Fusionen und Übernahmen: Krieg in der Ukraine lässt M&A-Deals platzen
Die italienische Großbank ließ einen Deal zum Kauf der russischen Otkritie FC Bank platzen.
Foto: ReutersFrankfurt. Der Angriff Russlands auf die Ukraine wirkt sich auch auf zahlreiche grenzüberschreitende Transaktionen im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) aus. Laut einer Analyse des Datendienstleisters Global Data vom Dienstag wurden in den vergangenen sechs Monaten 13 Deals geplant oder angekündigt, bei denen die Übernahmeziele in Russland oder der Ukraine beheimatet waren. Jetzt sei das Schicksal dieser Transaktionen ungewiss, einige dürften sich verzögern oder gleich ganz gestoppt werden.
Die hohen Kursschwankungen an den Finanzmärkten und die Unsicherheiten über den weiteren Verlauf des Krieges würden dazu führen, dass Firmenkäufer ihre Pläne zurücknehmen oder auf den Prüfstand stellen, sagte Aurojyoti Bose, führender Analyst bei Global Data. Interessanterweise habe es schon vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine einige Rückzieher gegeben.
Beispielsweise habe die italienische Großbank Unicredit einen Deal zum Kauf der russischen Gesellschaft Otkritie FC Bank abgeblasen und die wachsenden Spannungen zwischen beiden Ländern als Grund genannt. Andere Übernahmeziele in Russland beträfen laut Global Data Unternehmen wie etwa Arifmetika, RosExpert, Academy IT und BaltTransServis. In der Ukraine standen nach der Analyse des Datenlieferanten Firmen wie Perfectial und World Executive Partners auf der Kaufliste, ebenso Agrarfirmen.
Dass die Krise zum Treiber für M&A-Deals wird, gilt Investmentbankern zufolge als eher unwahrscheinlich. Zwar hätten einige Firmen einen Rückzug aus Russland sowie Anteilsverkäufe angekündigt. Allerdings sei unklar, wie Unternehmen im derzeitigen Umfeld Käufer finden sollen.
Sicherzustellen, dass ein Käufer keinerlei Verbindungen zu sanktionierten Personen habe, sei schwierig. Doch selbst wenn es gelinge, sei es angesichts russischer Regularien so gut wie unmöglich, Veräußerungserlöse außer Landes zu schaffen.
„Was jetzt passiert, ist, dass Firmen geplante Verkäufe ankündigen. Operativ werden Lizenzen entzogen, Lieferungen gestoppt und russische Aktivitäten abgeschrieben“, sagte ein Frankfurter M&A-Berater. Bis Verkäufe tatsächlich über die Bühne gehen, werde aber noch viel Zeit ins Land gehen.
Ältere Verträge ohne Regelungen
Der Hauptfokus der Unternehmen liegt derzeit darin, geschäftliche Beziehungen auf mögliche Sanktionsverstöße zu durchleuchten, aber gleichzeitig keine vorschnellen Entscheidungen zu fällen. Die meisten Verträge, die seit der Krimkrise 2014 geschlossen wurden, haben Regelungen, wie im Fall von Sanktionen zu verfahren ist. Ältere nicht unbedingt.
„Nichtstun ist nicht angebracht, alle Unternehmen müssen fortlaufend überprüfen, ob nicht Geschäftsbeziehungen zu sanktionierten Personen bestehen oder die Geschäfte aufgrund der Sanktionen unzulässig geworden sind“, sagt Vera Jungkind, Sanktionsexpertin bei Hengeler Mueller.
„Aus rechtlicher Sicht gibt es kein Totalembargo der EU. Bestimmte Geschäfte sind rechtlich weiterhin möglich, wenn keine Sanktionen greifen. Ob ein Unternehmen das aus Reputationsgründen auch tun will, ist eine andere Frage.“
Sanktionen vor allem für Konzerne aus Nato-Staaten spürbar
Global Data Analyst Aurojyoti Bose glaubt, dass die eingeleiteten Sanktionen vor allem bei den Konzernen mit Firmensitz in den Nato-Staaten spürbar würden, wenn es um Firmenkäufe geht. Hier werde es sehr schwer werden, die Deals weiter zu verfolgen.
Als Beispiel nannte der Experte den Verkauf des russischen Privatkundengeschäfts der Citigroup an die russische Staatsbank VTB. Aktien der Citigroup, die unter den großen US-Kreditinstituten das größte Engagement in Russland hat, verloren nach Kriegsausbruch.
Die US-Bank warnte, dass Sanktionen und Exportkontrollen aufgrund der eskalierten Spannungen zwischen dem Westen und Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine das Geschäft der Citi beeinträchtigen könnten. Das gesamte Geschäftsvolumen der Citibank in Russland wird auf rund zehn Milliarden Dollar veranschlagt.
Heidrick & Struggles, ein führender Anbieter von globaler Führungsberatung und On-Demand-Talentlösungen, hatte im Dezember Vereinbarungen zur Übernahme von RosExpert in Russland bekannt gegeben. Die Transaktion sollte im ersten Quartal 2022 abgeschlossen werden.
M&A-Transaktionen in Russland oder der Ukraine machen zwar einen vergleichsweise geringen Anteil am globalen Geschäft aus, dennoch ist es ein Dämpfer in einem ohnehin abkühlenden Boom. Denn auch die steigenden Zinsen verteuern die Übernahmefinanzierungen, was vor allem bei Leveraged Buy-outs mit hohem Kreditanteil ein Belastungsfaktor werden dürfte.
Auch Transaktionen mit Börsenmänteln (Spacs), die Übernahmen tätigen, dürfte es mit russischer Beteiligung vorerst nicht mehr geben. Das Jahr 2021 war ein Rekordjahr für M&A-Transaktionen, laut der Kanzlei Freshfields erreichte das weltweite Volumen 5,5 Billionen Dollar.