Interview: Fondsmanager Werning: „Es sind dunkle Wolken am Allianz-Himmel aufgezogen“
„Es hat Vertrauen am Kapitalmarkt gekostet, dass die Allianz das Debakel um Structured Alpha erst kleingeredet hat und dann zurückrudern musste.“
Foto: Union InvestmentMünchen. Die Frankfurter Fondsgesellschaft Union Investment gehört seit vielen Jahren zu den Topinvestoren der Allianz. Fondsmanager Janne Werning wird bei der digitalen Hauptversammlung am Mittwoch mit einem Redebeitrag zugeschaltet sein. Im Gespräch mit dem Handelsblatt findet er bereits vorab deutliche Worte.
Herr Werning, was wird beim Aktionärstreffen der Allianz dominieren, die Freude über eine Rekorddividende oder der Frust über Milliardenschäden durch Hedgefonds in den USA?
Die Rekorddividende ist der Lohn dafür, dass das operative Geschäft bei der Allianz seit Jahren gut läuft. Aber es sind nun leider dunkle Wolken am Allianz-Himmel aufgezogen, die wieder einmal aus den USA kommen und die Freude trüben. Die Probleme und der Ärger beim Firemans Fund, der inzwischen Teil der Industrieversicherungssparte AGCS ist, und bei Pimco sind zwar inzwischen vergessen. Dafür sorgt jetzt aber AGI für Verdruss.
Wie bewerten Sie den Umgang der Allianz mit dem Milliardenschaden um Structured Alpha?
Es hat sich scheibchenweise als Debakel entpuppt, nachdem die Allianz die Klagen der geschädigten US-Investoren im Herbst 2020 noch scharf zurückgewiesen hatte. Die Structured Alpha Fonds waren hochriskant und lieferten einen entsprechend hohen Beitrag zur Gewinn-und-Verlust-Rechnung von AGI.
Das Risikomanagement, das eigentlich die Kernkompetenz eines Versicherers sein sollte, muss versagt haben, wenn ein kleines Team mit einem einzelnen Produkt einen solchen Schaden für den Allianz-Konzern und seine Aktionäre anrichten konnte. Das erinnert ein wenig an die Sorglosigkeit der Investmentbanken vor der Finanzkrise.
Was könnte noch an weiteren Belastungen drohen, wenn Structured Alpha tatsächlich über Jahre hinweg das wichtigste Produkt der AGI war?
Neben Schadensersatz für die Kläger geht es jetzt auch noch um mögliche Strafzahlungen, wenn sich der Vorwurf der Marktmanipulation erhärten sollte. Die bereits gebuchte Rückstellung von 3,7 Milliarden Euro wäre dann bei Weitem nicht ausreichend.
Was könnte das für den Aktienkurs bedeuten?
Der Aktienkurs leidet darunter, dass die Allianz die endgültigen Kosten noch nicht beziffern kann. Es hat Vertrauen am Kapitalmarkt gekostet, dass die Allianz das Debakel um Structured Alpha erst kleingeredet hat und dann zurückrudern musste.
Zu den Problemen mit Structured Alpha hat die Allianz mit der Vertragsverlängerung von Aufsichtsratschef Michael Diekmann um vier Jahre noch eine Personaldiskussion. Was sollte hier geschehen?
Aus den Reihen des Aufsichtsrats ist bislang nicht ersichtlich, wer 2026 auf Diekmann folgt. Diese Vorgehensweise wirft für uns Fragen bezüglich der langfristigen, geordneten Nachfolgeplanung auf. Bäte könnte Diekmann nur nachfolgen, wenn er es schafft, bis spätestens 2024 einen Schlussstrich unter Structured Alpha zu ziehen, um danach die obligatorische zweijährige Abkühlphase zu absolvieren.“
Herr Werning, ich danke für das Gespräch.