Dammbruch in der Versicherungsbranche?: Lebensversicherer Generali prüft Verkauf von vier Millionen Altverträgen
Generali will Lebensversicherungen verkaufen. Marktführer Allianz Leben lehnt solche Deals ab. Ergo hat bereits Lehrgeld bezahlt.
Foto: HandelsblattBerlin, Frankfurt, München. Sie ist der Deutschen liebstes Finanzprodukt: Rund 88 Millionen Lebensversicherungen gibt es hierzulande. Doch weil die überwiegende Mehrheit dieser Altverträge mit teuren Zinsgarantien ausgestattet ist, erwägen immer mehr Anbieter, sich davon zu trennen. Einige kleinere Versicherer haben ihre hochverzinsten und damit für sie teuren Altbestände bereits veräußert.
Schon bald könnte erstmals ein Großverkauf anstehen: Der italienische Versicherer Generali hat nach Handelsblatt-Informationen mehrere Offerten vorliegen und wird nach den Worten seines Deutschlandchefs Giovanni Liverani noch vor dem Sommer über einen möglichen Verkauf entscheiden. Die vier Millionen Lebensversicherungsverträge der Generali wären der mit Abstand größte sogenannte Run-off-Deal.
Generali könnte damit zum Testfall für die ganze Branche werden. Schließlich ist der Widerstand gegen solche Deals bislang gewaltig. Der Versicherer Ergo hatte erst kürzlich einen ebenfalls geplanten Verkauf abgeblasen und damit auf eine Welle der Empörung reagiert.
Seit drei Jahren führt er Generali Deutschland.
Foto: Generali Deutschland AG„Die ganze Diskussion leidet darunter, dass sie extrem unsachlich geführt wird“, monierte der neue Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft jüngst in Berlin. Gleichwohl müsse sich die Branche mit den Bedenken auseinandersetzen.
Anja Karliczek, CDU-Finanzexpertin und neue Bildungsministerin, warnte die Versicherer jüngst vor einem „Vertrauensbruch gegenüber ihren Kunden“. Die Politikerin sucht nach rechtlichen Möglichkeiten, damit Versicherte einem Verkauf ihrer Verträge künftig zustimmen müssten. Auch Frank Grund, Bafin-Exekutivdirektor für die Assekuranz, hatte bekräftigt, dass seine Aufsicht die Belange der Versicherten wahren werde – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Je größer der Bestand, desto strikter die Anforderungen an mögliche Käufer.
Es sind Ansprüche, an denen bald auch Generali gemessen werden könnte. Das dürfte einer der Gründe dafür sein, weshalb Liverani neben dem Verkauf weiterhin eine interne Abwicklung prüft. Der Topmanager macht gegenüber dem Handelsblatt zudem keinen Hehl daraus, dass eine neue, dritte Variante sein Favorit ist: eine Partnerschaft mit einem externen Abwickler, bei dem Generali einen kleinen Minderheitsanteil halten würde.
Ein Verkauf von Lebensversicherungsbeständen ist zwar legal, doch die Lebensversicherung ist nach deutschem Verständnis ein Versprechen auf Lebenszeit. Der Verbraucher verpflichtet sich, bis zum Rentenalter regelmäßig seine Beiträge abzuführen. Dafür gibt ihm der Versicherer die Zusage, das Geld zu verzinsen und dem Versicherten bis zum Lebensende eine monatliche Rente oder einen Einmalbetrag auszuzahlen.
Wie heikel ein Verkauf sein kann, bekam erst vor wenigen Monaten die Munich-Re-Tochter Ergo deutlich zu spüren. Im Herbst bot der Konzern die Altlasten der Branche an und startete einen formalen Verkaufsprozess. Am Ende war es neben dem unter den Erwartungen liegenden Preis vor allem die harsche Kritik von Verbraucherschützern und Politikern, die Ergo letztlich zur Umkehr bewegte.
Die Branche bringt das in ein Dilemma. Sie ächzt unter den niedrigen Zinsen, die es Lebensversicherern immer schwerer machen, die nötige Rendite für einst gegebene Zinsgarantien zu erwirtschaften. Hinzu kommen die EU-Eigenkapitalregeln Solvency II, die hohe zusätzliche Eigenmittel als Risikokapital fordern.
