Ausstellung: Afrika und Byzanz neu gesehen
Cleveland. Wer je in Venedig den Markusdom besucht hat, ist mit der Pracht byzantinischer Kunst vertraut. Und auch wer nicht in die Lagune reist, konnte in New York die Kunst aus Byzanz kennenlernen. Allein vier wegweisende Ausstellungen hat das Metropolitan Museum of Art seit 1976 dazu in Szene gesetzt. Dabei wurden auch die Beziehungen zu Asien beleuchtet, oder der Austausch mit dem aufstrebenden Islam.
Aber erst jetzt richtet sich der Blick nach Süden. Dabei haben bei seiner größten Ausdehnung um die Mitte des 6. Jahrhunderts die Länder Nord- und Ostafrikas fast ein Drittel des byzantinischen Reiches ausgemacht. Der Einfluss seiner Hauptstadt Konstantinopel (heute: Istanbul) reichte bis in die christlichen nubischen Königreiche und hinein bis ins heutige Eritrea, in Teile Äthiopiens, Sudans und den Jemen.
Die gehaltvolle, prächtige Ausstellung „Africa & Byzantium” in Cleveland nimmt sich nun dieser Forschungslücke an. Das Cleveland Museum of Art und das Metropolitan Museum haben die Schau gestemmt. In New York war sie Anfang des Jahres zu sehen. Sie signalisiert das Bemühen, Afrikas Künste intensiver zu erforschen. Die 39 Essays des umfangreichen Katalogs liefern ein neues Narrativ von afrikanischer Kunst und Geschichte, losgelöst vom Kolonialismus und seinen Vermächtnissen.
Schwarze Menschen dürften nicht automatisch als Sklaven gelesen werden, warnt Sarah F. Derbew, Assistenzprofessorin an der Stanford University, in ihrem Katalogbeitrag. Eher geht es um Augenhöhe. Unter der Lupe der „Critical Race Theory” forscht sie vor allem über die Repräsentation von Schwarzen in Literatur und Kunst des antiken Griechenlands.
Der „Ashburnham Pentateuch“ etwa stellt hell- und dunkelhäutige Figuren dar. Dieses bebilderte Manuskript entstand in Rom oder Nordafrika, etwa um 600 n. Chr.. Vielleicht verweisen die diversen Menschentypen auf die multiethnische und vielsprachige Bevölkerung Ägyptens? Ohne die Hautfarbe symbolisch zu befrachten wie das bisher oft in der Forschung geschehen ist.
Komplexe Wechselwirkungen der Kulturen
Präsentiert werden Mosaike, Fresken, Ikonen, Manuskripte, Schmuck, Münzen, Architekturmodelle und Textilien. Mit fast 180 Exponaten ist die Show nur halb so umfangreich wie ihre bahnbrechenden Vorgängerinnen. Aktuelle Konfliktherde im Sudan und Äthiopien haben leider einige Leihgaben verhindert. Gleichwohl demonstrieren die Ausstellungsstücke aus über 30 internationalen Institutionen sehr gut die komplexen kulturellen Wechselwirkungen christlicher Vereinigungen zu anderen Kulturen und Glaubenssystemen.
Besonders eindrucksvoll sind bedeutende Ikonen, die das seit der Spätantike bewohnte Katharinenkloster im Süden Ägyptens beisteuerte. Wie Andrea Achi, Associate Curator of Byzantine Art am Metropolitan Museum, zum Besten gab, pilgerte sie auf Wunsch der Mönche zuerst auf den legendären Hausberg Sinai.
Achis siebenstündiger Marsch zahlte sich aus: Das auf dem Sinait heute immer noch aktiv verehrte Bild mit Jungfrau und Kind, flankiert von den Heiligen Theodor und Georg, nimmt nun einen Ehrenplatz in der Ausstellung ein. Es war von einem Künstler aus Konstantinopel im 6. Jahrhundert in Wachsfarben gemalt worden und kam wahrscheinlich als Geschenk Kaiser Justinians (482-565) in das mächtige Kloster.
Viele Objekte finden sich hier neu bewertet. Dazu gehört eine spätantike Brauttruhe, die 1912 in Nubien (heute: Sudan) als Grabbeigabe gefunden wurde.
Bisher galt der aufwendig mit mythologischen Motiven in Elfenbein intarsierte Mahagonikasten als Import aus der ägyptischen Hauptstadt Alexandria. Sie war, neben dem tunesischen Karthago, berühmt für die Produktion von Luxuswaren. Das belegt die Schau gleich zu Beginn ausführlich mit prächtigen Mosaiken, Objekten aus Bergkristall oder Schmuck. Heute weiß man aber, dass die Truhe von talentierten Handwerkern in Nubien gefertigt wurde.
Der Fokus der Show liegt auf dem Fortleben der byzantinisch-christlichen visuellen Kultur, weit über das Jahr 1453 hinaus, als das Reich von den osmanischen Türken annektiert wurde. Die Grenzen sind allerdings diffus: Äthiopien machte den christlichen Glauben bereits im Jahr 330 zur Staatsreligion. Doch seine bisher von der Forschung marginalisierte Kunst pflegte die byzantinische Bildsprache noch um 1700. Das provoziert die Frage: Wann endete das Byzantinische Reich eigentlich wirklich?
Die Schau lässt das offen, ihr geht es auch um die Relevanz der Ausstellung für die Gegenwart. In einem umfangreichen Begleitprogramm laden die Kuratorinnen die aktiven ägyptischen, äthiopischen, jüdischen, griechischen und afrikanisch-amerikanischen Gemeinden rund um Cleveland ein.
„Africa & Byzantinum“: Im Cleveland Museum of Arts bis 21. Juli 2024.