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Buchrezension Raus aus der Komfortzone: Janina Kugel fordert mehr Mut zur Veränderung

Die ehemalige Top-Managerin räumt auf mit dem Modell der allwissenden, autokratischen Chefs – und benennt neue Kernkompetenzen. Eine Anleitung zum Mutigsein.
24.04.2021 - 08:50 Uhr Kommentieren
„Natürlich holte ich mir meinen Kaffee auch als Vorständin selbst.“ Quelle: dpa
Janina Kugel

„Natürlich holte ich mir meinen Kaffee auch als Vorständin selbst.“

(Foto: dpa)

Düsseldorf Es war die erste Tagung nach ihrem Mutterschutz, Janina Kugel hatte Zwillinge bekommen und saß nun, wenige Monate nach der Geburt, in einer ganztägigen Diskussion mit ihren Kollegen am Starnberger See, als sich die Pause immer weiter verzögerte.

Für sie, die einzige Frau in der Runde, eine stillende Mutter, ein Problem. Als plötzlich ein Kollege den Vorschlag machte, noch ein weiteres Thema vor der Pause abzuhandeln, geriet sie in Panik: „Meine Herren“, sagte sie, „ich muss leider für einen Moment unterbrechen. Ich muss abpumpen.“ Die Blicke der Herren im Raum – unvergesslich. Die Begebenheit – sinnbildlich für Janina Kugel.

Janina Kugel, ehemalige Siemens-Personalvorständin, traut sich was. Sie geht bewusst andere Wege. Nicht, um zwingend anders zu sein, sondern im Sinne von Veränderung, von Dinge besser machen. Mit ihrer unkonventionellen, mitreißenden Art ist sie in den vergangenen Jahren zu einer bedeutenden weiblichen Stimme der deutschen Wirtschaft geworden und gehört zu den jüngst vom Handelsblatt gekürten 100 Frauen, die Deutschland voranbringen.

„Veränderungen sind gar nicht so schlimm, auch wenn viele Leute immer einen so hohen Respekt haben“, sagt sie im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Ich will Geschichten erzählen, anhand derer man sehen kann, wie Veränderung geklappt hat.“ Und so ist ihr Buch „It‘s now“ ein flammendes Plädoyer für den Mut, Veränderungen nicht weiter aufzuschieben, den Mut, Regeln zu flexibilisieren, Traditionen zu überdenken.

Nach ihren Anfängen in der Unternehmensberatung kam Kugel 2001 zu Siemens und blieb dort, mit kurzer Unterbrechung, bis zum Januar 2020, als sie mit dem Ende ihrer Vertragslaufzeit als Personalvorständin aus dem Konzern ausschied.

„Ich wollte über die Welt eines noch so großen Unternehmens hinauswachsen“, sagt sie selbst dazu. „Einen so großen Konzern wie Siemens gibt es kaum, aber trotzdem ist meine Welt heute breiter als damals.“ Sie wolle gesamtgesellschaftlich wirken. Ihre Mission quasi in die Welt hinaustragen, nicht nur in einen Konzern.

„Dann hast du die Regeln geändert“

Ihr Anliegen ist nicht weniger als die Revolution der Arbeitswelt. Dafür liefert sie Erfahrungsberichte, Denkanstöße und konkrete Vorschläge.

Kugel ist häufig eine von den Frauen gewesen, die vorangehen. Als sie Abteilungsleiterin bei Siemens war, wurde sie mit den Zwillingen schwanger – und kam nach dem Mutterschutz sofort zurück. Schon allein aus dem Grund, dass der Kindergarten um 17 Uhr schloss, verließ sie täglich am späten Nachmittag das Büro und rief bis 20 Uhr eine Familienkernzeit aus. Am Aufstieg hinderte es sie nicht. Im Gegenteil. Heute engagiert sie sich daher für die Initiative #ichwill, die sich für mehr Frauen in Führungspositionen einsetzt.

Kugel macht oft den einen Schritt mehr – oder auch nur den einen Schritt in die andere Richtung, den andere sich vielleicht nicht trauen.

Als sie bei Siemens zum Chief Diversity Officer wurde, meldete sie den Konzern erst mal beim Christopher Street Day (CSD) an. Frauen, Internationalität, Menschen mit Behinderung, dafür gab es schon Konzepte. LGBTI (lesbisch, gay, bi-, trans-, intersexuell) fehlte ihr. Also musste ein Zeichen her. Erst gab es Widerstände – und letztlich mehr Anmeldungen für den Siemens-Truck bei der CSD-Parade, als sie berücksichtigen konnte.

Janina Kugel: It‘s now. Leben, Führen, Arbeiten. Wir kennen die Regeln, jetzt ändern wir sie.
Ariston
München 2021
256 Seiten
22 Euro

Ein ganz anderes Beispiel: „Natürlich holte ich mir meinen Kaffee auch als Vorständin selbst – es würde mir nie in den Sinn kommen, jemanden für mich zu schicken, das ist für mich die Verkörperung des alten Managements.“ Also stand sie da mit den Mitarbeitern selbst in der Schlange. Gern auch mal in Jeans. Erst im Nachhinein sei ihr klar geworden: „Wenn du als Vorständin runtergehst und dir selbst deinen Kaffee holst – dann hast du die Regeln geändert.“

Ihre Botschaft: So, wie Janina Kugel das kann, so kann das auch jeder Einzelne. Im Großen wie im Kleinen.