Viele Anbieter haben darum ihre klassischen Bestände bereits für das Neugeschäft dichtgemacht und verkaufen stattdessen lieber nur noch neue Angebote mit niedrigeren Garantien. Bei der Generali kommt hinzu, dass der Konzern in Deutschland mehrere Lebensversicherer und damit eine unübersichtliche Struktur hat, die Deutschlandchef Liverani gerade aufräumt.
Generali Leben gilt schon länger als größtes Problemfeld des Versicherers in Deutschland. Für die zusammen 40 Milliarden Euro schweren Verträge von Generali Leben gebe es durchaus Interesse, hatte Liverani bereits klargestellt. Für David Havens, Analyst von Imperial Capital spricht vieles dafür, dass Generali sich von seinem Portfolio trennen wird.
„Ein Verkauf zu akzeptablen Konditionen wäre begrüßenswert, weil hierdurch Kapital freigesetzt und die Zinssensitivität reduziert würde“, argumentiert Thorsten Wenzel, Versicherungsanalyst der DZ Bank. Ein Deal könnte die ungeliebte Debatte über schärfere Regulierung neu beleben. „Die Diskussion wird derzeit sehr emotional geführt“, räumt Hendrik Jahn ein, Versicherungsexperte und Partner der Beratungsfirma KPMG.
Das zeigt sich auch an den Reaktionen der Politik, die den Plänen der Generali sehr skeptisch gegenübersteht. „Wir stellen leider fest, dass verstärkt Run-offs diskutiert werden: Was etwa im Bereich Lebensversicherungen nicht mehr genügend Rendite bringt, soll abgestoßen werden“, kritisiert etwa Ralph Brinkhaus, CDU-Finanzexperte und stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er wolle erst einmal „einen Evaluierungsbericht der Bundesregierung zu den Lebensversicherungen“ abwarten. „Im Zuge der Parlamentsberatung werden wir auch das Thema Run-offs ansprechen“, kündigte er.
Auch für die Opposition im Bundestag sind die Pläne eine Steilvorlage. Es sei zu befürchten, dass sich der Service verschlechtert und mehr Rendite zulasten der Versicherten rausgepresst werde, sagte Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen. Er werde deshalb in dieser Woche eine kleine Anfrage zu dem Thema einreichen.
Konkret spielt Generali Leben drei Möglichkeiten durch, wie sie mit ihren Beständen in Zukunft umgehen will. „Zum einen gibt es die interne Abwicklung, bei wir es selber machen“, erklärte Liverani. Daneben gebe es die Option eines externen Verkaufs.
Als interessantesten Ansatz bringt er einen neuen Plan ins Spiel: Eine Partnerschaft „mit einem externen professionellen Abwickler, bei dem wir zum Beispiel einen kleinen Minderheitsanteil behalten könnten“. Er halte dies für eine interessante Option, sofern man zu dem Schluss käme, dass man es selbst nicht besser verwalten könne, den Prozess aber weiter begleiten wolle.
Allianz-Leben-Chef Markus Faulhaber (siehe Interview) übt sich als GDV-Vorsitzender des Ausschusses Altersvorsorge in der ungewohnten Rolle des Run-off-Verteidigers: „Es entsteht durchaus ein Nutzen für die Kunden, wenn das richtig gemanagt wird“, erklärte er jüngst in Berlin. Herbert Haas, Chef des Versicherungskonzerns Talanx, betonte am Montag, dass der Konzern selbst keinerlei solche Pläne hege. Die Bafin habe aber erst kürzlich dargelegt, dass ein Run-off auch Vorteile für die Kunden haben könnte.
Unter der Hand stellen sich einige in der Branche längst darauf ein, dass die Generali weitgehend Adieu zu den alten Policen sagt. Wie wenig der Versicherer noch an dem Geschäft hängt, zeigt dabei schon ein kleines Detail: So verspricht die Generali Leben einem Teil ihrer Kunden für das laufende Jahr nur noch eine Überschussbeteiligung von 1,25 Prozent – so wenig Zinsen auf eine klassische Lebensversicherung gab es in Deutschland noch nie.