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Privatsammlung KiCo im Lenbachhaus Wo bleiben die Künstlerinnen?

Die KiCo-Stiftung erwirbt zeitgenössische Kunst gezielt für Museen. Eine Ausstellung im Münchener Lenbachhaus und Videos im Netz bezeugen das gelungene Zusammenspiel.
28.01.2021 - 12:55 Uhr Kommentieren
Die österreichische Künstlerin erzählt ihre Geschichten mit Schalk. Ihre Motorradfrau entstand 2001. Quelle: Maria Lassnig Stiftung; VG Bild-Kunst, Bonn 2021
Maria Lassnig „Landmädchen“

Die österreichische Künstlerin erzählt ihre Geschichten mit Schalk. Ihre Motorradfrau entstand 2001.

(Foto: Maria Lassnig Stiftung; VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

München Grell und gleißend leuchtet Monica Bonvicinis Installation „Blind Protection“ einen Raum im Münchener Lenbachhaus aus. In der Kunst der Wahlberlinerin geht es stets um Machtstrukturen. Leuchtstoffröhren, von einer Kette umwickelt, erhellen die Architektur. Letztere setzt Normen und steht laut Bonvicini für männliche Vorherrschaft.

Ein paar Schritte weiter spielt Isa Genzken in ihrer Collagen-Serie „Soziale Fassaden“ mit Glanzfolien und Klebeband eine urbane Utopie kritisch durch. Beide Werke figurieren in der aktuellen Ausstellung „Die Sonne um Mitternacht schauen“, mit der das bedeutende Museum am Königsplatz turnusgemäß neuen Einblick in seine Bestände gibt. Beide Arbeiten haben eine weitere Gemeinsamkeit. Sie sind durch die KiCo-Stiftung Teil der musealen Sammlung geworden.

Die Stifter scheuen die Öffentlichkeit. Mittlerweile ist durchgesickert, dass der Bonner Softwareentwickler Hans-Gerd Riemer und seine Ehefrau Doris Keller-Riemer hinter der Stiftung stehen. Ohne ihr Mäzenatentum hätten zahlreiche bedeutende Werke wohl nicht den Weg ins angesehene Lenbachhaus gefunden. Auch die Foto-Serien der bundesdeutschen Chronistin Barbara Klemm und ihres ostdeutsches Pendants Helga Paris kamen so ins Haus.

Nicht selbstverständlich ist diese Art der großzügigen Zusammenarbeit. Als das Bonner Sammlerpaar eines Tages keinen Platz für weitere Kunstwerke im eigenen Haus fand, entstand die Idee der Stiftung. Diese sammelt zeitgenössische Kunst von Malerei bis zu raumgreifenden Installationen, um als Bestand zwei Spitzenmuseen bereichern. Strategisch genau werden so seit Jahren das Kunstmuseum Bonn und das Lenbachhaus erweitert.

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    Letzteres kann mit der aktuellen Ausstellung zeigen, dass es früh Kunst von Frauen gesammelt und sich an den Fragen der Zeit orientiert hat.

    Ein Hammerschlag gegen weibliche Klischees in der Kunst ist bis heute Valie Exports Fotoporträt zu ihrer Aktion „Expandet Cinema“ von 1968. Da wo das Schamdreieck liegt, hat sie eine große Öffnung in ihre Hose geschnitten und zeigt den wuscheligen Venushügel. In der Hand hält sie ein Maschinengewehr. In diesem Dress persiflierte sie in Kinosälen die hochgerüstete Machokultur der Filmindustrie wie auch das gängige Frauenbild.

    Die Fotografie des „Performance Piece“ von 1977 finanzierte die KiCo-Stiftung Quelle: Lenbachhaus / Sammlung KiCo   Senga Nengudi
    Senga Nengudi

    Die Fotografie des „Performance Piece“ von 1977 finanzierte die KiCo-Stiftung

    (Foto: Lenbachhaus / Sammlung KiCo Senga Nengudi)

    Eine Schau radikaler feministischer Positionen aber ist die neu gestaltete Sammlungs-Präsentation von Gegenwartskunst nicht. Michaela Meliáns Wandinstallation „Mossberg Model Bullpup“ etwa, 1992 kurz nach dem Zweiten Golfkrieg entstanden, reiht bunte, mit Watte ausgestopfte Stoffgewehre aneinander. Die Härte des Krieges wird hier umgekehrt gespiegelt in weicher Watte.

    Die Kuratoren Eva Huttenlauch und Matthias Mühling zielen mit ihrer neuen Auswahl auf den polarisierend geführten Disput um Machtstrukturen und Rollenbilder, um Fragen der Identität, Normierung und sozialen Herkunft. Die Debatte darum schwelt seit gut 50 Jahren. Und es tut gut, manches mit historischem Abstand zu betrachten. Dass sich vorwiegend Künstlerinnen mit ihr auseinandersetzen, ist nicht verwunderlich. Wer sollte sonst die Strukturen männlicher Dominanz in Frage stellen?

