Raisin: Der Streit um flüchtige Einlagen flammt wieder auf
Raisin mit seinen Marken Weltsparen und Zinspilot ist eines der bedeutendsten deutschen Finanz-Start-ups und mehr als eine Milliarde Dollar wert.
Foto: Sportsfile/Getty ImagesFrankfurt. Nach den jüngsten Bankenturbulenzen flammt die Debatte über die Rolle von Einlagenplattformen bei der Liquiditätsversorgung von Geldhäusern wieder auf. Aufseher wollen vor allem der Frage nachgehen, ob Kunden Einlagen, die über Weltsparen und ähnliche Plattformen vermittelt wurden, im Krisenfall schneller abziehen.
Europäische Banken, die sich stark auf vermittelte Einlagen stützen, sollten strengeren Liquiditätsanforderungen unterworfen werden, um dem Risiko plötzlicher Abflüsse zu begegnen, forderte am Donnerstag Tom Dechaene, der oberste Bankenaufseher der belgischen Notenbank.
„Wenn ich sehe, dass sich Banken auf vermittelte Einlagen verlassen, mache ich mir wirklich Sorgen“, sagte Dechaene, der auch Mitglied des Aufsichtsgremiums der Europäischen Zentralbank (EZB) ist, der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Ich kann mir keine volatileren Einlagen vorstellen als diese.“
Dechaene führte als Beispiel das Berliner Finanz-Start-up Raisin mit seinen Marken Weltsparen und Zinspilot an. Die Summe, die Anleger über Raisin investiert haben, hat sich innerhalb eines Jahres auf gut 40 Milliarden Euro fast verdoppelt.
Das zeige, dass einige Banken Einlagen zunehmend auf diese Weise beschafften. Den von Raisin vermittelten Einlagen steht allerdings eine gesamte Einlagenbasis von mehr als zwölf Billionen Euro im Euro-Raum gegenüber.
Mehr Risiko durch Zinsplattformen?
Über die Raisin-Plattformen können Privatanleger die Angebote für Tages- oder Festgeld vieler Banken vergleichen und Geld auch im Ausland anlegen, wo Institute oft höhere Zinsen zahlen als in Deutschland. Raisin verdient über Provisionen.
>> Lesen Sie hier: Finanzaufsicht Bafin prüft höhere Liquiditätspuffer für Banken
Der Zusammenbruch der Schweizer Credit Suisse und mehrerer US-Banken im Frühjahr hat die Liquiditätsversorgung in den Fokus der Finanzaufsicht gerückt. Damals flossen Gelder nämlich deutlich schneller ab als in der Vergangenheit – unter anderem wegen der flächendeckenden Nutzung von Onlinebanking.
In der EU sind Einlagen privater Sparer bis zu 100.000 Euro gesetzlich abgesichert. In Deutschland gibt es einen zusätzlichen Einlagenschutz.
Raisin ist nicht der Ansicht, dass Zinsplattformen die Liquiditätsrisiken von Banken erhöhen. „Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall“, erklärte das Unternehmen. Dank Zinsplattformen könnten Banken ihre Liquiditätsquellen stärken und breiter streuen. Zudem seien die jüngsten Bankpleiten ausgelöst worden, weil Großkunden mit hohen Einlagen ihre Gelder abgezogen hätten – und nicht Privatkunden mit überschaubaren Anlagen.
Das Verhältnis zwischen Raisin und einigen Banken ist seit der Pleite der Greensill Bank 2021 angespannt. Das Bremer Institut hatte auch über Weltsparen Kundengelder eingesammelt. Nach dem Zusammenbruch von Greensill musste die Einlagensicherung der Privatbanken Milliarden in die Hand nehmen, um Anleger zu entschädigen.
Kosten der Einlagensicherung als Knackpunkt
Als Raisin-Chef Tamaz Georgadze den deutschen Banken diese Woche auf einer Finanzkonferenz in Frankfurt vorwarf, zu wenig von den positiven Notenbankenzinsen an Privatkunden weiterzugeben und damit die Wirkung der EZB-Geldpolitik zu schwächen, reagierten die Vertreter von Geldhäusern empört.
„Ich muss jetzt wirklich total widersprechen“, sagte Commerzbank-Finanzchefin Bettina Orlopp. Das Vorgehen der Banken sei gerechtfertigt, weil diese von den meisten Privatkunden in der Negativzinsphase keine Verwahrgebühren erhoben hätten. Zudem hätten die Geldhäuser langfristige Kredite zu günstigen Konditionen vergeben und müssten Kosten unter anderem für die Einlagensicherung tragen.
„Wenn Plattformen an Banken, deren Namen wir alle nicht kennen, Kunden vermitteln zu wahnsinnig hohen Zinsen, dann funktioniert das ganze Modell nur deswegen, weil die privaten Banken am Ende für solche Namen eintreten, wenn dann doch eine Insolvenz passiert“, sagte Orlopp. „Dann sind es die anderen Privatbanken, die Milliarden ausgeben, um das Vertrauen in den Bankenmarkt zu erhalten.“ Die Plattformen leisteten dazu keinen Beitrag.
Georgadze weist die Kritik zurück: „Über unsere Plattform erleichtern wir Kundinnen und Kunden den Zugang zu einer größeren Auswahl an Produkten über Ländergrenzen hinweg“, sagt er. Raisin stelle damit Vergleichbarkeit und Transparenz her.
„Es erschließt sich uns nicht, inwiefern unser Angebot die Einlagensicherungen ausnutzen würde, besonders weil Verbraucherinnen und Verbraucher den Vergleich über Suchmaschinen und andere Vergleichsseiten auch selbst anstellen können, wenn auch aufwendiger und mit limitierterer Vergleichbarkeit.“
Erstpublikation: 06.07.2023, 17:45 Uhr.