Kapitalanlage: Die Macht der Tweets auf dem Aktienmarkt
Zwei, deren Tweets nicht selten den Finanzmarkt bewegen.
Foto: AFPFrankfurt. Es ist keine ungetrübte Liebesbeziehung mehr. So häufig wie kein anderer Amtsträger vor ihm nutzt der US-Präsident den Kommunikationskanal Twitter. Doch das Verhältnis von Donald Trump zu seiner liebsten Verlautbarungs-Plattform wird zunehmend schwieriger.
Erst in diesen Tagen ging die US-Band „Linkin Park“ gegen ein Video für die Wahlkampagne von Trump auf Twitter vor, in dem eines ihrer Lieder verwendet wurde. Dafür kassierte Trump eine Unterlassungserklärung.
In der Regel trägt er allerdings seine Botschaften ungestört über Twitter in die Welt hinaus und beeinflusst damit die Finanzmärkte. Etwa wenn er China per Tweet eine Desinformationenkampagne vorwirft – und damit den Dollar nach oben treibt, wie Ende Mai geschehen.
Mehr als 10.000 Twitter-Meldungen hat der US-Präsident seit seinem Amtsantritt im Januar 2017 abgesetzt – und ist damit zu einem einflussreichen Faktor an der Börse geworden. Denn die Reaktionen auf seine Tweets sind schnell und können sich stark auf die Märkte auswirken.
„Wir leben in einem perfekten Klima, in dem sich Kursbewegungen durch ein steigendes oder fallendes Investorenvertrauen massiv verstärken können“, sagt Seema Shah, Chefstrategin von Principal Global Investors, einem der großen Vermögensverwalter der Welt, der rund 500 Milliarden Dollar an Anlagegeldern managt.
Die Welt hat sich im Vergleich zur Zeit vor der letzten Finanzkrise massiv verändert. Während damals die Menschen täglich weltweit etwa 300.000 Tweets versendeten, wird die Zahl heute bereits in einer Minute übertroffen. Im Laufe eines Tages addieren sich die Tweets auf über eine halbe Milliarde.
Allein Donald Trump hat auf seinem privaten Account bei Twitter @realDonaldTrump mehr als 80 Millionen Follower. Und auf seinem offiziellen Präsidentenkonto bei Twitter, dem Account @POTUS folgen ihm immerhin 30 Millionen Profile. Mehr Follower können nur wenige Prominente wie der Musiker Justin Bieber oder der Fußballstar Christiano Ronaldo aufweisen. Twitter ist für Shah „ein Medium der Angst“.
Sozialisierte Informationen
Denn nicht selten sorgen die kurzen, emotionalen Botschaften für Aufregung. Dennoch müssen gerade Kleinanleger den Trend nicht nur fürchten. Werden doch über Twitter die Informationen auch sozialisiert. Das gilt insbesondere für wichtige Nachrichten im Finanzbereich.
Die Profis, also die institutionellen Investoren, verlieren ihren Zeitvorsprung, den sie sonst bei vielen Informationen besitzen, da sie über ein tiefes Research und gute Vernetzung verfügen. „Durch die Verwendung von sozialen Medien erhalten Kleinanleger Informationen genauso schnell wie professionelle Investoren“, betont die Chefstrategin. Die Nachrichtenverteilung passiert blitzschnell. Jeder kann darauf zugreifen. Es gebe hier keine Compliance-Abteilung mehr, die jede Nachricht noch einmal überprüfe.
Gerade im Fall Trump haben Investoren nach Ansicht von Shah deshalb keine andere Wahl, als seine Tweets eng zu verfolgen. Shah bezeichnet ihn als ultimativen „Influencer der sozialen Medien“. Sie nennt ein Beispiel: Am 23. August vergangenen Jahres hatte der US-Präsident innerhalb von zwei Minuten sechsmal über das Treffen der internationalen Notenbanken im amerikanischen Jackson Hole berichtet.
Der Präsident forderte vom Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, geldpolitische Lockerungen und teilte Chinas Entscheidung, weitere Vergeltungszölle auf US-Produkte einzuführen. Die Reaktion der Märkte darauf war schnell und hart.
