Management-Kolumne Martin Suters mutiger Neustart als virtuelle Ich-AG

Der Schweizer Bestsellerautor belebt seine „Business Class“ wieder. Das Handelsblatt Magazin druckt einige der neuen Kolumnen exklusiv.
05.03.2020 - 10:06 Uhr Kommentieren
„Natürlich möchte ich die Selena Gomez der Literatur werden.“ Quelle: Getty Images
Schriftsteller Martin Suter

„Natürlich möchte ich die Selena Gomez der Literatur werden.“

(Foto: Getty Images)

Düsseldorf Martin Suter gibt es zweimal: Für den einen müsste man den Begriff „Dichterfürst“ erfinden, wenn es ihn nicht schon gäbe. Wie zurückhaltend und doch präsent er da jetzt in der „Kronenhalle“ sitzt, jenem Restaurant, das der geistigen und finanziellen Elite Zürichs eine allabendliche Bühne bietet: Gerade kommt er von einer mehrwöchigen Reise aus Asien zurück.

Der Maßanzug sitzt perfekt wie die lackschwarze Haarpracht. Wenn er nach dem Diner aufstehen wird, werden die Blicke der umsitzenden Geschäftsleute und Partygänger den 72-Jährigen begleiten wie Pagen eines Fünf-Sterne-Hotels.

Schaut’s, das ist der Suter, der mit seinen Romanen von „Small World“ bis „Elefant“ eine Art Abo auf die Spitzenplätze der Bestsellerlisten hat! Suter, der in der Kolumne „Business Class“ viele Jahre lang der deutschsprachigen Geschäftselite ein literarisches Denkmal setzte. Suter, der Bonvivant, der nicht nur eine elegante Wohnung hier am Hang in Zürich besitzt, sondern auch ein Haus in Guatemala.

Okay, das Gut auf Ibiza wurde mittlerweile verkauft, die Insel ist ja auch so schrecklich laut geworden. Dafür hat er sich zuletzt ein Domizil in Marrakesch gegönnt. Suter, ein Schweizer Exportschlager wie Rolex, Taschenmesser oder Toblerone!

Und dann kommt auch noch der Kellner und reicht als Aperitif zwei „Allmen“. Die Cocktails wurden nach Suters Krimiserien-Star Johann Friedrich von Allmen benannt und hier in der Bar eigens für ihn komponiert: sehr viel Tequila und Mezcal zu Limette und Zucker.

Und während er ihn nun erstmals goutiert, allmählich auf Betriebstemperatur kommt und anfängt zu plaudern, taucht der zweite, der andere Suter auf, der zwar genauso gut ausschaut, aber sich doch mehr für Zahlen interessiert. Und die sind bekanntlich für die Buchbranche nicht gut.

„Die Auflagen gehen auf breiter Front zurück“, erzählt er. Um den Lebensstil von Suter Nummer eins mittelfristig noch gewährleisten zu können, begann Suter Nummer zwei nach den Leserinnen und Lesern zu suchen, die selbst ein Bestsellerlieferant wie er zu verlieren droht. Sie waren ja nicht weg, sondern hatten sich eher umorientiert, wenn man so will.

Er fand sie in Bussen und Straßenbahnen, in Cafés und auf Parkbänken – und sie waren nicht mehr über Bücher aus Papier gebeugt, sondern über Smartphones und Tablets. Suters persönliche Empirie zeigte ihm zwar, dass die Leute weiterhin lasen – aber das meiste nunmehr gratis und im Netz, gern in sozialen Netzwerken wie Twitter, wo am Ende auch Suter erste Experimente machte, weil dort wenigstens noch Text eine Rolle spielt.

Er kann ja nun in seinem Alter nicht mehr anfangen, auf Instagram einen Account für Katzenvideos zu gestalten, um Traffic zu erzeugen und Awareness zu schaffen, wie das heute heißt. So fing er an, bei Twitter jeden Tag ein kleines, irgendwie aktuelles Gedicht zu veröffentlichen in der Art: „Und was man allzu gern vergisst / Zum Februar als Monat / Dass man, obwohl er kürzer ist, / Genau den gleichen Lohn hat.“

Er war erst wenige Tage auf Sendung, da ließ sein Hausverlag Diogenes den Account sperren, weil man dachte, es handle sich um einen Fake. Allerlei Aufregungen und Unterstützungsaktionen von Suter-Freunden wie Moritz Bleibtreu später durfte der Schriftsteller weitermachen.

