Buchrezension: Machen statt meckern: Verena Pausders Appell für ein „neues Land“
Die Autorin stammt aus einer Unternehmerfamilie.
Foto: obsDüsseldorf. Digitalisierung, Bildung, Klimaschutz, Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Unternehmertum – das alles ist hierzulande in einem Zustand, der einer führenden Wirtschaftsnation nicht zur Ehre gereicht. Das ist inzwischen allgemein bekannt. Doch bislang fehlen die Rezepte, den Defiziten zu begegnen.
Verena Pausder, die sich in einer Rede zwischen zwei Buchdeckeln an ihre Leser richtet, hat davon genug. Sie, Gründerin der digitalen Lernangebotsplattform Fox & Sheep, die sie inzwischen verkauft hat, will nicht länger warten.
Sie will das Land, in dem sie mit ihrer Familie lebt, gestalten – so, wie sie es als Unternehmerin, Mitgründerin von Start-up Teens und Initiatorin der Website Homeschooling-corona.com bereits selbst getan hat. Ihre Motivation ist ganz einfach: Eines Tages werden uns unsere Kinder fragen: Ihr habt doch alle gewusst, dass mehr für Bildung und Umweltschutz, Digitalisierung und Chancengleichheit getan werden muss, warum habt ihr nichts getan?
Vielleicht ist es müßig, auf Hannah Arendt zu verweisen, doch sie kommt in den Sinn. Das vornehmste Bürgerrecht ist das Handeln – nicht das Arbeiten und Herstellen –, das Handeln als Bürger. Pausder plädiert dafür, zwar ein klares Zielbild zu haben für das „neue Land“, wie sie es nennt und das Buch auch heißt, aber nicht unendlich zu planen, sondern endlich anzufangen, dieses neue Land zu bauen.
In vielen Beispielen zeigt sie auf, wie das auch ohne große Mittel gehen kann. So zum Beispiel mit dem Roboterkopf aus Pappe und Alufolie, den ein Kind aufsetzt – und fortan der Roboter ist, der nichts mehr sehen kann. Die Klassenkameraden müssen ihm genaue Anweisungen geben, damit er auch das tut, was die anderen wollen, und so lernen sie, was man fürs Programmieren braucht.
Sicherlich wird es Leser geben, denen der Ton dieses Sachbuchs zu leicht, zu einfach erscheint. Aber Pausder will, dass sie jeder versteht, auch ohne digitale Erfahrung, auch Menschen, vor allem Eltern, die der Digitalisierung im Klassenzimmer vielleicht skeptisch gegenüberstehen.
Lesen und Machen: Es gibt viel zu tun, stellt Pausder klar; man müsse nur anfangen, und das gehe auch mit wenigen Mitteln. Es ist ein missionarisches Buch – doch die Autorin will nicht mit erhobenem Zeigefinger agieren. Und das gelingt.
Das Buch ist eine Anleitung für Bürger, sich für das neue Land einzusetzen – und nicht nur zu meckern oder zu fordern. Dahinter steht die wichtige Aussage für ein Land wie Deutschland, das so weit gekommen ist und doch in Diskussionen verfangen bleibt: Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst.
Bei Pausder klingt das natürlich weniger pathetisch, es ist die Sicht einer erfolgreichen Unternehmerin, die sich bei profanen Elternabenden ebenso beweist wie in den Aufsichtsratssitzungen bei der Comdirekt Bank. Es geht ihr um die Belebung der Demokratie.
Die Autorin, die aus einer Unternehmerfamilie stammt und deren politisches Selbstbewusstsein durch ihren Urgroßvater Gustav Heinemann und ihren Onkel Johannes Rau geprägt wurde, bietet viele Einblicke in ihre pragmatische Denkweise. Das Machen ist ihr wichtig, Fehler machen nicht schlimm, weiter abwarten dagegen schon. Und so, wie sie es beschreibt, versteht man wirklich nicht, warum eigentlich so wenig passiert in diesem Land.
Wenn sie etwas stört, dann greift sie ein: Zum Beispiel, als die Westwing-Vorständin und Gründerin Delia Lachance ihr Vorstandsmandat niederlegen musste, um in Mutterschutz zu gehen. Pausder hat gehandelt: Sie gründete mit anderen die Initiative #stayonboard für mehr Familienfreundlichkeit und Diversität in Vorstandsetagen.
In kurzen, knappen Sätzen entwickelt die Autorin ihr Bild vom neuen Land. So rast man durch die rund 200 Seiten, die selbst für die Generation Tiktok taugen. Verena Pausder denkt nicht in Problemen, sondern in Lösungen. Am Ende jedes Kapitels sind konkrete Handlungsempfehlungen vermerkt. Es ist eine Anleitung zum Machen – nach dem Lesen.
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