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AusstellungKunst aus dem Koffer

Die Frankfurter Galeristin Hanna Bekker vom Rath hat mit der Avantgarde Kunstmarktgeschichte geschrieben. An ihre improvisierten Reise-Verkaufs-Ausstellungen erinnert jetzt das Berliner Brücke Museum. Christian Herchenröder 18.03.2024 - 13:11 Uhr
Paul Klee „Läufer - Haker – Boxer“: Das Aquarell von 1920 aus ihrer Privatsammlung stellte Hanna Bekker vom Rath auf einer internationalen Wanderausstellung von 1962/63 mehrfach aus. Foto: Herbert Fischer, Frankfurt / Museum Wiesbaden

Berlin. Sie war keine Kunsthändlerin, die den Markt beherrschte, sondern eine Freundin und Förderin der Künstler. Dass das Berliner Brücke Museum Hanna Bekker vom Rath (1893 - 1983) eine faktenreiche Ausstellung widmet, bezeichnet die Ausnahmestellung der Galeristin.

Sie hat sich nicht erst mit ihrem 1947 gegründeten Frankfurter Kunstkabinett in die Marktannalen eingeschrieben. Als Gattin eines Theaterintendanten wollte sie nicht „Dekorum” sein, sondern ein zweites Leben in lebendigem Kontakt mit Künstlerinnen, Künstlern und deren Werken führen.

Es waren immer die „Wünsche nach Menschen”, die ihr Handeln bestimmten. Sie selbst war eine eher mittelmäßige Malerin, wie manche ihrer Porträts zeigen.

Seit 1916 beginnt sie, zunächst beraten von dem Frankfurter Kunsthändler Ludwig Schames, zeitgenössische Kunst zu sammeln: Erich Heckel, Alexander Archipenko, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee und Wilhelm Lehmbruck unter anderen.

1926 lernt sie Alexej von Jawlensky kennen und gründet zwei Jahre später für den inzwischen erfolglosen Künstler einen Förderkreis. In dem hat jedes Mitglied das Recht, alle vier Jahre ein Bild des Malers zu erwerben.

Lebenslange Freundschaft mit Künstlern

Eine Lebensfreundschaft, die über vierzig Jahre währte, verbindet sie mit dem Brücke-Maler Karl Schmidt-Rottluff; die Malerin Ida Kerkovius und die Bildhauerin Emy Roeder sind enge Freundinnen.

Nach 1933 gelang es ihr immer wieder Kunstfreunde und Künstler zusammenzuführen und, ohne finanziellen Gewinn, Ankäufe zu initiieren, so den Erwerb eines Schmidt-Rottluff-Gemäldes für das Museum der Gegenwart im Berliner Kronprinzenpalais.

Hatte sie schon vor dieser Zeit Künstlerfreunde in ihr „Blaues Haus” in Hofheim eingeladen, so nutzte sie in den Kriegsjahren 1940 bis 1943 ihre Atelierwohnung in Berlins Regensburger Straße, um heimliche Ausstellungen der verfemten Künstler Heckel, Nolde, Schmidt-Rottluff, Jawlensky, Nay und Hofer auszurichten.

Gefahr durch Gestapo

1941 schreibt Hanna Bekker ihrem Schützling Jawlensky: „Immer wieder kommen neue Menschen, voll Interesse + Liebe zur Kunst”. Hunderte Besuchernamen dieser Zeit erfasst ein Gästebuch, das sich trotz permanenter Bedrohung durch die Gestapo mit hunderten Eintragungen füllte.

„Mein Ziel: Überbrückung der durch das Dritte Reich entstandenen Kluft”. Diese Worte der Kunstvermittlerin aus Leidenschaft begleiten die Eröffnung des Frankfurter Kunstkabinetts Hanna Bekker vom Rath im Mai 1947. Die Debutschau ist Käthe Kollwitz gewidmet, die Hanna Bekker im Winter 1942 in ihrem Atelier besucht hatte.

In den ersten zehn Jahren figurieren in der Galerie Werke der Hausgötter Jawlensky, Nay, Nolde und vor allem Schmidt-Rottluff.

Dem hochgeschätzten Schmidt-Rottluff richtete die Galeristin in den vier Jahrzehnten 1947 bis 1987 nicht weniger als 13 Ausstellungen ein. Besonders originell war auch Bekkers Marketing.

Verkauft nach Südamerika aus dem Koffer

Neben der Ausstellungsaktivität entwickelt die Galeristin in den 1950er- und 1960er-Jahren eine ausgedehnte Reisetätigkeit, die sie zur Botschafterin der Kunst in den südamerikanischen Ländern, in Südafrika, Spanien, Griechenland, Libanon, Israel, der Sowjetunion, Marokko und Norwegen machen. In improvisierten Verkaufs-Ausstellungen zeigt sie dort im Koffer mitgereiste Werke, meist Graphik und Zeichnungen der Künstler ihrer Galerie.

Der Kontakt zu Kunstmuseen kulminiert in Ankäufen der hessischen Museen und des Berliner Brücke Museums, von denen viele direkt aus dem Nachlass der 1987 verstorbenen Galeristin stammen. Im September 1987 erwirbt das Wiesbadener Landesmuseum für 3 Millionen D-Mark 23 Gemälde, ein Aquarell und fünf Zeichnungen deutscher Expressionisten aus dem Nachlass, darunter allein elf Gemälde und drei Zeichnungen von Alexej von Jawlensky.

Unermüdliche Kunstvermittlerin

Noch in den letzten Lebensjahren von Hanna Bekker wird ihr Haus in Hofheim zu einem Domizil ihrer persönlichen Kunstsammlung und zu einem Treffpunkt für Maler, die hier in ländlicher Ruhe arbeiten können. In den 1970er-Jahren sah man die Hochbetagte in den Hamburger Auktionen von Hauswedell & Nolte als Bieterin, in späteren Jahren abgelöst von Joachim Cüppers, der über vierzig ihre Galerie-Stütze und späterer Geschäftsführer war.

Die Berliner Ausstellung zeichnet minutiös den Lebensweg einer rastlosen Kunstvermittlerin nach. Ausführliche Texte und biographische Bilder hat ein Roboter auf die Wände gedruckt. So ist es auch neben den Kunstexponaten, von denen nicht wenige aus dem Nachlass stammen, auch eine informative Lese-Ausstellung geworden.

Einsatz für weniger bekannte Künstler

Teppiche von Ida Kerkovius und Werke der Brücke-Expressionisten prägen die Schau. Mit einer Wand, auf der Arbeiten spät geförderter Künstler hängen, verschweigt sie nicht, dass die Wahl der Galeristin nicht nur erstrangige Künstler betraf. Auch die in der Dokumentation zum 50-jährigen Galerie-Jubiläum publizierte Ausstellungsliste eine Vielzahl von Künstlerinnen und Künstlern enthält, denen bis heute keine Kunstmarkt-Karriere vergönnt ist.

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Auch das ist eine Facette des Lebenswerks, das sich zeitlebens mehr der freundschaftlichen Kunstförderung als der marktkonformen Auslese verschrieben hat.

Bis 16. Juni im Brücke Museum, Berlin
anschließend in den Kunstsammlungen Chemnitz
Katalog in Vorbereitung

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