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Sotheby's Europa-Chef„Kunst ist nicht mehr elitär“

Auch für Einsteiger gibt es am Kunstmarkt interessante Objekte in jeder Preisklasse. Doch nur wenige wissen, wie der Markt wirklich tickt. Auktionsexperte Philipp Herzog von Württemberg verrät, worauf Sie achten müssen.Susanne Schreiber, Peter Brors 26.02.2012 - 13:43 Uhr Artikel anhören

Der Deutschland- und Europa-Chef von Sotheby's in Aktion: Philipp Herzog von Württemberg

Foto: ap

Handelsblatt: Herr von Württemberg, spüren Sie als Chef eines der größten Auktionshäuser weltweit die Auswirkungen der Finanz- und Euro-Krise?

Philipp Herzog von Württemberg: Kunden mit guter Kunst halten diese gute Kunst – auch in schweren Zeiten. Griechen, Portugiesen, Spanier oder Italiener liefern nicht mehr ein als früher auch. Das Tafelsilber wird nicht verkauft. Auch nicht von den Banken. Kunst ist wertbeständig, und Qualitätsobjekte sind wie gute Aktien. Die halten sich. Und werden gehalten.

Sie arbeiten im Frankfurter Westend, umgeben von Bankentürmen. Welche Kunst kauft ein junger Investmentbanker. Die Kunst, die ihm gefällt, oder die, die als beste Investition erscheint?

Wenn man erfolgreich ist, kauft man Dinge, die schnell erkennbar sind. Dann kauft man zeitgenössische Kunst, kauft, was auch der andere hat. Man geht dem Trend und der Masse nach. Kunst ist nun mal eine Trendsache. Wer weg vom Trend will, muss sich beraten lassen. Viele haben Angst vor den Alten Meistern und fürchten „Da muss ich mich ja einlesen, über Jahre ein Wissen aufbauen“.

Philipp Herzog von Württemberg
Philipp Herzog von Württemberg wird als Sohn von Herzog Carl von Württemberg und Diane Prinzessin von Frankreich geboren.
Württemberg macht einen Master in Kunstgeschichte. Vier Jahre darauf promoviert er. Zunächst interessieren ihn die angewandten Künste. Heute sammelt er europäische und chinesische Kunst.
Der Herzog geht zu Sotheby’s London.
Von Württemberg wird Deutschland-Chef des amerikanischen Versteigerungshauses.
Er geht als President Directeur Général zu Sotheby’s Frankreich.
Er wird zum Vize-Vorsitzenden von Sotheby’s Europa ernannt.
Er versteigert die herausragende „Zero“- Sammlung von Lenz Schönberg – für 54 Millionen Pfund. Die Commerzbank überzeugt er, sich von Giacomettis „L’Homme qui marche I“ zu trennen – für 104,6 Millionen Dollar. In den vergangenen zehn Jahren haben Sammler bei Sotheby’s nahezu 7,3 Milliarden Dollar für zeitgenössische Kunst ausgegeben.

Bildet der junge erfolgreiche Investmentbanker einen ganz neuen Sammlertyp ab?
Ja, durchaus. Junge, erfolgreiche Manager sammeln Kunst, die nach außen strahlt und auch seinen eigenen Erfolg zeigt. Ein Altmeistersammler muss dagegen viel mehr wissen, er agiert diskreter, leiser.

Warum jagen Kunstkäufer heute oft nicht Werken nach, die ihnen gefallen, sondern suchen nach den teuersten?

Wir haben eine viel größere Masse an Käufern. Kunst ist nicht mehr elitär. Menschen aus allen Kontinenten kaufen heute Kunst. Das ist der Grund, warum Objekte viel teurer werden. Seit 15 Jahren reduziert Sotheby’s die Zahl der Lose von 250.000 weltweit auf 40.000 pro Jahr. Der Wert des Durchschnittsloses lag bei 7000 Dollar. Jetzt liegt er bei fast 100.000 Dollar, bei den Impressionisten bei 3,8 Millionen pro Los. Große Sammler wie die Dürckheims haben früher oft den letzten Pfennig zusammengekratzt, keine Ferien gemacht, sondern ein Bild gekauft.