    Präsenz in den sozialen Medien

    Wie in allen Museen Deutschlands sind die Türen des Lenbachhauses vorübergehend geschlossen. Was bleibt, ist gesteigerte Präsenz auf den Social-Media-Kanälen. Ab heute wird sechs Wochen lang je ein neuer Film freigegeben. Den Anfang macht heute Valie Exports „Tapp- und Tastkino“-Aktion.

    968 stand die Wienerin auf dem Münchener Karlsplatz mit einem großen Kasten vor der Brust. Für 30 Sekunden durften Männer vor laufender Kamera ihre Hände hineinstecken und ihren Busen berühren. Der Betrachter wird Zeuge, wie Lüsternheit und Scham in die Gesichter der umstehenden Männer kriechen.

    In Deutschland noch relativ unbekannt ist die afroamerikanische Performerin Senguda Nengudi. Filmsequenzen von ihrer legendären Tanzperformance „R.S. V. P.“ leiten das Video ein. In einem Netz aus festgepinnten Nylonstrumpfhosen verstrickt, entstehen durch Bewegung abstrakte Formen.

    Die Nylons waren jahrelang der experimentelle Stoff, aus dem Nengudis fotografisch fixierte, aber auch reale Skulpturen entstanden. In Deutschland vertritt die Galerie SprüthMagers „die legendäre Avantgarde-Künstlerin, deren bedeutende Installationen in einen Koffer passen“. Ihre Arbeiten werden zu Preisen zwischen 20.000 und 100.000 Euro angeboten.

    Ein Vier-Minuten-Clip bleibt freilich nur ein virtueller Brückenschlag. Wer die Ausstellung noch im Herbst gesehen hat, wird sich erinnern. Mystisch und unergründlich gibt Katharina Sieverding ein Statement der Selbstreflexion in ihrer mehrteiligen titelgebenden Fotoarbeit „Die Sonne um Mitternacht schauen“ von 1988.

    Objekt männlicher Begierde

    Mit Goldstaub bepuderte die Künstlerin ihr Gesicht, um es zu einer archaisch-göttlichen Maske zu stilisieren. Doch die erstarrte Fassade ist trügerisch. Unter der feuerroten Gluthitze der Sonne beginnt sie sich aufzulösen. Die Düsseldorfer Fotografin hat mit ihren Werken schon früh die Ausdrucksmöglichkeiten ihres Mediums erweitert wie auch Cindy Sherman. Die Amerikanerin, berühmt für ihre konzeptuellen Rollenspiele, prangert in großformatigen Fototableaus aus den 1980er- und 1990er-Jahren die Konstruktion des weiblichen Körpers durch Pornoindustrie und Medien an.

    Der Körper spielt vor allem in der Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts eine Rolle. Das Objekt männlicher Begierde verwandelt sich zum subjektiven Ausdrucksmittel der Selbstdarstellung und zur Gegenposition einer sexualisierten Blickrichtung. Eine „Me too“-Debatte gab es noch nicht, als Friederike Pezold zwischen 1973 und 1977 ihr Video „Die leibhaftige Zeichensprache nach den Gesetzen der Anatomie, Geometrie und Kinetik“ drehte. Auf vier Monitoren zeigt die Experimentalfilmerin und Fotografin jeweils Augen, Mund, Brust und Scham und reduziert ihren schwarz-weiß bemalten Körper auf grafische Formen.

    Das Acrylgemälde
    Michel Majerus

    Das Acrylgemälde "Einschiffung" ist eine Leihgabe der KiCo-Stiftung im Kunstmuseum Bonn (Ausschnitt).

    (Foto: Nachlass Michel Majerus, 1996, Foto: Jens Ziehe, neugerriemschneider, Berlin)

    Noch 1989 fragte das New Yorker Kunst-Aktivistinnen-Team Guerrilla Girls: Müssen Frauen nackt sein, um in einem amerikanischen Museum gezeigt zu werden? Vieles hat sich seitdem geändert. Auch die Bewertung auf dem Kunstmarkt holt auf. Die Preiskurve für Maria Lassnig etwa, die ihre Arbeit als Körperbewusstseinsmalerei definierte und in der Ausstellung unter anderem mit ihrem kessen „Landmädchen“ und mit „Erniedrigte und Beleidigte“ vertreten ist, steigt stetig. Die Spitze setzte 2019 Phillips New York mit einen Hammerpreis von umgerechnet 518.000 Euro.

    Direktor Mathias Mühling beschreibt im Video-Clip zur Ausstellung das Werk der 2014 verstorbene Österreicherin als in jeder Hinsicht emanzipatorisch. Die Moderne sei abstrakt, humorlos und ohne erzählerischen Inhalt, kritisiert Mühling. Maria Lassnig hatte den Mut, sich von dieser Vorgabe zu lösen. Ihre Malerei ist figürlich, erzählt Geschichten und enthält sehr viel Schalk. Wann der Funke wieder live überspringen darf, ist momentan nicht vorhersehbar. Doch die vielseitige Schau soll bis zum 21. August laufen.

    „Die Sonne um Mitternacht schauen“ läuft in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und im Kunstbau bis zum 21. August 2021

    Mehr: Fotografin Katharina Sieverding: Beuys-Schülerin sprengt die Grenzen der Fotografie

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