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Kunstprojekt in Los AngelesIdeenschmiede für eine ferne Zukunft

Für die kalifornische Initiative PST ART entwickeln Künstler und Wissenschaftler Visionen zur Bewältigung der globalen Krisen. Ein roter Faden sind Überlegungen zum Klimawandel. Financier ist die Getty Stiftung.Barbara Kutscher 03.10.2024 - 08:15 Uhr Artikel anhören
Disput im Natural History Museum of Los Angeles County. Anlass ist das Kunstprojekt PST ART, das Künstler und Wissenschaftler zusammenführt. Foto: Natural History Museum of Los Angeles County

Los Angeles. Könnte es sein, dass in nicht allzu ferner Zukunft, etwa um das Jahr 2050, die verbliebenen zehn Milliarden Bewohner der Erde in einer einzigen, vertikal angelegten Stadt hausen werden, die so groß ist wie der Staat Texas? Diese provokante Fiktion spielt gerade die Ausstellung „Views of Planet City“ im renommierten Architekturinstitut SCI-Arc in Los Angeles durch. Ein Film präsentiert uns das voll funktionsfähige Modell einer Stadt, lässt uns durch enge Häuserschluchten gleiten, getaucht ins künstliche, purpurne Licht der vertikalen Farmen.

Fantasievolle Kostüme und Masken sollen von täglich wechselnden karnevalesken Festivals der bunt gemischten Kulturen zeugen. Seine radikal optimistische Antwort auf die Klimakrise sei gar nicht so weit hergeholt, erklärt Liam Young sein Konzept. Der Film sei zwar von Science-Fiction und Video-Spielen beeinflusst, beruhe aber auf Studien der am dichtesten besiedelten Städte der Welt, wie etwa Manila, sowie der „Half-Earth“-These des amerikanischen Biologen Edward O. Wilson. Er hatte bereits 2016 die großflächige Einrichtung globaler Naturschutz- Korridore vorgeschlagen.

Auch diese Schau ist Teil von PST ART (früher Pacific Standard Time), der von der Getty Foundation zum dritten Mal finanzierten Kunstinitiative. Über 70 große und kleine Institutionen beteiligen sich und versetzen Südkalifornien von Santa Barbara bis San Diego in einen Kunsttaumel. Arbeiteten die ersten Ausgaben (2011/12 und 2016/17) vor allem die Geschichte von Los Angeles und ihrer Bewohner auf, greift nun das Thema „Art & Science Collide“ buchstäblich nach den Sternen.

Gegen die vernunftfeindliche Stimmung im Land

Kunst und Wissenschaft kämpfen mit denselben Fragen und Problemen, lösen sie kreativ aus unterschiedlichen Blickwinkeln, argumentieren Verantwortliche. Mit diesem Thema soll aber auch die vernunftfeindliche Stimmung im Land attackiert werden.

Fast überwältigend viel Neues wird präsentiert: aufwendige Leihausstellungen oder esoterische Themen der Subkultur, wie etwa die enge Beziehung von Science-Fiction und okkultem Interesse in der LGBTQ-Gemeinschaft um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Zum ersten Mal wurde zur Geschichte der Farbe im Film geforscht, zur frühen nachhaltigen Landwirtschaft des bekannten schwarzen Botanikers und Künstlers George Washington Carver und zu Beatriz da Costas technowissenschaftlichen Experimenten. Kosmologische Konzepte in präkolumbischer Kunst werden vorgestellt, pixelbasierte Bildverarbeitung der letzten 60 Jahre oder Cyberpunk im Film.

Im Oceanside Museum of Art geht es unter dem Titel „Dark Paradise" um Wiederherstellung und Zukunft der Meere. Abgebildet ist das Standbild eines Videos von Paul Rosero Contreras. Foto: Paul Rosero Contreras, Dos Islas Studio / USFQ, 2023 – 2024

Einen roten Faden legen Überlegungen zum Klimawandel. Schließlich ist Kalifornien durch zahlreiche Naturgefahren besonders verwundbar. Dazu wurden auch indigene Künstler eingeladen, die jahrtausendealte Wissenstradition ihrer Vorfahren beizutragen.

