Kunstmarkt: Beim Gallery Weekend in Berlin geben Frauen den Ton an
Berlin. Zahlreiche hochkarätige Vernissagen in insgesamt 46 Galerien: Damit lockt das Gallery Weekend Sammler nicht nur aus ganz Europa, sondern auch aus den USA für das bevorstehende lange Wochenende nach Berlin. Ungezählte weitere Präsentationen in Privatgalerien und das Programm von Museen wie dem Hamburger Bahnhof und neuen Kunsträumen wie dem PS120 in der Potsdamer Straße ergänzen das Mammutprogramm.
Und eines zumindest lässt sich aus dem diesjährigen Angebot herauslesen: Es ist stärker als sonst auf Arbeiten internationaler Künstlerinnen fokussiert.
Eine der schönsten Ausstellungen femininer Kreativität ist im Schinkel Pavillon hinter der durch angrenzende Neubauten ramponierten Friedrichswerderschen Kirche zu sehen. Es sind von 2003 bis 2010 vorwiegend aus Stoff entstandene Werke von Louise Bourgeois. Unter dem Titel „The Empty House“ betonen sie den Kontrast zwischen hart und weich, männlich und weiblich, Fülle und Leere.
„Ich muss den Raum kontrollieren, weil ich Leere nicht ertragen kann“, hatte die Künstlerin schon 1958 erklärt. In einem Käfig hängen neben Püppchen aus Kaninchenhaut helle Chiffontücher, die wie abgenutzte Kleider wirken. Von bewegender Delikatesse ist ein miniaturhaft umschlungenes Paar aus zusammengenähtem rosa Stoff, das unter einem rosa Schleier in einer Marmorvertiefung ruht.
Neben diesen starken Werken haben es lebende Künstlerinnen nicht leicht. Doch ihr Formenpotenzial zu wahren gelingt der Deutsch-Türkin Nevin Aladag in ihrer vierten Einzelausstellung in der Galerie Wentrup (bis 16. Juni). Mit Versatzstücken aus europäischen Teppichen schafft sie farbige, abstrakte Bildwerke. Elemente pastellfarbig gefasster Keramik fügt sie geschickt zu einem ornamentalen Gitterwerk orientalischer und westlicher Baukunst zusammen.
Bei Carlier/Gebauer hat die Schwedin Cecilia Edefalk ihren ersten Auftritt in Berlin. Ihr Markenzeichen ist die gattungsübergreifende serielle Arbeit an ein- und demselben Motiv, das Trennen und Multiplizieren vorgegebener Formen. Charakteristisch ist der „Double Marcus Aurelius“, die weiß oxidierte Bronze eines Kaiserkopfs, der fragmentarisch und gedoppelt von seinen Gussbahnen getragen wird. Cecilia Edefalk fängt hier das Transitorische des Entstehungsprozesses mit ein.
Während die Ausstellung von Claudia Comte in der Galerie König von 20 von der Decke herabhängenden Bäumen dominiert wird, strahlen die Werke der Pakistanerin Huma Bhabha bei Contemporary Fine Art eine herbe figurative Präsenz aus. Die Bildhauerin hat vor einigen Wochen auf dem Dachgarten des New Yorker Metropolitan Museums eine Figurengruppe aufgestellt, die trotz des Titels „We Come in Peace“ eine bedrohliche Anmutung hat. Manche ihrer Figuren, die ursprünglich in vergänglichem Material wie Styropor oder Kork geschaffen und teilweise in Bronze gegossen sind, wirken wie Fetische (bis 2. Juni).
Zu den in Los Angeles lebenden „Black artists“ gehört Senga Nengudi, die bei Sprüth Magers mit einer Auswahl ihrer Fotoarbeiten und Skulpturen aus Nylonstrumpfhosen, Sand und Metall vertreten ist. Nylon ist seit den siebziger Jahren ihr favorisiertes Arbeitsmaterial, dem sie als Feministin eine formprägende psychische Qualität zugesteht: „Wie eine Pantyhose kann die Psyche sich dehnen, dehnen, dehnen und ihre wahre Form wiederfinden.“ Gleichzeitig thematisiert hier ein 17-minütiges Video von Kara Walker in Form eines Schattentheaters das Rassenproblem in einer mit Lynchmord endenden Liebesgeschichte (je bis 28. September).
Einen starken Kontrast zu solch narrativer Kunst setzen die minimalistischen, aus der kargen Bürowelt entlehnten Arbeiten von Karin Sander, die in der „Fahrbereitschaft“ der Haubrok Foundation bis 7. Juli ausgebreitet werden.
