Symbolismus in Belgien: Traumbilder gegen die Wirklichkeit
Mit seinen eindringlichen Frauenbildern wie dem 1896 entstandenen Ölgemälde "Die Zärtlichkeit der Sphinx [Des Caresses]" war der Künstler nicht nur in seiner belgischen Heimat, sondern auch in London, Wien und München erfolgreich (Ausschnitt aus dem 150 cm breiten, extremen Querformat).
Foto: Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, BrüsselBerlin. Alles ist in diesen Bildern: Eros, Tod, Verklärung, Isolation und Traum. Der belgische Symbolismus, in deutschen Museen unterrepräsentiert, hat einen umfassenden Auftritt in Berlins Alter Nationalgalerie, der den feinsten Verästelungen dieser Kunstrichtung nachspürt.
Wer sich ebenso umfassend informieren will, greift nach Auffassung der Nationalgalerie am besten auf den Katalog zurück: „Das Museum ist derzeit geschlossen. Bestellen Sie sich hier die Ausstellung in Form des Katalogs für Zuhause!“, schlägt das Haus auf seiner Website vor. Auf Nachfrage wird auf zweiminütige Filme mit Ralph Gleis, dem Direktor der Alten Nationalgalerie, und auf eine 45-minütige Live-Tour mit ihm in der Ausstellung auf Instagram verwiesen, die im Nachhinein über Facebook abrufbar sind.
In der Ausstellung vor Ort werden in dreizehn Sektionen 180 Werke ausgebreitet: Gemälde, Zeichnungen, Graphik, Skulpturen und Bücher. Es ist eine Schau, die Konzentration fordert. Man sollte sich schon zwei Stunden Zeit für den Rundgang nehmen.
Die Schau zeigt, 44 Jahre nach der aus Rotterdam kommenden Baden-Badener Schau „Der Symbolismus in Europa“ und 40 Jahre nach der Brüsseler und Hamburger Übersicht, wie stark der belgische Impuls an dieser europäischen Bewegung war, die eine starke Verbindung zur Literatur und zur Musik Wagners hatte. Ihr Credo war eine radikale Aufgabe der real gesehenen Umwelt.
Das Inhaltliche beherrscht diese Kunst, eine dominante Tendenz des Fin de Siècle. Das erklärt, warum so viele unterschiedliche Stilrichtungen mit dem Schlagwort Symbolismus verbunden sind. Es beginnt mit Eugène Delacroix und Dante Gabriel Rossetti, einem Gründer der britischen Malervereinigung der Prae-Raffaeliten, und endet mit Gauguin und Edvard Munch.
"Die Toteninsel", 1883 auf Holz gemalt, fasziniert das Publikum und Künstler aller Sparten bis in die Gegenwart.
Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Andres KilgerZu den Exponaten gibt es Einführungs-Tafeln, die die thematische Bandbreite dieser Kunstprägung erhellen. Beim Rundgang ist nicht zu übersehen, dass es neben visionären, stark berührenden Werken auch Arbeiten gibt, die an der Schwelle zum Edelkitsch stehen. Schon das im Mittelsaal zentral präsentierte Großformat „Die Liebe der Seelen“ des auch als Dichter aktiven Brüsselers Jean Delville hat diesen Beigeschmack: Ein Liebespaar schwebt in einer bläulichen Lichtwelle in eine offene Himmelsblüte.
Um wie viel eindringlicher sind da die Frauenbilder des nicht nur in seiner belgischen Heimat, sondern auch in London, Wien und München erfolgreichen Fernand Khnopff. In dem Münchner Gemälde „I lock my door upon myself“ erklärt der aus einem britischen Gedicht geholte Titel die totale Introspektion der Dargestellten. Sie sitzt in Melancholie-Pose neben verdorrten Vanitas-Lilien.
James Ensors melancholische Fischfrauen
Ihr traumverlorener Blick, den schon die Frauenporträts der Prae-Raffaeliten zeigen, wird zu einem Markenzeichen des belgischen Künstlers. Er kehrt in zahlreichen seiner Porträts wieder. In anderen seiner Gemälde und Zeichnungen erscheint die Frau als sphinxhaftes Wesen, als rätselhaftes Traum-Faszinosum. So auch in der hier ausgestellten Zeichnung „Ein Engel“ aus Privatbesitz, die 2007 bei Sotheby’s 240.500 Pfund erzielte.
Starke Eindrücke vermitteln Werke in der Abteilung „Rendezvous mit dem Tod“. Allen voran James Ensors 1892 datiertes Gemälde „Die melancholischen Fischfrauen“, in dem drei Totenschädel den Tod zweier wie versteinert sitzender Greisinnen ankündigen.
Das Bild erlöste 2015 bei Sotheby’s den bislang zweithöchsten Ensor-Preis von 6,97 Millionen Dollar. Er wurde nur von den umgerechnet 7,82 Millionen Dollar übertroffen, die 2016 in Paris für das Ölbild „Squelettes arretant Masques“ geboten wurden.
Das kleinformatige, auf Holz gemalte Bild „Das malende Skelett“ von 1896 findet sich in der Abteilung „Rendezvous mit dem Tod“.
Foto: Royal Museum of Fine Arts Antwerp, www.lukasweb.be – Art in Flanders, Foto: Hugo MaertensAls ein Todesbild lässt sich auch die „Vertigo”-Zeichnung von Leon Spilliaert deuten, die eine schwarze Figur in einen endlosen Treppenabgang zieht. Von Spilliaert hängen hier faszinierende Selbstporträts, in denen die melancholische Selbstbefragung psychotisch ausgekostet wird.
Die Ausstellung schöpft die thematische Breite dieser Kunstrichtung aus. Sie beginnt mit George Minnes Jünglingsbrunnen und endet mit mythischen Werken von Fernand Khnopff, in denen Religion und Mythos zum ornamentalen Märchenspiel werden.
Pornografische Gelüste
Ein bildkräftiges Kapitel der Schau ist dem Erotismus gewidmet, der sich in den Zeichnungen und Grafiken des Baudelaire-Freundes Félicien Rops verkörpert. Er ersetzt den Christus am Kreuz durch einen üppigen Frauenakt und lässt eine Sphinx-Skulptur im Angesicht des Teufels von einer nackten Blondine umarmen.
In diesen farbkräftigen Werken des begnadeten Illustrators gewinnen die unterdrückten pornographischen Gelüste des Bildungsbürgertums satirische Sprengkraft. Auch das ist Spiegel einer Epoche, der es an thematischem und ästhetischem Aplomb wahrlich nicht mangelte.
Die Ausstellung läuft bis 17. Januar 2021. Der im Hirmer Verlag erschienene Katalog hat 320 Seiten und 220 Abbildungen in Farbe. Er kostet in der Ausstellung 32 Euro, im Buchhandel 45 Euro.
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