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Zeitgenössische KunstDie Artissima öffnet auch jungen Galerien den Zugang zum Kunstmarkt

Ihre lange Tradition verhilft der Turiner Messe „Artissima“ auch durch schwierige Zeiten. In diesem Jahr punktet sie mit 69 Solopräsentationen, kuratierten Ständen und jungen Talenten.Stefan Kobel 31.10.2024 - 14:59 Uhr Artikel anhören
Gundula Schulze Eldowys Fotografie „Pope – New York 1990“ stammt aus der Serie „In einem Wind aus Sternenstaub 1990–1993“. Foto: Galerie Ebensperger

Turin. Die „Artissima“ in Turin kann auf eine lange Tradition als rein zeitgenössische Kunstmesse zurückblicken. Das bringt sie auch durch schwierige Zeiten. Die aktuelle, bis Sonntag andauernde Ausgabe gehört tatsächlich zu den spannenderen der letzten Jahre – dank vieler junger und ganz junger Teilnehmer.

Albion Jeune in London etwa existiert überhaupt erst seit einem Jahr. Gründerin Lucca Hue-Williams ist allerdings kein Branchenneuling. Ihr Vater William war bereits Galerist und in den 1990er-Jahren Teilnehmer an der damals noch ganz jungen „Artissima“. Die Tochter zeigt mit Ivana Bašić und Yu-Xin Su Künstlerinnen ihrer Generation.

Erstmals mit dabei ist auch Matta aus Mailand mit einer aufwendigen Installation von Clara Hastrup, die Fische in zwei Aquarien über ein System von Lichtschranken auf zwei Xylofonen musizieren lässt und der Natur so Gehör verschafft. Den Galeristen ist durchaus bewusst, dass sie am ehesten im institutionellen Bereich einen Käufer finden werden. Doch genau aus diesem Grund sind sie in Turin.

Bei Galeristen aus dem deutschsprachigen Raum ist die Messe beliebt. Vierzehn deutsche und zehn österreichische Aussteller sind in diesem Jahr dabei. Acht sind aus der Schweiz angereist, darunter so etablierte Namen wie Urs Meile (Luzern) oder Tschudi (Zuoz) ebenso wie junge Kollegen wie The Stable (S-chanf) und See you next Tuesday (Basel).

Der Kölner Galerist Martin Kudlek hat sich ganz bewusst für die Teilnahme in der Papiersektion entschieden, obwohl er mit Oskar Holweck ebenso gut in der Sektion „Back to the Future“ aufgehoben wäre. Hier bietet die „Artissima“ älteren Positionen der Nachkriegskunst eine Plattform. „Holweck ist der Pionier der Kunst aus industriellem Papier und hat ab 1958 Kunst aus Papier und nicht auf Papier gemacht“, erklärt der Galerist. Holweck hat mit Arte-Povera-Künstlern ausgestellt. „Deshalb passt er hervorragend nach Norditalien, wo er allerdings noch kaum bekannt ist.“

Jana Schröders Großformat „D.A.M. rvl1“ von 2023 stellt die Galerie Alfonso Artiaco aus Neapel aus. Foto: Johannes Bendzulla

Eine wahre Schatzkiste ist diese „Disegni“-Sektion für Arbeiten auf Papier. Ihre Kuratorin Irina Zucca Alessandrelli von der auf Papierarbeiten spezialisierten privaten Collezione Ramo hat einige faszinierende Positionen zusammengetragen: etwa die mit kunsthistorischen wie popkulturellen Bezügen gespickten Silberstift-Zeichnungen von Stefano De Paolis bei der Galerie Castiglione aus Mailand.

Auf neues Terrain wagt sich auch Patrick Ebensperger von der Berliner Galerie mit seinem Namen. Er antwortet erfrischend ehrlich auf die Frage nach seiner Motivation zur Teilnahme: „Weil ich seit 15 Jahren Fan bin und wegen des Wetters und weil die Artissima neben der Arco meine Lieblingsmesse ist.“ Mit der ostdeutschen Fotografie-Legende Gundula Schulze-Eldowy hat er eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Position für eine Premiere mitgebracht. „Gundula zeigen wir, weil wir finden, dass es an der Zeit ist, sie einer breiteren Bekanntheit zuzuführen und sie aus dem Untergrund zu holen. Es ist auch ein Eins-a-Test, um zu sehen, wie ihre Arbeit international ankommt.“

Der Berliner Jan Wentrup gibt ganz pragmatische Gründe an. Seit der Eröffnung eines zweiten Standorts in Venedig böte sich eine Messe in Italien an und da sei Turin nun einmal die erste Wahl.

Die Artissima spricht andere Sammler an als die großen Wettbewerber

Luigi Fassi wird das gerne hören. Er ist jetzt in der Halbzeit seiner auf fünf Jahre begrenzten Amtszeit. Die Zwischenbilanz des Messedirektors kann sich sehen lassen. Auf 69 ist die Zahl der beim Publikum beliebten Solopräsentationen gewachsen.

„Es hat sich auch herumgesprochen, dass wir hier ernsthafte Arbeit leisten, dass die kuratierten Sektionen wirklich spannend sind“, erklärt Fassi. „In meinen drei Ausgaben habe ich noch nie ein Nein von einem Kurator gehört, sei es, ob es um eine Jury geht oder um das Kuratieren einer Sektion.“ Dadurch unterscheidet sich die „Artissima“ von anderen Kunstmessen: „Ganz wichtig ist für uns, dass wir andere Sammler ansprechen als die großen Wettbewerber. Wir wollen die Mittelklasse ansprechen, das ist Teil unserer Identität. Das ist ein kultureller Wert, den wir fördern wollen. Kunstbesitz ist Teil der bürgerlichen Identität.“ Er wolle und müsse das fördern. „Eine wachsende Zahl von italienischen und europäischen Sammlern erkennt das.“

In Turin weiß man, dass die Messe wichtig für die Stadt und die Region ist

Nicht zuletzt ist die „Artissima“ laut Fassi immer noch eine preiswerte Messe. Mit den unterschiedlichen Formaten zu günstigeren Preisen sei sie Vorreiter auf dem Gebiet und habe Erfahrung mit diesem Instrument. „In so schwierigen Phasen wie aktuell ist das wertvoll“, sagt er. Schließlich ermögliche die flexible Gestaltung der Teilnahmebedingungen auch finanzschwächeren Galerien die Teilnahme.

Die Schaffung einer übergreifenden Plattform für die verschiedenen Marktsegmente ist für Messe-Chef Fassi essenziell: „Wir haben nicht nur die etablierten italienischen Galerien hier, die oft nur hier in ihrer Heimat teilnehmen. Dieses Umfeld öffnet auch für junge Galerien den Zugang zum Kunstmarkt.“ Die Hauptaufgabe einer Messe sei es, Umsätze für Galerien zu generieren. „Aber wir haben auch einen Auftrag für Kuratoren, die hierher kommen, um Tendenzen in der Kunstszene zu entdecken.“ Um das zu erreichen, sei die „Artissima“ auf die Institutionen in der Stadt angewiesen.

Zum Glück sind zwei ehemalige Messedirektoren jetzt in Museen tätig, Sarah Cosulich leitet die Pinacoteca Agnelli und Francesco Manacorda das Castelli di Rivoli. Beide wissen, wie wichtig die Messe für die Stadt und die Region ist. Diese Einsicht wünscht man sich auch für so manche Veranstaltung nördlich der Alpen.

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