Gehört es heute auch für Unternehmen zum guten Ton, Kunst zu sammeln?

Definitiv. Die großen Unternehmen haben ja schon sehr früh angefangen zu sammeln, die Banken wurden durch einige Händler eigens beraten. Heute haben auch erfolgreiche Zahnärzte und Anwaltskanzleien Kunst an der Wand. Schöne Dinge gehören einfach dazu.

Die wichtigsten Antworten

Was ist Kunst – und was Kitsch?

Was für einen Grund hat ein erfolgreiches Unternehmen, Kunst zu sammeln?

Kunst ist auch Marketing. Bis in die 1980er-Jahre hing Kunst nur in den Vorstandsetagen. Das hat sich nach unten weiterentwickelt bis zur zeitgenössischen Kunst. Heute kaufen auch Mittelständler zeitgenössische Kunst. Weil sie jung, dynamisch und ehrgeizig sind. Man schmückt sich gern mit Kunst. Der Eindruck in einer Kanzlei ist dann: „Oh, das muss aber teuer sein.“

Wann kommen Unternehmen zu Ihnen?

Wir betreuen heute Unternehmen, die schon Sammlungen aufgebaut haben. Die Unternehmen kommen zuweilen aber auch durch Fusionen zu uns. So war die Dresdner Bank eine „sammelnde Bank“, die Commerzbank jedoch nicht.

Da haben Sie dann ein gemeinsames Konzept für die fusionierte Bank entwickelt ...

... das eine Aufteilung der Kunstsammlung auf verschiedene Museen vorsah.

Eine Aufteilung?

Ja, weil die Commerzbank der Meinung war, dass teure Kunst nicht zu ihrem Profil passt. Vor allem der Giacometti „L’Homme qui marche I“ war dann tatsächlich so hoch geschätzt, dass jede Schenkung die anderen Museen benachteiligt hätte. Der Gerechtigkeit halber und um Mittel flüssig zu haben für das Stiftungszentrum und das kulturelle Engagement der Commerzbank, rieten wir, den Giacometti zu versteigern. Geschätzt war die lebensgroße Skulptur auf 20 bis 30 Millionen Dollar. Am Ende kostete der Giacometti mit Aufgeld 104,6 Millionen Dollar. Erworben hat ihn ein anonymer Sammler.

Was bedeutet für Sie ein solches Geschäft – über das finanzielle hinaus?

Als Auktionator freue ich mich, wenn ich etwas verkaufe. Wenn ich sehe, wie der Käufer lächelt, aber auch, wenn der Kunde mit mir etwas verkauft, wenn er erfolgreich und glücklich ist. Wenn Sie ein Werk für 100.000 oder eine Million Euro verkaufen, mache ich Sie als Verkäufer und den Käufer glücklich. Der Einzige, der unglücklich ist, ist der Unterbieter. Ich bin ein positiver Mensch. Ich finde, wenn jemand glücklich gemacht werden kann mit der Kunst, soll er es machen. Man kann glücklich werden mit Kunst.

Wie sorgen Sie für gute Stimmung im Auktionssaal?

Man muss Atmosphäre aufbauen, die Leute animieren im Raum. Beim Giacometti hatten wir zehn Interessenten am Telefon. Am Anfang ging es ruck, zuck von sechs auf 18 Millionen Pfund, den oberen Schätzwert. Dann kommt ein automatischer Stopp, bei dem ein guter Auktionator auch warten muss. Wenn dann einer wieder anfängt, kann man fast sicher sein, dass es in großer Geschwindigkeit hoch geht. Das ging bis 60 Millionen Pfund. Da spüren Sie die Atmosphäre, auch als Käufer.

Woher kommen die Käufer?

Aus Europa, Amerika und Asien. Die Europäer bleiben im Volumen die größten Sammler, im Wert sind es die Asiaten. Die Kunst wiederum kommt aus Europa und aus Nordamerika.

