Auktionsvorbericht: Versteckte Botschaften auf gepflegter Tafel
Düsseldorf. Kultivierten Tafelfreuden galt seine Leidenschaft. Dass der Unternehmer und Druckereifachmann Franz Eugen Burda (1932–2017) ein passionierter Sammler von Figurinen aus der Porzellanmanufaktur Meissen war, ist nur wenigen bekannt.
Zu Hause in Offenburg kombinierte er Malerei und Design des 20. Jahrhunderts mit den erstaunlichsten Erfindungen des Rokoko. Mit den fragilen Porzellanskulpturen aus Sachsen lebte Burda und präsentierte sie sogar als Tischdekoration. Wie im 18. Jahrhundert lenkten dann die anspielungsreichen Figurinen als ‚conversation pieces‛ das Gespräch während des Menüs in eine bestimmte Richtung.
Der älteste Sohn des Verlegerehepaars Aenne und Franz Burda senior hatte die Burda-Rotationstiefdruckerei in Deutschland und den USA aufgebaut. Bis zum Tod des Vaters 1986 war er geschäftsführender Gesellschafter der Burda-Gruppe. Anders als seine Brüder Hubert (mit dem Medienkonzern) und Frieder (mit dem Kunstmuseum in Baden-Baden) mied der Porzellan- und Silbersammler die Öffentlichkeit.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Offenburger „weißes Gold“ aus Meissen gesammelt, vor allem die Kleinskulpturen der Meistermodelleure Johann Joachim Kändler, Friedrich Elias Meyer oder Peter Reinicke. Er fand, was ihm gefiel, in Kunsthandlungen in Baden-Baden, München und auf der edlen Tefaf-Messe in Maastricht sowie in Londoner Auktionssälen.
Christie’s wird 160 Objekte zwischen dem 11. und 25. September 2024 online versteigern. Kändlers „Harlekin mit Pincenez“ ist ein moderat geschätztes Hauptwerk und mehr als eine humorvolle Figur, die auf einem Bein balanciert. Diese Commedia-dell’Arte-Figur hatte wie der Hofnarr die Freiheit zu sagen, was sie wollte. „Der Modelleur Kändler hat hier politisch gearbeitet“, unterstreicht Angela von Wallwitz auf Handelsblatt-Nachfrage.
Die Münchener Händlerin aus dem Topsegment hatte die Kleinskulptur einst mit anderen Stücken an Burda verkauft. Nasenzwicker und goldene Tabaksdose verwiesen hier auf den Adel. Die Schnupftabaksdose hängt weit geöffnet an einem Hosenknopf vor dem Gemächt. „Das ist eine Theatergeste für erotisches Begehren. Kändler kritisiert den Adel, der gebildet tut, siehe Brille, aber nur an Sex denkt“, fasst die Kennerin die versteckte Bildbotschaft zusammen.
Nachweisen kann die Expertin ihre These mit Notizen des Künstlers in seinem Arbeitsbericht. Christie’s schätzt dieses „conversation piece“ auf 20.000 bis 30.000 Pfund. Etwas höher angesetzt ist die berühmte „Handkuss“-Gruppe mit Mops, Liebhaber und Kaffee servierendem Diener. Sie soll zwischen 40.000 und 60.000 Pfund einbringen. Auf Messen war sie immer wieder für höhere Preise zu sehen.
Bei Burdas Topstücken könnte sich ein Bieterwettstreit entzünden, so wie im Frühjahr unter anderem bei Kändlers „Liebespaar mit Vogelkäfig“. 55 Porzellane aus der Sammlung des deutschen Logistikunternehmers Hadrian Merkle (1942–2018) hatte Christie’s Mitbewerber Bonhams Cornette de Saint Cyr flüssig absetzen können. Die Gesamteinnahme lag mit 948.450 Euro entschieden über der Schätzung von 594.800 Euro.
Am 31. Oktober wird Bonhams in einer Live-Auktion weitere 50 Skulpturen der Commedia dell’Arte in Paris aufrufen. Das wichtigste Los ist dort die seltene Gruppe von zwei sich prügelnden Harlekins, ebenfalls modelliert von Johann Joachim Kändler. Erwartet werden 200.000 bis 300.000 Euro.
Zurück zur Burda-Sammlung. Christie’s wird die meisten Einzelfiguren zu vier- und fünfstelligen Preisen im Netz anbieten. Die zahlreichen Vertreter bürgerlicher Berufe aus den Serien „Cris de Paris, London oder St. Petersburg“ beginnen bei 1200 bis 1800 Pfund, etwa für die „Gebäckverkäuferin“. Die Tierskulptur „Elefant“ mit reitendem Sultan und Mohr von Kändler und Reinicke geht mit 3000 bis 6000 Pfund ins Rennen um den höchsten Zuschlag, der Hofnarr „Josef Fröhlich“ mit 12.000 bis 18.000 Pfund.
„Ich glaube, Franz E. Burda liebte den Humor, die Launenhaftigkeit und die Kreativität der Meissener Skulpturen“, sagt Christie’s-Expertin Matilda Burn dem Handelsblatt. „Es gibt Figuren, die er seiner Sammlung hinzufügte, die aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammten. Er tat das, weil er die Figur aus dem 18. Jahrhundert nicht hatte“, erklärt sie das Gefälle, was die Qualität der Bemalung und der plastischen Ausformung betrifft. Je später gemacht, desto tiefer der Preis und weniger spannend für anspruchsvolle Sammler.
Viele Preise haben Abwärtstendenz
Als Franz Eugen Burda auf Einkaufstour ging, lagen die Preise für Porzellan-Figuren aus der Frühzeit von Meissen höher. Doch der Geschmack hat sich gewandelt. „In den vergangenen zehn Jahren gab es starke Preise für die besten Stücke“, beobachtet Burn. „Den Mittelmarkt gibt es noch – aber mit konservativeren Schätzpreisen.“
Die Figurinen werden ergänzt durch 37 Tabaksdosen. Sie warten zu Schätzpreisen zwischen 1200 und maximal 500.000 Pfund für die königliche Dose mit Dresden- und Warschau-Motiven auf entschlossene Bieter. Eine Dose fällt aus dem Rahmen. Sie hat eine Schmetterlingsform und war mit einer versteckten Uhr 1815 in der Schweiz für den Export nach China gefertigt worden. Dafür werden 50.000 bis 80.000 Pfund erwartet. Hier könnten sich Uhren- und Porzellansammler angesprochen fühlen, Europäer und Asiaten.