Wie immer hat auch die Moderne ihren angestammten Platz. Bei Aurel Scheibler gibt es eine Gegenüberstellung linearer Kompositionen von Ernst Wilhelm Nay und Norbert Kricke. Bei Wolfgang Werner sind 13 Werke von Willi Baumeister aus den 1930er-Jahren vom Tennisbild bis zu den schwebenden Formen des Jahres 1938 versammelt. In dieser Zeit hatte Baumeister auch schon in Paris einen Namen, den er sich jetzt auf internationaler Bühne wieder erobern muss (bis 2. Juni).
„Spirit of Reality“ nennt Klaus Gerrit Friese seine Ausstellung mit repräsentativen Bildern aus den 1960er- bis 1990er-Jahren von Georg Karl Pfahler. Der Einblick in die popartige Reduktion der Bildzeichen kam in Zusammenarbeit mit dem Pfahler-Archiv zustande (bis 2.6.). Die letzte Berliner Marwan-Ausstellung fand vor neun Jahren im Haus am Waldsee statt.
Ein Filmstill aus dem scherenschnittartigen Video von 2011.
Foto: © Kara Walker Courtesy Sprüth Magers and Sikkema Jenkins & Co.Jetzt hat die Galerie Haas eine imponierende Retrospektive mit Signalwirkung zusammengetragen. Der Syrer Marwan (1934-2016) blieb seit seinem Studium bei Hann Trier der Spreestadt verbunden. Marwan erzielte in deutschen Auktionen sechsstellige Preise. Die Schau ist einem Maler gewidmet, dessen stilistische Eigenart sich in der reichen Doppelwelt von Figuration und Abstraktion entfalten konnte, deren Antinomie er streckenweise aufzuheben versteht (bis 16. Juni).
Ein Marktfaktor allererster Ordnung ist Thomas Struth, dessen Fotoarbeiten seit Jahren in den Londoner und New Yorker Auktionen reüssieren. Die Galerie Max Hetzler zeigt in vorübergehend bespielten Räumen am Kurfürstendamm 213 („by appointment“) Tierfotos, die Struth im Laboratorium des Leibniz Institute for Zoological and Wildlife Research aufgenommen hat. Er zeigt verendete Tiere in einer ebenso fragilen wie würdigen Position, was wie ein über die aussterbende Kreatur hinausweisendes Memento der Vergänglichkeit wirkt (bis 2. Juni).
Weitere Galerieausstellungen sorgen für Kontraste. Neue, Leere und Distanz beschwörende Werke von Tim Eitel entfalten bei Eigen & Art ihre Wirkung. Bildausschnitt, Innenraum und Landschaft sind Teil einer subtilen Transformation (bis 26. Mai). „Immer noch der Lauf der Dinge“ nennt Julius von Bismarck seine Ausstellung bei Alexander Levy, wo ein Laufband den Galerieboden komplett bedeckt. Der Besucher wird so gezwungen, permanent dynamisch zu bleiben und sich auch beim Betrachten eines Videos, in dem Tiere zu fallen scheinen, Gedanken über Stillstand und Bewegungsabläufe zu machen (bis 9. Juni).
Auch die Auktionshäuser haben das Gallery Weekend als wichtigen Treffpunkt mit ihren Kunden erkannt und nutzen es als Reklamefaktor. Das Kölner Haus Van Ham zeigt in der Dependance des Bankhauses M.M. Warburg & Co. eine Auswahl von 40 Werken seiner Frühjahrsauktion. Im Mittelpunkt stehen Gemälde von Liebermann, Corinth, Nolde und Kirchner aus der Sammlung des Kölner Unternehmers Wilhelm Waffenschmidt (bis 29. April).
Bestechend in ihrer Vielseitigkeit ist die Ausstellung des Auktionsriesen Christie’s. In der Tschechischen Botschaft signalisiert ihr Titel Kompetenz: „Making and Collecting Art in Germany“. Hier verkörpern Exponate aus Privatsammlungen und aus kommenden Auktionen die „Ideale der Schönheit und Faszination für das Schreckliche“ in der deutschen Kunst. Zwei Riesenformate von Neo Rauch und Martin Kippenberger sind die Eckpunkte, zwischen denen sich ein Panorama dicht präsentierter Objekte ausbreitet.
Hier hängt Menzel neben der Picasso-Zeichnung, ein Blatt aus der Kriegsfolge von Dix neben Dürers Meisterstich „Ritter, Tod und Teufel“. Der Filzanzug von Joseph Beuys fehlt so wenig wie Gerhard Richter oder die Expressionisten Max Pechstein und Otto Mueller. Die Auswahl ist imposant genug, um Gourmets aller Kunstgattungen in die Londoner Auktionen zu locken (bis 29.4.). Und so bleibt das Gallery Weekend Berlins kommerziell erfolgreichste Kunstverkaufsveranstaltung.