Handelsblatt-Musterdepots: Das Nachhaltigkeits-Depot: Warum der Energiesektor für Anleger weniger wichtig ist, als man vermuten würde
Die Strategen (v. l.): Laetitia-Zarah Gerbes (Acatis Investment), Gabriele Hartmann (Perspektive Asset Management) sowie David Wehner (Do Investment)
Foto: privatMünchen. Kaum eine Branche steht derzeit so stark im Fokus der Öffentlichkeit wie der Energiesektor. Der durch den Ukrainekrieg ausgelöste Preisschock bei Öl und Gas verunsichert Verbraucher und Unternehmer gleichermaßen. Aus diesem Grund beschloss die Bundesregierung jüngst die sogenannte Gasumlage für Unternehmen.
Sie soll angeschlagene Energiekonzerne wie Uniper vor der Insolvenz schützen und die Gasversorgung für Industrie und Verbraucher sicherstellen. Doch nicht nur der verlustreiche finnisch-deutsche Konzern Uniper will Mehrkosten geltend machen. Auch weitere Konzerne, darunter einige mit Milliardengewinnen, wollen sich über die Umlage entschädigen lassen.
Das sorgt für sozialen Sprengstoff. Es wird in den kommenden Monaten keine einfache Aufgabe für die Regierung sein, die Wohlstandsverluste in der Gesellschaft wegen höherer Energiepreise gerecht zu verteilen.
Spätestens im Oktober gibt es mehr Klarheit. Dann werden die Verbraucher mit der Gasumlage zur Kasse gebeten, während Energiekonzerne ihre Quartalsergebnisse offenlegen. Der Unmut über die Energiepolitik in Deutschland dürfte weiter bestehen bleiben.
Aus Sicht von Anlegern hat der Energiesektor eine geringere Bedeutung, als man vermuten würde. Dies zeigt sich am weltweiten Börsenindex MSCI World. Er besteht aus elf Branchen und folgt dem Konzept der Marktgewichtung. Je gefragter ein Unternehmen beziehungsweise eine Branche ist, desto höher ist auch das Gewicht im Index.
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Tatsächlich ist es im Energiesektor schwer, Unternehmen mit einer klaren Zukunftsvision, einer technologischen Führerschaft, einer starken Marke und sehr gutem Management zu finden. Oftmals hält der Staat einen hohen Anteil an den börsennotierten Unternehmen.
Zum Wohl der Aktionäre ist das nicht immer, wie sich am Beispiel von EdF zeigt. Der französische Betreiber von Atomkraftwerken wurde 2005 in einer Teilprivatisierung an die Börse gebracht. Die Erstnotiz lag bei 32 Euro je Aktie. Vor wenigen Wochen erfolgte ein Angebot der französischen Regierung, den angeschlagenen Konzern zu einem Kurs von zwölf Euro wieder von der Börse zu nehmen. Ein verlustreiches Engagement für langfristig orientierte Aktionäre, trotz Dividende.
Transformation zu „neuer“ Energie stockt
Ein weiterer Grund, weshalb der Energiesektor an der Börse eher unbeliebt ist, liegt an der Transformation von „alter“ Energie zu „neuer“ Energie. Alle großen Unternehmen des Sektors, darunter Exxon Mobil, Chevron oder Shell, sind weiterhin auf fossile Energie ausgerichtet. Verglichen mit ihrem Kerngeschäft machen die Engagements in Erneuerbaren nur einen Bruchteil aus. Dies wäre jedoch wichtig für ihre Zukunftsfähigkeit.
Denn Öl, Kohle und Gas werden zugunsten von Wind und Sonne drastisch reduziert, um die dringend erforderliche Klimaneutralität zu erreichen. Bestehende Gesetze und Initiativen wie die EU-Taxonomie oder die Nachhaltigkeitsziele der UN lenken ebenfalls die Kapitalströme in eine grünere Richtung.
Nach strenger Definition von Nachhaltigkeit sind Ölgiganten wie Exxon oder Shell als Investment ausgeschlossen. Dafür gibt es hinreichend bekannte Gründe. Anleger trauen deshalb dem Markt für Wind, Sonne und Wasserstoff prinzipiell mehr zu als den Öl- und Gaskonzernen.
Dies lässt sich an ihren Bewertungen ablesen. Während fossile Energie teils mit einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen notiert, liegen Erneuerbare um ein Vielfaches höher. Allerdings werden im Bereich von Wasserstoff oder Kohlenstoffbindung (Carbon Capture) derzeit noch keine Gewinne erwirtschaftet.
Aktienkurse von Erneuerbaren schwanken
Wegen dieser fehlenden Referenz für eine Bewertung schwanken die Aktienkurse der entsprechenden Unternehmen sehr stark. Hier ist es auch für professionelle Investoren schwer, gute Ein- und Ausstiegszeitpunkte zu bestimmen.
Im Musterdepot Nachhaltigkeit ist es mir wichtig, qualitative Kriterien in die Unternehmensauswahl mit einzubeziehen und längerfristig engagiert zu bleiben. Als Qualitätskriterien werden eine gute Marktstellung, solide Gewinne und eine möglichst zweistellige Kapitalrendite gesehen.
Im Bereich der erneuerbaren Energien ist es meines Erachtens schwierig, gute Unternehmen mit einem fairen Bewertungsniveau zu finden. Solide Gewinnmargen werden in einigen Bereichen durch starken Wettbewerb und hohen Preisdruck erschwert. Zudem leiden momentan einige Unternehmen unter Lieferengpässen und hohen Rohstoffkosten.
Mit Canadian Solar gibt es jedoch eine kleine Beimischung in dem – aus Nachhaltigkeitsaspekten – so wichtigen Sektor der erneuerbaren Energien. Der 2001 gegründete kanadische Hersteller von Solarmodulen zählt mit knapp drei Milliarden Dollar Marktkapitalisierung zu den größten der Branche. Einen detaillierteren Blick in die Firmengeschichte und Nachhaltigkeitsaspekte des Unternehmens gebe ich im nächsten Kommentar.