Weltfrauentag: Acht Romane von starken Autorinnen
Düsseldorf. Die renommierten Verlage veröffentlichen mehr Bücher männlicher Autoren, entsprechend werden auch mehr Bücher männlicher Autoren besprochen. Eine Studie der Universität Rostock zeigt: Zwei Drittel aller Feuilleton-Rezensionen beschäftigen sich mit Büchern von Autoren. Und sie bekommen mehr Raum für ihre Kritiken als Rezensentinnen. Die Zahlen sind zwar fünf Jahre alt, getan hat sich seitdem aber nicht viel. Doch das muss nicht sein. Es gibt viele lesenswerte Bücher von Autorinnen. Das Handelsblatt stellt zum Weltfrauentag acht Romane vor, die in diesen Wochen erscheinen.
Barbara Kingsolver: Pulitzerpreis-prämierter Roman
Damon – die meisten nennen ihn „Demon“, denn in seiner Heimatregion bekommt jeder einen Spitznamen – kommt als Halbwaise auf die Welt. Seine Mutter ist wechselweise betrunken, bekifft oder auf härteren Drogen und heiratet schließlich einen Tyrannen. Damon lebt in mehreren Pflegefamilien, arbeitet auf einer Tabak-Farm und einer illegalen Müllkippe, trampt ohne einen Cent durch mehrere US-Bundesstaaten, nachdem seine Mutter an einer Überdosis stirbt. Kurzum: Ein schlimmeres Aufwachsen kann sich kaum jemand vorstellen.
Barbara Kingsolver verarbeitet in „Demon Copperhead“ das Leben in ihrer Heimatregion Appalachia, einem Landstrich im Osten der USA, entlang des gleichnamigen Gebirges. In der ehemaligen Kohle-Region herrscht bis heute eine hohe Arbeitslosigkeit. Sie war Ausgangspunkt der Opioid-Krise, bei der zahllose Menschen abhängig von Schmerzpillen wie Oxycontin wurden. Auch Damon.
Barbara Kingsolver
Demon Copperhead
Übersetzung: Dirk van Gunsteren
dtv Verlagsgesellschaft
München 2024
864 Seiten
26 Euro
Entsprechend viel Leid bringt Kingsolver auf den mehr als 800 Pulitzerpreis-prämierten Seiten unter. Von Voyeurismus ist da jedoch keine Spur. Stattdessen lässt die direkte Sprache des Romans jedes Gefühl miterleben – bis hin zur Furcht und Frage: Was muss dieser Mensch als nächstes ertragen? (tse)
Louise Pelt: Von der Einmaligkeit und der Vergänglichkeit des Glücks
Louise Pelt widmet sich in ihrem Roman dem großen Thema Glück. Was genau bedeutet Glück? Wie lässt es sich genießen? Wie festhalten? Wie die Umkehr in Unglück verkraften? Dafür nutzt Pelt drei Frauen, drei Schicksale, die im Leben einer vierten Frau begründet sind.
Pelt, eine studierte Anglistin und Germanistin, schrieb bisher für Film und Theater. „Die Halbwertszeit vom Glück“ ist ihr erster Roman. Das szenenhafte behält die Autorin bei. Die 43-Jährige verknüpft geschickt die Lebensläufe der drei Frauen. Mylene lebt im Paris des Jahres 2019, Johanna 1987 in der DDR und Holly 2003 in Los Angeles. Alle drei vereint eine gemeinsame Familiengeschichte, die im Leben von Margarethe und dem Nazi-Terror im November 1938 in Deutschland ihren Ursprung hat.
Louise Pelt
Die Halbwertszeit von Glück
Lübbe Verlag
Köln 2024
432 Seiten
22 Euro
Pelt beschreibt die Lebensläufe der Frauen analytisch, spannend und emotional zugleich. Den Titel ihres Romans lässt sie eine ihrer Protagonistinnen erklären: „In der Physik ist die Halbwertszeit die Zeitspanne, in der sich die Menge eines bestimmten Stoffes um die Hälfte reduziert. [...] im Prinzip zerfällt alles irgendwann.“ Übertragen auf das Phänomen Glück bedeutet das für die Kernphysikerin Johanna: „Auch das Glück hat eine Halbwertszeit. Es zerfällt direkt vor unseren Nasen, rinnt uns zwischen unseren Fingern hindurch, und merken es nicht – manchmal verstehen wir ja nicht einmal, dass wir überhaupt glücklich sind.“
>> Lesen Sie hier: Rezension – Kann eine wirkliche Ost-West-Annäherung gelingen?