Sehr eindrucksvoll bindet The Huntington in San Marino den Klimawandel in den historischen Kontext („Storm Cloud: Picturing the Origins of our Climate Crisis”). Schon den britischen Universalgelehrten John Ruskin beunruhigten 1884 ungewöhnliche Wolkenformationen, verursacht durch die Luftverschmutzung der Industrialisierung. Labels der Exponate mit interaktiven Diagrammen machen uns den stetig gestiegenen CO2-Ausstoß erschreckend deutlich.

Marswinde lassen künstliches Gras schwingen

Nicht wenige Ausstellungen knüpfen an die glorreiche Zeit Südkaliforniens als Zentrum der Luft- und Raumfahrtindustrie an. Das Palm Springs Art Museum versammelt amerikanische Künstler nach 1945, deren abstrakte Werke auf naturwissenschaftlichen Forschungen beruhen. So verarbeitete die 1922 in Lüneburg geborene Bettina Brendel in ihren Gemälden Erkenntnisse aus der Atomphysik, Quantenphysik und der Erforschung des Lichts. („Particles and Waves: Southern California Abstraction and Science, 1945–1990“).

Ganz aktuell nutzten elf Künstler die Gelegenheit, mit Ingenieuren und Wissenschaftlern des legendären Jet Propulsion Laboratory (JPL) zusammenzuarbeiten, das ab 1936 Raketen entwarf und auch heute noch Satelliten und Raumsonden für die Nasa baut und steuert. Entstanden sind poetische Werke wie Duftlandschaften von Planeten oder eine Simulation von Marswinden, die künstliches Gras schwingen lassen („Blended Worlds: Experiments in Interplanetary Imagination“).

Das Getty allein stemmt auf seiner burgähnlichen Anlage hoch über dem Pazifik etwa ein halbes Dutzend Ausstellungen. Highlight ist „Lumen: The Art and Science of Light“: Hier berückt nicht nur die Menge der qualitätvollen internationalen Leihgaben. Die Show versetzt uns zurück ins Mittelalter, als Wissenschaft die gemeinsame Sprache von christlichen, jüdischen und muslimischen Kulturen war.

Das The Huntington in San Marino bindet den Klimawandel in den historischen Kontext. Abgebildet ist eine Aquatinta von Philippe-Jacques de Loutherbourg aus dem Jahr 180. Die Emissionen können heute als Vorboten der Klimakrise gelesen werden. Foto: The Huntington Library, Art Museum, and Botanical Gardens

Kurz vor dem Ausgang werden wir von einer etwa zweiminütigen Animation in den Bann geschlagen: Raffiniertes Lichtdesign simuliert, wie wechselndes Sonnenlicht schließlich durch flackernden Kerzenschein abgelöst wird. Er scheint die Figuren der vergoldeten Altar-Schauwand aus der belgischen Benediktinerabtei Stavelot (Paris, Musée Cluny, ca. 1160–70) zu beleben.

Wer schafft es, bis zum Februar alle Ausstellungen zu sehen? Nicht zu vergessen sind auch die 48 Einzelausstellungen der Galerien, die auch auf der Website pst.art gelistet sind und zur Finanzierung beitrugen. Scott Tennent vom Hammer Museum weiß aber: „Viele Besucher behandeln es wie ein Spiel (game).” Ehrgeizig heißt es, möglichst viele Shows an den neun Kristallisationspunkten abzudecken. Der vom Getty mit inzwischen weit über 20 Millionen Dollar finanzierte luxuriöse Forschungszeitraum von fünf Jahren ist jetzt schon als Ideenschmiede mit internationaler Ausstrahlung etabliert.

Wie eine Studie belegt, trägt die stets gewachsene Initiative auch wirtschaftliche Früchte: Die letzte Ausgabe von 2016/17 zählte über drei Monate 2,8 Millionen Besucher, die Wirtschaftsleistung der Region wurde um 430 Millionen Dollar gesteigert. Künftig soll dieses größte kulturelle Event in den USA alle fünf Jahre stattfinden.

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