„Es ärgert mich nichts mehr, als wenn Leute einen Zustand beklagen, aber dann nichts daran ändern“, sagt sie. „Man darf sehr wohl bedauern und beklagen, man darf sich auch ärgern, aber dann muss man im nächsten Schritt auch etwas tun und diese Energie nutzen, um eine positive Veränderung herbeizuführen.“

Entsprechend versucht sie, in ihrem Buch möglichst viel Optimismus zu verbreiten. Kinder und Karriere – geht. Flexibles Arbeiten – muss gehen. Lebenslanges Lernen – selbstverständlich. Generationenübergreifende Zusammenarbeit – ein Muss. Diversity – keine Frage.

Und dann kommt das Corona-Kapitel. Vorsichtshalber warnt sie selbst: „Anders als in den Kapiteln zuvor gibt es hier eher wenig zu lachen.“

Doch auch aus der Pandemie lassen sich laut Kugel positive Schlüsse ziehen. Schließlich hätten die unterschiedlichen Geschlechter dadurch mehr Verständnis füreinander gewonnen. Viele Familien seien durch das Homeoffice beider Elternteile stärker zusammengerückt. Was Kugel sich dadurch erhofft: eine Aufweichung der klassischen Rollenverteilung. Denn immer noch sind es viel mehr Frauen, die in Teilzeit gehen. Nun aber hätten die Väter auch genossen, mehr Zeit mit der Familie zu haben.

„Wenn die Männer nun aufstehen und sagen: ,Passt auf, Chefs und Chefinnen, es geht auch anders, wir haben es jetzt alle gesehen, und wir werden es auch weiter anders machen‘, braucht das Mut, klar“, sagt Kugel. „Werden die damit erst mal gegen den Strom schwimmen? Ja. Tun wir Frauen das nicht auch?“ Veränderung gehe nicht, ohne auch erst mal Widerstände zu erzeugen.

Man darf sehr wohl bedauern und beklagen, aber dann muss man im nächsten Schritt diese Energie nutzen, um eine positive Veränderung herbeizuführen. Janina Kugel (Beraterin)

Das gilt für Mitarbeiter wie für Führungskräfte. Auch dem veralteten Modell der allwissenden, autokratischen Chef*innen widmet Kugel ein Kapitel. Ja, Chef*innen. Das Gendersternchen nutzt Kugel konsequent. Zugegeben, am Anfang holpert man dadurch etwas beim Lesen. Aber das ist auch ganz schnell vorbei und dann überliest man es einfach.

Auch von Führungskräften wünscht Kugel sich also mehr Mut. „Mut, dort hinzuschauen, wo andere es schon besser machen“, sagt sie. „Nicht, sich selber zu rechtfertigen, sondern bereit zu sein, von anderen zu lernen.“ Mut, andere neben sich glänzen zu lassen: „Wer wirklich gut ist, der wird niemand anderen klein halten. Und trotzdem erleben wir so viele Führungskräfte, die, damit sie ihren eigenen Thron sichern, versuchen, andere nicht emporkommen zu lassen.“

Wer aber wirklich gut sei und keine Angst habe, den Job oder die Wählerstimmen zu verlieren, der wolle „mit Menschen zusammenarbeiten, die ebenfalls großartig sind, damit sie selbst inspiriert werden. Und dann erreichen Sie fürs Ganze viel mehr, als wenn Sie immer nur Entscheidungen treffen, die Ihren eigenen Status nicht in Gefahr bringen.“

Mut zu mehr Empathie

Mut meint jedoch in keinem Falle Skrupellosigkeit. Als eine der wichtigsten Eigenschaften einer guten Führungskraft nennt Kugel Empathie. Ein Wort, das ihrer Meinung nach viele Führungskräfte lange nicht zu ihrem aktiven Sprachgebrauch zählten. Corona habe dies geändert – eine Zeit, in der Führungskräfte viele schlechte Nachrichten überbringen mussten. Kurzarbeit, Jobkündigungen, Schließungen.

Kugel sagt: „Wer empathisch führt, erreicht viel häufiger, dass Entscheidungen von anderen verstanden und angenommen werden. Denn Menschen spüren, ob es jemand ernst mit ihnen meint, ob jemand ernsthaftes Interesse an ihrer Lage hat oder nur die eigene Meinung und Agenda durchsetzen will.“

Kugels Agenda jedenfalls ist klar benannt: Sie will freieres, flexibleres und dadurch innovativeres und motivierteres Arbeiten. Anders könne unsere Gesellschaft im Zuge von Digitalisierung und Globalisierung der Konkurrenz nicht standhalten.

Kugel legt mit „It‘s now“ ein munteres Buch vor, gespickt mit vielen persönlichen Erlebnissen und Anekdoten. So schafft sie eine Dynamik, die stellenweise so mitreißend ist, dass sich der Leser am Ende fragt, wo er nun mit der eigenen Veränderung ansetzen kann. Auch wenn dazu eine Portion Mut erforderlich ist.

Mehr: Raus aus der Krise – ein Gastbeitrag von Janina Kugel.

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