Über 6000 Follower hat er mittlerweile. Das ist ordentlich für einen Dichter, aber wenig, wenn man weiß, dass ein Weltstar wie Selena Gomez (Schauspielerin, Sängerin, Model, Influencerin etc.) von 60 Millionen Fans begleitet wird. „Und natürlich möchte ich die Selena Gomez der Literatur werden“, lacht Suter über seine Avocado hinweg. „Oder anders: Ich will gelesen werden und war nie einer jener Autoren, die vorgeben, dass ihnen ihre Leser egal sind.“

So begannen parallel zu seinen Twitter-Aktivitäten die Arbeiten an der Website martin-suter.com, wo Suter eins und zwei nunmehr Seitʼ an Seitʼ zusammenarbeiten: Der eine liefert den Inhalt mit teils noch nie veröffentlichten Preziosen aus dem schriftstellerischen Archiv, alten „Geo“-Reportagen, Buchpassagen, Videos. Und weil Suter zwei, der nun allmählich zum Start-up-Unternehmer wurde, mit dem Projekt ja auch Geld verdienen will, musste nicht nur eine Paywall her, sondern auch neuer, weltexklusiver Stoff.

Also einigten sich die beiden Suters darauf, die alte „Business Class“-Kolumne nach 13 Jahren wiederzubeleben mit neuen, kleinen Texten aus der Welt des Wahnsinns im Topmanagement. Immerhin hat der Autor von den alten Texten in Buchform rund eine Million Exemplare verkauft.

wurde am 29. Februar 1948 in Zürich geboren. Nach einer ersten Karriere als Werber verkaufte er die eigene Agentur und machte sich als Journalist (unter anderem für „Geo“) selbstständig. Die Kolumne „Business Class“ war sein Entree in die dritte Karriere – als Schriftsteller. Mit thematisch so unterschiedlichen Büchern wie „Small World“, „Der Koch“ oder „Elefant“ schafft er es regelmäßig in die Bestsellerlisten. Nun startet er eine vierte Karriere als Start-up-Unternehmer mit eigener Website: Auf martin-suter.com präsentiert er auch neue Folgen der 2007 beendeten „Business Class“-Kolumne. Quelle: dpa
Martin Suter

wurde am 29. Februar 1948 in Zürich geboren. Nach einer ersten Karriere als Werber verkaufte er die eigene Agentur und machte sich als Journalist (unter anderem für „Geo“) selbstständig. Die Kolumne „Business Class“ war sein Entree in die dritte Karriere – als Schriftsteller. Mit thematisch so unterschiedlichen Büchern wie „Small World“, „Der Koch“ oder „Elefant“ schafft er es regelmäßig in die Bestsellerlisten. Nun startet er eine vierte Karriere als Start-up-Unternehmer mit eigener Website: Auf martin-suter.com präsentiert er auch neue Folgen der 2007 beendeten „Business Class“-Kolumne.

(Foto: dpa)

Eigentlich war also im vergangenen Jahr für alles gesorgt: Das Suter-Duo hatte eine eigene Firma für die Website gegründet, eine feine Züricher Agentur als Partner, jede Menge Content und einen Business-Case (fünf Euro Abo-Gebühr pro Monat, 50 Euro pro Jahr). Das Einzige, was auf sich warten lässt, sind Leserinnen und Leser.

Die Suter-Zwillinge aus betriebswirtschaftlicher Ich AG und Bestsellerautor mussten sich eingestehen: „Das Geldverdienen ist digital tatsächlich nicht so leicht.“

Damit sich die Seite tragen kann, bräuchte es rund 5000 Abonnenten. „Davon sind wir noch weit entfernt.“ So entstand die Idee, hier im Handelsblatt Magazin einige der neuen Kolumnen exklusiv zu drucken, was „hoffentlich eine Win-win-Situation“ ist, schmunzelt Suter eins – oder zwei?

Das ist jetzt nicht mehr ganz klar in der spätabendlichen Rotweindämmerung: „Das Handelsblatt wird ja durchaus von einer wirtschaftlichen Elite studiert und kann von meinen Texten hoffentlich profitieren – ebenso wie ich von Ihrer großen Bühne.“

Er ist jetzt beides: Start-up-Unternehmer und Literat, Schöngeist und Rechner, analoger Dichter und digitaler Denker. Ob sein Experiment funktionieren wird, ist nicht ausgemacht. Aber es wird dem ganzen Berufsstand und der Verlagsbranche wertvolle Hinweise liefern, welche Zukunft Literatur noch hat.

Man könnte jetzt noch einen „Allmen“ vertragen. Ist ja aber doch schon spät geworden, obwohl man nicht mal mehr doppelt sieht.

Dieser Text ist entnommen aus dem Handelsblatt Magazin N°1/2020. Das komplette Handelsblatt Magazin als PDF downloaden – oder gedruckt mit dem Handelsblatt vom 06. März 2020 am Kiosk erwerben.

Neue Kolumnen und andere Pretiosen des Schriftstellers finden Sie auch unter martin-suter.com.

Mehr: Lesen Sie hier Martin Suters erste „Business Class“-Kolumne im Handelsblatt Magazin.

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