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Start-up-Finanzierung In Geldnot, aber nicht kreditwürdig: Wie Wagniskapital und Venture Debt Gründern helfen

Vor allem junge Firmen können Banken oft keine Sicherheiten bieten. Das schließt Kredite theoretisch aus. In der Praxis nehmen Finanzierungsangebote zu.
28.03.2021 - 17:09 Uhr Kommentieren
Für junge Start-ups wie Wefox ist es schwer, an Geld zu kommen. Da helfen Wagniskapitalgeber. Quelle: IMAGO
Wefox präsentiert sich bei einer Messe in Dortmund (2019)

Für junge Start-ups wie Wefox ist es schwer, an Geld zu kommen. Da helfen Wagniskapitalgeber.

(Foto: IMAGO)

Düsseldorf Die ersten fünf Millionen Wagniskapital für seine digitale Versicherung erhielt Julian Teicke bei einem Abendessen mit einem Milliardär. „Nach Dutzenden von Absagen hatte ich großes Glück“, sagt der Wefox-Gründer.

Bei der Einladung von Marc Benioff, Gründer des US-Softwarekonzerns Salesforce sollte es eigentlich nur ums Kennenlernen gehen. Doch dann habe ihm Benioff direkt eine Beteiligung durch Salesforce Ventures, dem Investmentarm des Unternehmens, angeboten.

Für junge Start-ups, wie Wefox es vor gut fünf Jahren war, sind solche Wagniskapitalfinanzierungen oft die einzig mögliche Form der Geldbeschaffung.

„Wir hatten bereits über 30 Mitarbeiter, hatten alles selbst finanziert und liefen echt auf dem Zahnfleisch“, sagt Teicke rückblickend.

Aber er hatte keine Sicherheiten, die er einem klassischen Geldinstitut hätte geben können: „Banken investieren nicht in Teams und Visionen, Banken investieren in vorhersehbare Cashflows.“

Chancen sehen statt Risiken meiden

Wagniskapitalfirmen wie Salesforce Ventures sehen Unternehmen aus einer anderen Perspektive und gehen im Einzelfall ein hohes Risiko ein.

Ihre Wette: Eine ihrer zwanzig bis dreißig Beteiligungen pro Fonds wird sich so lukrativ wieder veräußern lassen, dass alle anderen Portfoliofirmen mehr oder weniger scheitern dürfen. Auch in Deutschland entstehen immer mehr Wagniskapitalgesellschaften mit diesem Geschäftsmodell. Um die besten Gründungen ist ein heiß umkämpfter Markt entstanden.

„Wir hatten bereits über 30 Mitarbeiter, hatten alles selbst finanziert und liefen echt auf dem Zahnfleisch“, erklärt der Wefox-Gründer Quelle: wefox Group
Julian Teicke

„Wir hatten bereits über 30 Mitarbeiter, hatten alles selbst finanziert und liefen echt auf dem Zahnfleisch“, erklärt der Wefox-Gründer

(Foto: wefox Group)

Trotz des wachsenden Kapitalangebots suchen viele Start-up-Gründer weiterhin lange nach einem Investor. Und sie sollten gut prüfen, ob es wirklich keine andere Form der Finanzierung für sie gibt als diese. Denn bei Wagniskapital oder englisch „Venture Capital“ (VC) geht es um Eigenkapitalfinanzierung, bei der der Unternehmer Anteile abgeben muss – teurer kann man Kapital wohl kaum bezahlen.

Die meisten VC-Investments tätigt in Deutschland der halbstaatliche High-Tech-Gründerfonds (HTGF). Neben den hiesigen privaten Wagniskapitalgesellschaften wie HV Capital, Cherry Ventures und Rocket Internet kommt auch sogenannten Business Angels eine wichtige Rolle zu. Das sind in der Regel erfolgreiche Unternehmer, die jungen Firmen das allererste Startkapital zur Verfügung stellen. Sehr aktiv sind etwa die Flixbus-Gründer.

Laut neuen Analysen des Informationsdienstes Startupdetector wurden 2020 insgesamt 1699 Wagniskapital-Finanzierungsrunden im Handelsregister verzeichnet, in knapp 700 Fällen war mindestens eine VC-Firma beteiligt.

„Das Wichtigste ist die persönliche Beziehung zu dem Partner beim VC – vor allem in frühen Phasen“, sagt Julian Teicke. „Es gibt viele Drucksituationen, die man gemeinsam durchstehen muss.“ Aus seiner Sicht geben die Wagniskapitalgeber Gründern in dieser Zeit aber auch mehr, als Banken geben könnten: „Netzwerk, Erfahrung aus anderen Unternehmen, Coaching.“

Das Dilemma aus großem Kapitalbedarf und VC-Nebenwirkungen wie Verlust von Stimmrechten und dem Druck, binnen zehn Jahren zum Börsenunternehmen oder zum Millionenzukauf eines Konzerns zu werden, will die Hamburger Purpose Ventures lösen. Sie verzichtet auf Mitsprache und vereinbart mit dem Start-up einen Plan, nach dem es seine Anteile zurückkaufen kann. Marktplatz-Software Sharetribe und Recycling-Firma Wildplastic gehen diesen Weg.