Und was sind die Emerging Markets der kommenden Jahre?

Der Markt entwickelt sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit: Russland, Indien, China, Türkei. Wir passen uns hoffentlich mit derselben Geschwindigkeit an, in der sich der Markt entwickelt. Prognosen sind schwierig. Aber der Markt wird an den Hauptfinanzplätzen bleiben. Europa und Nordamerika bleiben die Hauptquellen für das internationale Auktionsgeschäft.

Sotheby’s kreiert Bedürfnisse. Was wird demnächst in Asien versteigert?

Es wird mehr in die Richtung Design gehen. Europäisches Silber wird dort eher nicht verkauft werden. Schmuck und Wein sind prestigeträchtige Bereiche, die für Asiaten sehr wichtig sind, in denen wir am meisten absetzen. Eine Kiste Romanée-Conti 2007 für 236.000 Dollar. So einen Wein gab es vor zehn Jahren für 200 Euro zu kaufen.

Warum geben Chinesen Millionen aus für chinesische Kunst?

Im China der Kaiserzeit hat nur eine kleine Schicht Kunst gesammelt. Dann kamen Kommunismus und Kulturrevolution. Da wurde viel zerstört, was während des Boxeraufstands noch nicht zerstört worden war. Jetzt ist man erfolgreich und kauft seine eigene Kunst wieder zurück. Wir machen nur zwei Auktionswochen pro Jahr in Hongkong. Die machen einen Umsatz von fast einer halben Milliarde US-Dollar. Der Wert pro Los liegt höher als in Paris, London oder New York. Erfolg stellt sich mit Geld und Kultur dar. Das ist ein Stück Identität.

Welche Emotionen löst Kunst aus?
Leidenschaft, Begeisterung.

Ist es leichter, ein Objekt der Begierde bei einem Privatsammler loszueisen oder in einer Corporate Collection?

Das spielt keine Rolle. Der Zeitpunkt ist entscheidend. Ich hatte einen Kunden, der bei uns das wunderschöne Bacon-Triptychon in New York verkauft hat. Seine Frau und er haben es 1969 bei Marlborough nicht als Investment gekauft. Sie waren damals Studenten und haben das Bild geliebt. 80.000 Mark war in den 60er-Jahren viel Geld. Diesen Bacon habe ich zehn Jahre begleitet.

Der erste Schätzpreis lag vor zehn Jahren bei einer Million, der zweite bei 15 Millionen. Irgendwann hat mich der Kunde dann gefragt, ob es nun der richtige Zeitpunkt sei, das Werk wieder zu verkaufen. Meine Antwort war „Ja und nein“. Ja, weil er ein Alter erreicht hat, wo er für seine Kinder etwas machen möchte. Ja, weil das Bild einen Superpreis erzielen kann. Und nein, „halte es noch 100 Jahre“. Denn der Markt ist gut für Qualitätsobjekte.

Wer hat die Macht im Kunstmarkt? Die Mega-Sammler, die Auktionsmultis oder die Großgaleristen?

Keiner hat sie allein. Es ist ein Riesenhaifischbecken. Wir sind eine große Familie. Es geht um das Kunstwerk. Der Galerist erkennt seine Bedeutung bereits auf dem Akademierundgang, Sammler kaufen und konkurrieren, später kommt das Kunstwerk ins Auktionshaus. Und dann in die Preisdatenbanken. Die Apparatur um den Künstler, Galerist, Sammler, das Auktionshaus, die Museen und Corporate Collections, das alles wirkt zusammen.

Was erwarten Sie für das Kunstmarktjahr 2012?

Es wird wieder nicht einfach sein, gute Kunst zu finden. Es läuft schon mal gut an für Sommer und Herbst. Keine neue Region wird sich hervorheben mit Käufern. Ich wünschte mir mehr Bewegung bei den Museen in den Emiraten. Schwer dürfte es eher für das untere Marktsegment werden. Die Käuferschicht in diesem Bereich lässt nach. Vermögende Sammler wird es immer geben.

Herr von Württemberg, wir danken Ihnen für das Interview.


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