„Die Halbwertszeit vom Glück“ ist ein spannendes wie lehrreiches Buch über das Leben – geschrieben von einer Frau, erzählt anhand von vier Frauen, deshalb aber nicht nur für Frauen absolut lesenswert. (tak)
Susanne Matthiessen: Kreuzzug in Kreuzberg
Brennende Barrikaden, instandbesetzte Häuser, Lila-Latzhosen-Kollektive: Das Berlin der 80er-Jahre war wild, anarchisch, frauenbewegt und RAF-geprägt. Der Prolog in die Vergangenheit in Susanne Matthiessens Roman „Lass uns noch mal los“ beginnt stürmisch, lässt das anarchische Lebensgefühl der Boomer-Jugend aufleben.
Doch die mitreißende Story stößt im Jetzt an ihre Grenzen. Schnell wird klar: Hier geht es um eine Generation von Frauen, die sich als erste überhaupt auf breiter Front auf den Weg machte, die Berufswelt zu erobern, und die ein ernüchterndes Fiasko erlebt. Die Autorin lässt ihre Protagonistin nicht nur symbolisch absteigen. Was fröhlich beginnt, endet tief unten an der letzten Stufe der Kellertreppe – die Karriere der alten Ökos und Feministinnen missglückt.
Susanne Matthiessen
Lass uns noch mal los
Ullstein Hardcover
Berlin 2024
336 Seiten
23,99 Euro
In einem sozialkritischen Rundumschlag durch Politik und literarische Genres – bis zur wahren Horrorgeschichte – kriegt auch die Prominenz ihren symbolischen Auftritt: Tijen Onaran, Sahra Wagenknecht, Wolfgang Ischinger ... Und welche Erkenntnis bleibt? Der Kampf dieser Frauen verdient Wertschätzung, Respekt, aber auch Mitleid bis hin zur resignierenden Diagnose: „Das Patriarchat ist wie Moby Dick. Unbezwingbar.“ (ka)
Lilly Gollackner: In einer Welt ohne Männer
Im Jahr 2068 hat der Klimawandel nicht nur dafür gesorgt, dass weite Teile der Erde unbewohnbar sind und die Wasservorräte zur Neige gehen. Es gibt im Roman „Die Schattenmacherin“ von Lilly Gollackner auch keine Männer mehr. Denn die sind im Jahr 2034 alle gestorben. Ihr Todesurteil: Das Y-Chromosom, das sie anfällig für eine rasende, tödliche Seuche gemacht hat.
>> Lesen Sie hier: Klimawandel – Auch eine Krise der globalen Ungerechtigkeit
Über künstliche Fortpflanzung sichern die übriggebliebenen Frauen ihren Fortbestand – und hören alle auf eine Anführerin: die 70-jährige Ruth. Wenn die Frauen sich an die Männer – im Roman als „Androtoken“ bezeichnet – erinnern, dann mit gemischten Gefühlen. Das Patriarchat gilt als „Mittäter an der Vernichtung der Lebensgrundlagen“. Wenn Ruth an ihren verstorbenen Ehemann zurückdenkt, denkt sie an einen Egoisten. „Die Welt hatte sich ihm unterzuordnen, ihm und seinen Bedürfnissen.“
Lilly Gollackner
Die Schattenmacherin
Kremayr & Scheriau
Wien 2024
192 Seiten
24 Euro
Und wenn Frauen der jungen Generation fragen, wie sie denn waren, die Männer, dann heißt es von Verhaltensforscherinnen: „Sie waren sehr fokussiert auf Ziele und hatten wenig Talent für Empathie. Der Vorteil des Einzelnen stand immer im Vordergrund, selbst dann noch, als sie damit die gesamte Menschheit in den Abgrund zu stoßen drohten. Das war vermutlich auch der Grund, warum die Natur sich schlussendlich gegen sie entschieden hat.“ Anführerin Ruth hat das Ende des männlichen Teils der Gesellschaft deshalb akzeptiert. Männliche Embryos werden in den Fortpflanzungskliniken aussortiert.