Das Aktienbarometer Dow Jones fiel rund 400 Punkte in den 15 Minuten, die auf die Veröffentlichung der Tweets folgten. Zum Ende der Handelszeit an diesem Tag hatten die sechs Tweets an den Aktienmärkten insgesamt 500 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung vernichtet. Allerdings stellt Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, Family-Office der Familie Harald Quandt, inzwischen die Nachhaltigkeit der Tweets infrage: „Ihr Einfluss ist eher zurückgegangen.“
Schreck durch Elon Musk
Aber es muss nicht immer nur Donald Trump sein, der durch Tweets die Märkte beeinflusst: Wie schnell damit die Börse bewegt werden kann, machte auch Elon Musk, der Chef des Elektroautoherstellers Tesla, Anfang Mai dieses Jahres deutlich. Mit sonderbaren Tweets setzte er sein Unternehmen an der Börse zeitweise unter Druck.
Er schrieb, dass er den Aktienkurs des Elektrobauers für zu hoch halte. Außerdem twitterte der Tech-Milliardär unter anderem: „Ich verkaufe fast allen physischen Besitz“ und dass er kein Haus mehr besitzen werde.
Teslas Aktie geriet dadurch weiter unter Druck und fiel im New Yorker Aktienhandel am ersten Mai 2020 zeitweise um zwölf Prozent. Von dem Schock hat sich der Kurs des E-Auto-Herstellers allerdings schnell wieder erholt.
Die sozialen Medien sind es allerdings nicht allein, die die Kleinanleger dazu befähigen, genauso schnell zu reagieren wie die Profis. Genauso wichtig ist die Möglichkeit, beispielsweise ganze Branchen schnell zu kaufen oder zu verkaufen mithilfe von börsennotierten Indexfonds, sogenannten ETFs. Für Shah versprechen die ETFs nicht nur hohe Liquidität und damit einen problemlosen, schnellen Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Der Aufstieg der ETFs in den vergangenen zehn Jahren hat zusammen mit der immer perfekteren Preisstellung bei Wertpapieren nach Ansicht des Vermögensverwalters Principal Global Investors auch dazu geführt, dass die Märkte heute viel schneller auf Risiken reagieren. Insgesamt hatte der ETF-Markt Ende Mai weltweit ein Volumen von 5,9 Billionen Dollar, in Europa waren es nach den Berechnungen des Analysehauses ETFGI 892 Milliarden Dollar.
Hilfsmittel Indexfonds
Die Indexfonds haben gerade bei Kleinanlegern an Popularität gewonnen, da nicht nur die Gebühren günstiger als bei anderen Wertpapieren sind, sondern sie auch eine transparente Form bieten, um sich an Unternehmen zu beteiligen. Aber auch die institutionellen Anleger finden immer mehr Gefallen an einer Anlage in ETFs.
Sie werden etwa von Versicherungen für taktische Investments genutzt – ein Vorteil, wie die Coronakrise nach Ansicht von Volker Anger zeigt, der bei Goldman Sachs Asset Management (GSAM) das Geschäft mit Versicherern im deutschsprachigen Raum leitet. Er macht das an einem Beispiel von der Anleiheseite aus fest.
„Im Bereich von qualitativ hochwertigen Unternehmensanleihen liefen beispielsweise die Renditeaufschläge in der Hochphase der Krise um mehrere Prozentpunkte in bestimmten Regionen hinaus“, sagt er. Durch geschickte Reallokationen hätten die Versicherer davon profitieren können.
Nach einer Umfrage von GSAM bei Versicherern, die ein Volumen von über 13 Billionen Dollar verwalten, nutzen 24 Prozent der Assekuranzunternehmen weltweit ETFs für Aktien, in Europa sind es mit 27 Prozent sogar noch mehr.
Wie schnell die noch recht neuen Finanzinstrumente jedoch auch Entwicklungen an den Märkten verschärfen können, zeigt eine Beobachtung von Principal Global Investment: Während ETFs an den US-Aktienmärkten an normalen Tagen für rund 25 Prozent des Handelsvolumens verantwortlich sind, kann deren Anteil an Tagen mit starken Kursveränderungen auf fast 40 Prozent ansteigen. Das kann schnell wieder passieren, wenn US-Präsident Trump bei seinen Tweets im Wahlkampf zu neuer Hochform aufläuft.