EZB: Kroate Boris Vujcic wird neuer Vize der Europäischen Zentralbank
Düsseldorf, Frankfurt. Boris Vujcic wird Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Euro-Finanzminister einigten sich am Abend auf den Notenbankchef Kroatiens als Nachfolger des Spaniers Luis de Guindos, dessen Amtszeit im Mai nach acht Jahren endet. Die Zustimmung der Staats- und Regierungschefs beim EU-Gipfel im März dürfte Formsache sein.
Die Entscheidung kommt überraschend. Zum einen galt der Finne Olli Rehn für viele als Favorit unter den sechs Bewerbern. Zum anderen zieht erstmals ein Vertreter eines osteuropäischen Landes in den Vorstand der Notenbank mit Sitz in Frankfurt ein. Kroatien hat selbst erst seit 2023 den Euro.
Auch in Berlin wird man die Personalie mit Interesse verfolgen. Notenbankkreisen zufolge wahrt Deutschland damit Chancen, nächstes Jahr zum ersten Mal die EZB-Spitze zu übernehmen. Sie wären verschwindend gering gewesen, hätte Rehn sich durchgesetzt, sagte ein Insider dem Handelsblatt. Denn zwei Vertreter aus dem Norden Europas gelten in der Euro-Zone als kaum vermittelbar.
Im Rat der Europäischen Zentralbank, in dem die sechs EZB-Direktoren mit den 21 nationalen Notenbankchefs über die Geldpolitik in der Euro-Zone entscheiden, hat sich Vujcic einen Ruf als kompetenter Geldpolitiker erworben. Die kroatische Notenbank führt er seit 2012. Im Jahr darauf war er maßgeblich an den Verhandlungen zum EU-Beitritt Kroatiens beteiligt.
Vor drei Jahren verantwortete der studierte Ökonom die Einführung des Euros in seinem Land. Das habe ihm „hohes Ansehen im Euro-Raum eingebracht“, kommentiert Commerzbank-Ökonom Marco Wagner.
Vujcic übernimmt Amt in eher ruhiger Phase
Im Interview mit dem Handelsblatt räumte Vujcic Mitte vorigen Jahres den Verdacht aus, die Einführung des Euros habe zu dauerhaft höheren Preisen in Kroatien geführt: „Dies ist eine weitverbreitete Fehleinschätzung, die nur schwer zu bekämpfen und zu erklären ist.“
Die Volkswirte der Commerzbank stufen Vujcic geldpolitisch als „neutralen Pragmatiker“ ein. Sie verweisen darauf, dass der 61-Jährige weder als Zins-Hardliner noch als Befürworter einer sehr lockeren Geldpolitik aufgefallen ist. Andere sehen in Vujcic einen moderaten Falken und führen an, dass er sehr weitreichende Zinssenkungen tendenziell ablehnt.
Vujcic warnte zuletzt beharrlich vor anhaltenden Inflationsrisiken und mahnte zur Vorsicht bei einer weiteren Lockerung der Geldpolitik. Er übernimmt das Amt als Stellvertreter von EZB-Präsidentin Christine Lagarde in einer vergleichsweise ruhigen Phase: Die Inflation dürfte sich über das Frühjahr nahe dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB stabilisieren. Zinsänderungen gelten auf absehbare Zeit als unwahrscheinlich.
Als Vizepräsident der EZB wird Vujcic für Finanzstabilität verantwortlich sein. Er wird in dieser Funktion auch die Pressekonferenzen nach Zinsentscheiden zusammen mit Lagarde bestreiten.
Seit Gründung der Währungsunion vor mehr als einem Vierteljahrhundert dominieren die großen Mitgliedstaaten die Führungsetage der EZB. Insidern zufolge hielten sich die größten Euro-Länder Deutschland, Frankreich und Spanien bei der Abstimmung in Brüssel diesmal jedoch bewusst zurück, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.
Sie konzentrieren sich demnach auf die Neubesetzung noch gewichtigerer Posten im kommenden Jahr: 2027 werden die Ämter der Präsidentin, des Chefvolkswirts und des Direktors für Marktoperationen frei. Die Amtszeit von EZB-Chefin Lagarde läuft Ende Oktober 2027 aus.