JP Morgan: „Wir erleben in jeder Hinsicht eine Ausnahmesituation“
Mitte März hatte der Kollaps von drei US-Regionalbanken für Verwerfungen an den Finanzmärkten gesorgt.
Foto: ReutersFrankfurt. Nach dem Beben am Bankenmarkt im März hat sich die Lage etwas beruhigt. Doch Sjoerd Leenart, Global Head of Corporate Banking der US-Großbank JP Morgan Chase, geht nicht davon aus, dass die Turbulenzen bereits überstanden sind, und er erwartet, dass die Krise die künftige Strategie der Banken beeinflussen wird.
„Wir erleben in jeder Hinsicht eine Ausnahmesituation, egal, ob es um die geopolitischen Spannungen geht, die Staatsverschuldung, die Inflation oder die rasante Zinswende“, sagt der Banker im Gespräch mit dem Handelsblatt. Niemand habe erwartet, dass das Zinsniveau so rasch anzieht. Ein solches Szenario sei selbst in einigen der Stresstests, denen sich die Banken regelmäßig unterziehen müssen, nicht simuliert worden.
Mitte März hatte der Kollaps von drei US-Regionalbanken für Verwerfungen an den Märkten gesorgt, die sich bis nach Europa ausbreiteten. Die bereits angeschlagene Schweizer Großbank Credit Suisse wurde in einer vom Staat orchestrierten Notaktion vom größeren Lokalrivalen UBS übernommen. Die Deutsche Bank geriet kurzfristig ebenfalls unter Druck, nachdem Investoren umfangreiche Wetten gegen die Aktie des größten heimischen Geldhauses aufgebaut hatten.
JP Morgan: Banker Sjoerd Leenart hofft auf mehr Stabilität bei den Banken
Nach Einschätzung von Leenart werden die jüngsten Probleme im Finanzsektor einen ohnehin bereits vorhandenen Trend weiter verstärken: „Viele Banken konzentrieren sich stärker auf ihr Kerngeschäft und ihren Heimatmarkt.“ Einige Banken hätten bereits ausländische Töchter verkauft und wollten ihre Präsenz dort konzentrieren, „wo sie wirklich wettbewerbsfähig sind“. Für viele Banken sei es vor allem im Investmentbanking schwierig, sich außerhalb ihres Heimatmarkts zu behaupten.
Der Banker hofft, dass das Finanzsystem durch die Konzentration der Geldhäuser auf ihre Stärken insgesamt stabiler wird. Im vergangenen Jahr gab beispielsweise die US-Großbank Citigroup ihr Privatkundengeschäft in Mexiko auf, und die britische Großbank HSBC verkaufte ihr Kanadageschäft an die Royal Bank of Canada.
Der Manager ist Global Head of Corporate Banking der US-Großbank JP Morgan Chase.
Foto: JP MorganLeenart geht davon aus, dass die Profitabilität der Geldhäuser unter den Turbulenzen und ihren Folgen leiden wird, eine systemische Bankenkrise wie 2008 hält er aber für „sehr unwahrscheinlich“. „Wir beurteilen die Kreditqualität im Unternehmenssektor insgesamt recht positiv“, betont der Banker. Allerdings gebe es zwei kritische Bereiche, in denen es zu Finanzierungsproblemen kommen könnte: Teile der Tech-Branche sowie der Immobilienmarkt.
JP-Morgan-Banker sieht Gewerbeimmobilien als Krisenherd
„Start-ups haben in der Vergangenheit viel Kapital aufgenommen, aber dieses Fenster ist jetzt so gut wie geschlossen“, meint Leenart. Der Banker rechnet mit einem Ausleseprozess in der Technologiebranche: „Viele Unternehmen werden diese Phase überstehen, aber es wird auch Ausfälle geben.“
Der Markt für Gewerbeimmobilien leide vor allem unter der rapiden Zinswende. Ausstehende Kredite müssten jetzt zu deutlich höheren Sätzen refinanziert werden, während gleichzeitig die Bewertungen der Objekte unter Druck gerieten.
Leenart ist nicht der einzige Experte, der den Markt für Gewerbeimmobilien als potenziellen Krisenherd sieht. Gerade erst hat der prominente Hedgefonds-Manager Paul Marshall vor einer Vertrauenskrise in diesem Bereich gewarnt. Gewerbeimmobilien und vor allem Bürogebäude seien nach den Bankenturbulenzen der nächste Risikofaktor für das Finanzsystem.
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In den USA sind die Büro-Leerstände laut Moody’s Analytics landesweit so hoch wie seit den 80er-Jahren nicht mehr. Eine Reihe von Büroimmobilienbesitzern hat aufgehört, ihre Kredite zu bedienen, und ist bereit, die Gebäude zurück an die Banken gehen zu lassen.
USA denken über strengere Regeln für Banken nach
Die US-Regierung denkt über eine strengere Regulierung mittelgroßer Banken nach. US-Präsident Joe Biden forderte Ende März schärfere Auflagen für Banken. Die geplanten Empfehlungen sehen die Wiedereinführung strengerer Regeln für Geldhäuser mit Vermögenswerten zwischen 100 und 250 Milliarden Dollar vor. Diese Vorschriften waren seinerzeit vom US-Kongress und der Federal Reserve während der Regierungszeit von Bidens Vorgänger Donald Trump abgeschafft worden.
Leenart ist überzeugt, dass die härtere Regulierung nach der Finanzkrise die Banken sicherer gemacht hat, er weist aber auch auf die ungewollten Nebenwirkungen hin. „Die Anforderungen für den Bankensektor insgesamt sind im Laufe der Zeit deutlich gestiegen, was die Fähigkeit der Banken, ihre Kunden zu unterstützen, nun teilweise einschränkt.“ Der Grat zwischen der Absicherung des Banksystems und der Gewährleistung seiner Wettbewerbsfähigkeit sei schmal.
Erstpublikation: 20.04.2023, 04:00 Uhr.