Sozialkredit für schnell wachsende Unternehmen

Wefox hat sich mit dem Wagniskapital seiner Investoren gut entwickelt. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde soll die Bewertung auf knapp eine Milliarde Dollar beziffert worden sein. Zur Finanzierung hat in der Zwischenzeit aber auch „Venture Debt“ beigetragen. Als Venture Debt werden Spezialkredite für schnell wachsende Unternehmen bezeichnet.

2017 hat der Berliner Fonds Davidson Technology Growth Debt dem Versicherungs-Start-up fünf Millionen Euro über dieses Instrument zur Verfügung gestellt. Laut dessen Website wird bei Kreditnehmern heute mindestens zehn Millionen Euro Umsatz vorausgesetzt, starkes Wachstum und ein positiver oder nahezu positiver Cashflow. Als Sicherheiten dienen Wirtschaftsgüter, Patente, Forderungen oder Bankguthaben.

Experten sprechen bei Venture Debt von hybridem Kapital, weil es Merkmale von Fremd- und Eigenkapital aufweist. „Wir bekommen Zinsen und einen 'Equity Kicker'“, sagt Raoul Stein, Partner bei Kreos Capital – nach Firmenangaben der größte nicht-regulierte Venture-Debt-Geber Europas. Mit Equity Kicker meint er Finanzprodukte, mit denen Kreos etwa eine Gewinnbeteiligung beim Börsengang erhalten könnte.

Unternehmer Teicke fasst Vor- und Nachteile so zusammen: „Die Zinsen sind bei Venture Debt viel höher als bei einem Bankkredit, da die Unternehmen noch nicht profitabel sind und deshalb das Ausfallrisiko viel höher ist.“ Schlussendlich sei Venture Debt trotz Zinsen und Equity Kicker aber viel günstiger als Venture Capital, weil Anteile nicht verwässert würden. Er betont aber auch hier die wichtige Beziehung zum Partner und weist darauf hin, dass der Venture-Debt-Anbieter die Firma in schwierigen Zeiten in die Insolvenz treiben könne.

Venture Debt ist in Deutschland noch unbekannt

In den USA ist Venture Debt lange etabliert, in Deutschland noch relativ unbekannt. Nach Schätzungen der Silicon Valley Bank (SVB) hat sich die Aktivität in diesem Bereich in Europa in den vergangenen zehn Jahren um den Faktor sechs bis acht multipliziert. 2020 soll der Markt etwa 1,5 Milliarden Dollar umfasst haben.

In Deutschland stehe der gestiegenen Nachfrage nach Venture Debt bisher aber „kein ausreichend entwickeltes Angebot gegenüber“, schreiben Ann-Kristin Achleitner und Reiner Braun von der Technischen Universität München in einer Studie. Grund sei der vergleichsweise schwach entwickelte Wagniskapitalmarkt. Wagniskapitalinvestoren hätten hier eine „Gatekeeper“-Funktion.

Türöffner können dabei besonders Investitionen bekannter Wagniskapitalfirmen sein. Denn spezialisierten Kreditgebern hilft es, wenn sich an Start-ups auch Top-Investoren beteiligen. Sie bildeten die Basis für das Vertrauen, „dass wir investieren können, obwohl jede andere Bank es nicht tun würde“, sagt SVB-Deutschlandchef Oscar Jazdowski.

So finanziere die Bank heute 50 Prozent der VC-finanzierten Start-ups in den USA. „Wir verleihen Geld an Firmen, die wenig Umsatz machen, denen das Geld ausgeht und die keine Vermögenswerte haben, aber von den besten Wagniskapitalgebern finanziert werden.“ Typischerweise könne die Silicon Valley Bank so schon bei einer ersten großen Finanzierungsrunde im Verhältnis eins zu drei mit den Wagniskapitalgebern Geld bereitstellen.

Auch Kreos finanziert laut Raoul Stein gerne sehr junge Firmen – zum Beispiel wenn diese noch sechs oder zwölf Monate mehr Zeit bräuchten, um Investoren von einer Folgefinanzierung zu einer hohen Bewertung zu überzeugen: „Wir haben keine Sicherheit, aber ein gutes Verständnis des Marktes.“

Zumindest Wefox ist derweil auf einem guten Weg, sich für seine risikoaffinen Kapital- und Kreditgeber bezahlt zu machen. Gerüchten zufolge haben mehrere Spac-Investoren Interesse, die Firma durch eine Übernahme schnell an die Börse zu bringen.

Mehr: Die neuen deutschen Einhörner: Wo sie stark sind – und auf welche Start-ups Investoren in Zukunft setzen

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