Doch als eine junge Frau ihre Nachfolgerin wird, stellt sie dieses Konzept auf den Kopf. Jeder Mensch habe eine Wahl, wie er sein möchte, denkt die junge Ania. Zwischen den Frauen beginnt ein ideologischer Kampf um die Zukunft der Welt. Ein fesselndes Gedankenexperiment. (isa)
Lucía Lijtmaer: Fremde in der eigenen Stadt
Drei Stimmen vermischen sich in „Die Häutungen“: die einer 1586 geborenen Denkerin, die einer namenlosen jungen Frau in der Gegenwart und die der Autorin, die die Geschichten der beiden Hauptfiguren über Zeit und Raum miteinander verwebt.
Die Denkerin – Deborah Moody – ist eine reale Person, die 1639 aus London floh, um in den nordamerikanischen Kolonien einen Neuanfang zu wagen. Die Namenlose ist eine erfundene Figur, eine von Depressionen geplagte Frau, die im Jahr 2014 inmitten politischer Unruhen durch Barcelona streift.
Was auf den ersten Blick wie die Nacherzählung zweier völlig unverbundener Biografien aussieht, entpuppt sich Seite für Seite als Geschichte über ganz ähnliche Schicksale: Zwei Frauen erleben den Verlust eines Mannes, der zunächst aufmerksam und anziehend ist, mit der Zeit aber ein anderes Gesicht zeigt. Sein wahres Gesicht.
Gleichzeitig spielen Entwurzelung und das Aufbegehren gegen das ihnen aufgezwungene Patriarchat eine zentrale Rolle im Leben beider Hauptfiguren.
Lucía Lijtmaer
Die Häutungen
Übersetzung: Kirsten Brandt
Suhrkamp Verlag
Berlin 2024
219 Seiten
25 Euro
Die parallele Erzählweise Lijtmaers ist handwerklich gut gemacht, erfordert aber volle Aufmerksamkeit. Die fesselndsten Passagen des Buches sind dabei die der namenlosen Frau. Denn sie verkörpert ein universelles Gefühl – die Hilflosigkeit, die uns umgibt, wenn das Leben aus den Fugen gerät.
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Insgesamt lässt der Roman den Leser mit dem Gedanken zurück, dass die Gesellschaft den Frauen vielleicht immer noch eine Rolle zuweist, die sie nicht immer spielen wollen oder können. Denn letztlich geht es in der Geschichte um weibliche Figuren, die ihre Rettung nur auf drei Wegen erreichen können: Flucht, Rache oder Verrat. (nr)
Fien Veldman: Der Papierstau des Lebens
Papier ist bekanntlich geduldig, bei einem Drucker vermag das zu überraschen. In „Xerox“, Debütroman der niederländischen Journalistin und Essayistin Fien Veldman, wird ein solches Gerät treuer Begleiter einer namenlosen jungen Frau. Die hat sich aus ärmsten Verhältnissen zu einer namenlosen Stelle in einem namenlosen Start-up in Amsterdam durchgearbeitet, steht aber vor der unausgesprochenen Frage: Und jetzt?
Der Laserdrucker ist die einzige, nun, Person, an die sich die Protagonistin emotional zu binden vermag. Die Menschen in ihrem von Kampf und Verlust geprägten Leben tragen keine Namen, sondern Funktionsbezeichnungen: Marketing, Sales, beste Freundin. Jede soziale Interaktion ist ritualisiert, von äußeren Zwängen eingeleitet.
Fien Veldmann
Xerox
Übersetzung: Christina Brunnenkamp
Carl Hanser Verlag GmbH
München 2024
224 Seiten
23 Euro
Veldman zeichnet so das behutsame Portrait einer Außenseiterin, die die Codizes der Welt der hippen Besserverdiener, in die sie vorgedrungen ist, nicht versteht. Eine Frau, die schon vom kräftezehrenden Aufstieg an den unteren Rand der Leistungsgesellschaft so ausgebrannt ist, dass die gläserne Decke für sie ein Terrarium wird.
Eine junge Frau, die selbst nicht als Person, sondern mal als billige Arbeitskraft, mal als fortpflanzungsfähiges Weibchen der Spezies Homo sapiens katalogisiert wird. Eine Frau, die in einer Welt, die sich stets von ihr entfremdet hat, nie dazu gekommen ist, ein Selbstbild zu finden. Und die Rollenbilder und Gesellschaftsreflexe so internalisiert, dass sie ihren Platz letztlich über einen Partner definiert. Ja, da kommt der Drucker ins Spiel.
