein), Boris Rhein (Hessen) und Kai Wegner (Berlin) zu nennen sind. Ein Neuanfang müsse auch die Führungsperson verkörpern, heißt es in der neuen Generation – verbunden mit der Schlussfolgerung: „Friedrich Merz ist kein Neuanfang.“
Der neue Landesvorsitzende Manuel Hagel nimmt beim Parteitag der CDU Baden-Württemberg die Glückwünsche von seinem Vorgänger Thomas Strobl (r.) entgegen.
Foto: dpaOb der 67-jährige Bundesvorsitzende dies als Drohung auf seinem Weg zur Kanzlerkandidatur verstehen muss? „Merz sitzt fest im Sattel“, die Partei sei „stabil“, heißt es dieser Tage in führenden CDU-Kreisen. Solange die Umfragen gut blieben und Merz keine Fehler mache, werde sich daran auch nichts ändern.
Seit 2022 fordert Oppositionsführer Merz die Regierung im Bundestag heraus – bereits zum zweiten Mal. Das erste Mal hatte er das Amt des Fraktionschefs 2000 inne.
Netzwerken mit einem Sixpack Bier und Bratkartoffeln
Damals übte die Generation Wüst noch Politik, Wüst war Rechtsreferendar mit Wahlstation in Brüssel. „Papa ist da!“, soll er abends immer gerufen haben, wenn er nach getaner Arbeit zurück in die WG kam, einen Sechserpack Bier unterm Arm. Dem jungen Brandenburger Redmann hatte Wüst spontan Unterschlupf gewährt. Der Wittstocker revanchierte sich, steuerte Nudeln und Bratkartoffeln zum Bier bei.
„Uns verbindet eine langjährige Freundschaft“, heißt es in der Generation Wüst angesichts solcher Anekdoten. Hagel, Lechner und Wüst verbindet obendrein noch die Leidenschaft für die Jagd. Sie seien „eine neue Generation, die sich gut kennt“. Und die Macht hat: Mit ihren Landesverbänden vereinen sie 60 Prozent der Stimmen auf einem Bundesparteitag. Kein Wunder, dass Wüst gern andere Landesparteitage besucht und im Wahlkampf hilft.
Sie alle betonen, keinen Pakt geschlossen zu haben, um sich gegenseitig beim Aufstieg im politischen Deutschland zu verhelfen. Pragmatisch aber stellen sie sich eine zentrale Aufstiegsfrage: Wer ist der erfolgversprechendste Kanzlerkandidat für die Union? Ist es Wüst? Ist es Merz? Ist es ein Dritter?
Pragmatisch wollen sie die Kanzlerkandidatenfrage klären
Einen „konstruktiven Ansatz“ verfolgen sie nach eigenem Bekunden. Dies passt zur Selbstbeschreibung amtierender CDU-Ministerpräsidenten. Vom „mitfühlenden“, vom „pragmatischen Konservatismus“ ist die Rede. Sie wollen „Gestaltungspolitiker“ (Günther) sein, Ministerpräsidenten, „die nah bei den Menschen sind und erleben, was deren Bedürfnisse sind.
Dazu gehört auch, offen für neue Koalitionen zu sein“, wie Rhein sagt. Er hat nach der erfolgreichen Hessenwahl beschlossen, künftig lieber mit der SPD statt mit den Grünen zu regieren. Wüst und Günther haben sich für die Grünen entschieden, Wegner in Berlin für Schwarz-Rot.
Ex-Merkel-Beraterin Eva Christiansen: „Loyalität endet nicht mit einer Amtszeit“
Die Ministerpräsidenten treffen sich regelmäßig im Bundesrat, die anderen kommen etwa bei der unionsinternen Konferenz der Fraktionsvorsitzenden zusammen. Das Netzwerk der Europa-, Bundes- und Landespolitiker leitet der Ehinger Hagel. Sein Stellvertreter ist der Wittstocker Redmann. Der geht zwar nicht zur Jagd, sammelt aber gern Pilze und fährt Rennrad.
Pragmatisch wollen sie die K-Frage klären. In den ostdeutschen Landesverbänden wissen sie etwa, dass Merz mit seinem konservativen Profil gut ankommt. Wie es in Parteikreisen heißt, wollen die Ostverbände die K-Frage daher möglichst erst nach den Landtagswahlen 2024 in Brandenburg, Sachsen und Thüringen entscheiden.
Ein liberaler Hendrik Wüst mit seiner schwarz-grünen Koalition sei im Wahlkampf nicht hilfreich. Im Osten müsse die CDU rechts fahren, „aber nicht über den Strich“.
Ein Joker aus Bayern?
Beliebt im Osten ist noch ein anderer, der situativ über seine Rolle entscheiden wird: Markus Söder. Der CSU-Chef könnte ein gewichtiges Argument vortragen, um die große Schwester CDU zu überzeugen: das neue Wahlrecht.
SPD, Grüne und FDP haben beschlossen, dass Regionalparteien es deutlich schwerer haben sollen, in den Bundestag einzuziehen.
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst beteiligt sich am RTL-Spendenmarathon. Sein Name steht inzwischen für eine neue Generation von CDU-Politikern.
Foto: dpaEin Bundestag ohne die bayerische CSU? Damit gäbe es definitiv keinen Kanzler der Union. Ein Spitzenkandidat Söder, so das Kalkül, könne dafür sorgen, dass die CSU nicht nur viele Direktmandate in Bayern gewinnt, sondern auch so viele Stimmen für die CSU erhält, dass sie bundesweit über die Fünf-Prozent-Hürde kommt.
„Im Spätsommer 2024“, so betont CDU-Chef Merz, werde er mit Söder die K-Frage entscheiden. Beide warnen wie alle aus der Generation Wüst vor neuerlichen Chaoswochen wie vor der letzten Bundestagswahl 2021. Von einem geordneten Verfahren aber, etwa einem Auswahlgremium oder einer Mitgliederbefragung, ist nicht mehr die Rede.