Rubin Museum of Art: Ein Museum für asiatische Kunst geht auf Wanderschaft
New York. In der Himalaya-Region trifft man sie an jedem Bergpass und Gipfel an: die im Buddhismus üblichen Gebetsflaggen, meist kleine rechteckige Fahnen, die im rauen Wind flattern und so verwittern sollen. Aber nicht immer lösen sie sich vollständig auf. Das brachte Asha Kama Wangdi, einen der bekanntesten Künstler aus Bhutan, auf eine Idee: gewaschene Fahnen zu einer raumgreifenden Skulptur zu bündeln.
Die imposante Installation hängt derzeit im New Yorker Rubin Museum of Art, über fünf Stockwerke im Inneren der zentralen Wendeltreppe. „Dreißig oder fünfunddreißig Jahre habe ich an ‚The Windhorse (lungta)‛ gearbeitet“, erläutert der Künstler. Fünf Pferdeskulpturen, ebenfalls in den Farben Blau, Weiß, Rot, Grün und Gelb, springen den Museumsflaneur aus dem Bündel von Gebetsflaggen an. Sie verkörpern Güte und positive Energie, die in uns allen wohnen und frei machen sollen.
Wer wissen möchte, was sich in der zeitgenössischen Szene der Himalaya-Region tut, dem vermitteln hier 32 Künstler aus Tibet, Bhutan, China, Indien und vor allem Nepal einen Eindruck. Auf sechs Etagen gilt es, 50 Gemälde, Skulpturen, Sound-Arbeiten, Videos, Installationen und Performances zu entdecken. Ihnen gegenüber stehen historische Objekte aus der Museumssammlung. Damit will das privat initiierte Museum das Kontinuum der Kulturen belegen.
Wenn die Ausstellung „Reimagine: Himalayan Art Now“ am 6. Oktober 2024 endet, wird leider auch das Rubin Museum für immer seine Pforten schließen. Fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren wurde dieses für Tibet und die angrenzenden Regionen so wichtige Museum gegründet. Die New Yorker Donald und Shelley Rubin wollten ihre riesige, seit den frühen 1970er-Jahren angelegte Spezialsammlung von antiken Skulpturen und Thangkas zugänglich machen.
Rubin ist Gründer eines Tech-Unternehmens im Gesundheitssektor, das er an die börsennotierte US-amerikanische Private-Equity-Gesellschaft Carlyle Group verkaufte. Im Oktober 2004 eröffnete Rubin sein Museum im leer stehenden Gebäude des ehemaligen Luxuskaufhauses Barneys in Chelsea. Im hippen New Yorker Stadtbezirk integrierte es sich mit Musikveranstaltungen, Meditationen, einem Shop, einem Café und der beliebten jährlichen Blockparty schnell in die Kulturszene der Stadt.
Erste Ausstellungen fokussierten darauf, uns mit der so komplexen wie rätselhaften Ikonografie und Bildsprache vertraut zu machen. Ab 2008 wirkte der Berner Tibet-Experte Martin Brauen vier Jahre lang als Chefkurator. Jährlich erarbeitete er fünf oder sechs wissenschaftlich tiefschürfende Ausstellungen wie etwa 2009 „Mandala. The Perfect Circle“. 2014 beleuchtete „The Art of Tibetan Medicine“ zum ersten Mal Geschichte und Gegenwart tibetischer Heilkunst. Begleitende Ausflüge gingen nach Jackson Heights im Stadtteil Queens, Heimat einer der größten Gruppen von Exil-Tibetern in den USA.
Die Familie Rubin blieb stets involviert, das Kuratorium wird heute von Shelley Frost Rubin geleitet. Die Rubins besorgten auch Finanzspritzen, im Jahr 2011 noch einmal etwa 25 Millionen Dollar.
Heute liegt das Stiftungsvermögen bei etwa 150 Millionen Dollar. Aber bereits 2019 sah sich Direktor Jorrit Britschgi, der 2016 vom Züricher Museum Rietberg zunächst als Head of Exhibitions and Publications nach New York geholt wurde, gezwungen, die Ausgabenbremse zu ziehen. Es gelte, „einen Kurs für langfristige finanzielle Nachhaltigkeit und Erfolg einzuschlagen“. So zitierte „The Art Newspaper“ aus seinem Brief an die Angestellten zum 15. Geburtstag der Institution.
Sonderausstellungen wurden stark reduziert. Der Akzent verschob sich auf zeitgenössische Kunst und immersive Installationen, die ein Eintauchen in virtuelle Welten ermöglichen. Als Inspiration erwies sich der „Buddhist Shrine Room“, ein von einem traditionellen tibetischen Hausaltar angeregter begehbarer Raum, der seit 2010 für viele Besucherinnen und Besucher der Höhepunkt ist.
Die Schließung dieses Spezialmuseums belegt, wie sehr US-Museen heute um ihre Relevanz kämpfen. Glenn Lowry, seit 1995 Direktor des Museum of Modern Art (MoMA), offenbarte im April in der New Yorker Konferenz „Talking Galleries“: „Die meisten Museen hierzulande sind erheblich unterkapitalisiert.“ Das gilt allerdings nicht für seine Institution mit ihrem riesigen Stiftungsvermögen. Dessen genaue Höhe wird allerdings nicht bekannt gegeben. „MoMA ist zwar belastbar, aber nicht ungefährdet und muss sich um Einnahmen bemühen.“
Wie aber geht es weiter mit dem Rubin Museum? Es will künftig als „dezentrales Museum ohne Wände“ ein neues Modell für das 21. Jahrhundert sein. „Es geht darum, die Sammlung zu nutzen, unser Wissen zu nutzen, unsere finanziellen Ressourcen zu nutzen“, sagt Britschgi, der nun zwischen der Schweiz und New York pendelt, gegenüber der Fachzeitschrift „ArtNews“. Das Museumsgebäude steht zum Verkauf; für den beliebten „Shrine Room“ wird noch ein neues Heim gesucht.
Aber, so versichert eine Sprecherin dem Handelsblatt, keines der rund 3400 Kunstwerke soll veräußert werden. Sie werden an Museen verliehen oder touren in der maßgeschneiderten Wanderausstellung „Gateway to Himalayan Art“ durch Universitätsmuseen des Landes. „Rubin Grants“ wird Stipendien bis zu 25.000 Dollar an Kreative und Forscher vergeben, im September steht der erste „Himalayan Art Prize“ an.
Das Museum will künftig stärker digital präsent sein und auch mit Institutionen in der Himalaya-Region zusammenarbeiten. Bereits jetzt erweist sich die partizipatorische Installation „Mandala Lab“ als Hit. Hier aktivieren die Besuchenden nach buddhistischen Prinzipien ihre Sinne durch Videos, Düfte, Skulpturen oder Gongs. Ihr Werbespruch „Wo Emotionen zu Weisheit führen können“ lockte bereits über 80.000 Neugierige in London, Bilbao und Mailand an. 2025 soll das „Mandala Lab“ durch Europa touren.
„Reimagine: Himalayan Art Now“, bis 6. Oktober 2024 im Rubin Museum of Art, 150 W 17th St, New York, NY 10011
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