Berlin Biennale: Medial verstelltes Hier und Heute
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Skulpturen des Chinesischen Künstlers Guan Xiao. Aus Alltagsobjekten gebaut wirken sie fast antikisch.
Foto: dpaBerlin. Die 9. Berlin Biennale hat in diesem Jahr einiges zu bieten: Das vierköpfige Kuratorenteam – Lauren zu Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro – hat eine Kunstschau geschaffen, in der sich Bild, Installation, Video und Performance wirkungsvoll ergänzen. Manches in dieser an fünf Stationen arrangierten Ausstellung, die von der Kulturstiftung des Bundes mit 2,5 Millionen Euro gefördert wurde, bleibt an der Oberfläche. Aber die besten Arbeiten geben Denkanstöße über den Kontext der Schau hinaus.
Nur wenige der hier gezeigten Künstler wie Camille Henrot oder Guan Xiao haben einen soliden Marktstatus. So ergibt sich der Eindruck, dass in dieser Schau der Einfluss der Galerien eher gering ist. Über 40 Neuproduktionen werden vorgestellt, 20 der eingeladenen 50 Künstler und Produzentengruppen arbeiten in Berlin.
Das, was die Gamescom-Besucher dieses Wochenende in Köln fasziniert, hat schon Eingang in die Künste gefunden. Der Titel „The Present in Drag/Die verkleidete Gegenwart“ verweist auf ein medial verstelltes und überfrachtetes Hier und Heute, das wiederum nur mit Hilfe dieser Medien zu begreifen ist. Diese Paradoxie scheint unauflösbar. Die Koexistenz realer und virtueller Welten, das Gegenbild von Individuum und Masse ziehen sich wie ein roter Faden durch die Schau, in der sich das Unbehagen an Gesellschaft, Wirtschaft und Zivilisation zumindest streckenweise mit der Vision einer besseren Welt verbindet. Aber auch solche Gegenentwürfe sind nur partiell befreit von den Lockrufen des Internets.
Die 9. Berlin Biennale bespielt u.a. auch die Akademie der Künste in Berlin. Die weiblichen Mannequin sind Teil einer Installation von Anna Udenberg.
Foto: dpaParadigmatisch für diesen Aspekt ist die zentrale Arbeit der Amerikanerin Cécile B. Evans in der Erdgeschosshalle der KW Kunstwerke in der Auguststraße, wo die substanziellsten Beiträge präsentiert werden. Auf einem von Wasser umspülten Pier können sich die Besucher niederlassen, um das emotionale Video „What the Heart Wants“ anzusehen, das Bilder einer zukünftigen Welt zusammenschweißt. In dieser rapiden Bildfolge wirkt die Natur wie eine Augenweide, während die inneren Zirkel der Existenz von einsamen Avataren beherrscht werden, von einer Krebsgeschwulst mit lockenden Armen, von einem grauen Warenarsenal, von einem „Dream Market“, in dem virtuelle und reale Welt magisch verschmelzen.
Menschelndes Gegenbild zu dieser skeptischen Vision ist das im Nachbarraum gezeigte Video „Army of Love“ von Alexa Karolinski und Ingo Niermann. Hier werden in einem Wellness-Bad durch Sexarbeiter und Körper-Animateure Berührungsängste abgebaut. Trotz der fiktiven und realen Interviews, die diese Streichel- und Bewegungsszenen untermalen, bleibt der Eindruck einer künstlichen, ökonomisch verwerteten Nähe.
In der Akademie der Künste in Berlin sehen sich die Besucher in einer Video-Installation selbst - aber von hinten.
Foto: dpaSo distinguiert diese körperliche Annäherung ist, so brutal fällt die kollektive Bewegung bei Open-Air-Spektakeln ins Auge, die der holländische Künstler Anne de Vries in seinem Video „Critical Mass“ als Musterbeispiel elektronisch beschallter Vermassung zeigt. Seinem offensiven Video ist ein Modellbau einer solchen Veranstaltung beigesellt, der als braves Gegenbild zu dem manipulierten Kollektiv im Video wirkt.
Ersticken an Emails
Marktstar in dieser Sektion ist die Französin Camille Henrot, die mit ihrem saalfüllenden „Office of Unreplied Emails“ leger gemalten Tierbildern handgeschriebene Antworten auf bedrängende E-Mails beigibt, die Boden und Wand füllen. Bilder und multiplizierte Kalligrafie sind Selbstbehauptung des Individuums gegen den Druck der digitalisierten Welt. Die erst im letzten Jahr in London gegründete Künstlergruppe ayr hat im ersten Geschoss der KW eine Wandkonstruktion gebaut, in der häusliche „Gemütlichkeit“ mit der Anonymität leerer Architekturszenerien gekoppelt ist. Hier wird die Frage in den Raum gestellt, wie weit sich angesichts weltumspannender Aktivitäten von Wohnungsvermittlern wie Airbnb noch individuelle Rückzugsräume bewahren lassen.
Im Bunker der Feuerle Collection repräsentieren vier Künstler die Berlin Biennale. Der interessanteste ist der in Beijing lebende Guan Xiao, der Skulpturen antiker Anmutung aus alltäglichem Material wie Autoreifen, Auspuffrohr, Stahlrahmen, Stoffquaste und Holzwurzel komponiert. In Berlin wird er von der Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler vertreten, die ihn bereits 2014 auf der Messe abc präsentierte. Die kopflastigen Arbeiten der vier im ehemaligen Staatsratsgebäude (der heutigen European School of Management) ausgestellten Künstler kann man sich schenken.
Dafür gibt es in der Akademie der Künste am Pariser Platz immerhin ein paar Positionen, die optisch und mental überzeugen. Die Schwedin Anna Udenberg hat im Erdgeschoss weibliche Puppen in sexistischen Posen verteilt, die als Affront und komisch zugleich wirken.
Eine Frau betrachtet im Rahmen der Biennale im Telebunker ein Kunstwerk des Künstlerduos Andree Korpys und Markus Löffler.
Foto: dpaEines der besten Videos der Ausstellung läuft im 2. Obergeschoss der Akademie. Nicht ohne Humor und mit rhythmischem Drive verarbeitet der Türke Halil Altindere im Video „Homeland“ die Situation der Flüchtlinge, die rennen, Zäune überwinden, von Drohnen überflogen werden, überfüllte Züge besetzen und in Berlin ankommen. Ein in Berlin lebender syrischer Rapper gibt dem Video seine Stimme – als Geflüchteter, der am liebsten wieder zu Hause wäre.
Zündende Bildkraft
Gegenüber einem solch mitreißenden Beitrag wirkt die Kapitalismus- und Globalisierungskritik, die in einigen Sektionen abläuft, reichlich blutleer. Manche Positionen dieser Biennale, die im Land der „happy economics“ Widersprüche unserer Zeit aufdecken will, bleiben kursorisch. Lösungen sind auch von den anderen Beiträgen nicht zu erwarten. Aber da, wo die Bildkraft zündet, wird der Geist gefordert.
9. Berlin Biennale: u.a. in der Akademie der Künste, Potsdamer Platz; der ESMT, Schlossplatz 1;
Feuerle Collection, Hallesches Ufer 70; KW Kunstwerke, Auguststr. 69.
Noch bis zum 18.9. Katalogbuch 16