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Veldman schreibt das mit humorvollen Zwischentönen auf, wertfrei, in klarer Sprache und einer guten deutschen Übersetzung. Resultat ist ein kleines Meisterwerk, eine kluge, unterhaltsame und irre Gesellschaftssatire, die präzise beobachtet. (alm)
Dana von Suffrin: Humor ist, wenn man trotzdem lacht
In „Nochmal von vorne“ erzählt Dana von Suffrin vom Zerfall einer Familie. Das klingt traurig, ist es aber nicht. Auch, wenn es mit dem Tod des Vaters beginnt. Rosa, die jüngere Tochter, sieht sich plötzlich damit konfrontiert, den Hausstand ihres Vaters – und damit auch irgendwie ihre Kindheit – abzuwickeln. Was wie eine ziemlich vorhersehbare „Junge Frau arbeitet ihre Familiengeschichte auf“-Story beginnt, entwickelt sich Seite um Seite zu einer sehr besonderen und an sich sehr traurigen Familiengeschichte, die dennoch genug Raum zum Schmunzeln bietet.
Dana von Suffrin
Nochmal von vorn
Kiepenheuer & Witsch
Köln 2024
240 Seiten
23 Euro
Die Autorin Dana von Suffrin hat vor fünf Jahren mit ihrem Erstling „Otto“ gleich mehrere Preise abgeräumt. Wie in ihrem Debüt geht es auch nun um das Judentum in Deutschland. In „Nochmal von vorne“ beschreibt die Tochter einer Deutschen und eines aus Israel eingewanderten Juden den Zusammenprall der Kulturen nicht plump mit Stereotypen. Vom Auseinanderleben der Eltern bald nach der Geburt der zweiten Tochter, dem schwierigen Verhältnis der Töchter untereinander und einigem mehr erfahren die Leser so direkt, als säßen sie mit am Küchentisch.
Die Familienmitglieder plagen Ängste, zerplatzte Träume und Enttäuschungen. Dass daraus einerseits kein Trauerspiel wird, die Leser sich andererseits aber auch nicht entspannt, katastrophen-voyeuristisch zurücklehnen können, liegt an der Sprache von Suffrins und ihrer Art zu erzählen, mal packend, mal (selbst)ironisch, mal nüchtern. (hm)
Vigdis Hjorth: Nichts als die Wahrheit
Um die Wahrheit lohnt es zu kämpfen. Das zeigt die Geschichte von Bergljot, der Hauptfigur in „Ein falsches Wort“ der Norwegerin Vigdis Hjorth. Als Kind durch den eigenen Vater schwer traumatisiert, kämpft Bergljot ihr Leben lang gegen sich selbst. Sie sucht die Schuld für das Unglück ihrer Kindheit bei sich, findet immer öfter Halt bei einem Glas Wein. Was als Erbstreit zwischen den Eltern und den vier Geschwistern Jahrzehnte später beginnt, mündet für Bergljot in einem neuen Kampf: Sie kämpft nun um ihre Wahrheit, um die Anerkennung ihrer Vergangenheit.
Vigdis Hjorth
Ein falsches Wort
Übersetzung: Gabriele Haefs
S. Fischer
Frankfurt 2024
393 Seiten
25 Euro
Die Norwegerin Hjorth hat für ihre Bücher einige Preise gewonnen, war für den International Booker Prize nominiert. Auch ihr nun auf Deutsch erscheinendes Buch zeigt, warum sie international gefeiert wird. In klarer Sprache, die erschüttern und mitfühlen lässt, legt sie die verschiedenen Rollen der Familienmitglieder dar. Sie zeigt wie Bergljot jahrzehntelang unter dem Schweigen der Eltern, dem Nicht-Fragen ihrer jüngeren Schwestern litt.
Die jüngeren Schwestern haben ein enges, gutes Verhältnis zu den Eltern, Bergljot und ihr älterer Bruder haben kaum Kontakt. Die schreckliche Wahrheit über die Taten des Vaters werden innerhalb der Familie verdrängt und Bergljot zum Schweigen gebracht. Sie habe gelernt, dass es verboten sei, die Wahrheit auszusprechen, dass es sich rächte, die Wahrheit zu sagen, sagt Bergljot
Hjorths unaufgeregte Sprache lässt den Leser nah an die Gedanken der Hauptperson, sie lässt den Schmerz, die Wut, aber auch den Mut von Bergljot fühlen, ohne zu werten oder zu verurteilen, wenn diese sich endlich entscheidet, zur „Kriegerin“ zu werden und um ihre eigene Wahrheit zu kämpfen. (ahol)