Türkei: Inflation zieht wieder kräftig an – Lira fällt erneut auf Rekordtief
Hotels, Cafés und Restaurants hoben ihre Preise im Juli um 82,6 Prozent an.
Foto: IMAGO/imagebrokerZuvor war die Inflationsrate acht Monate in Folge gesunken auf zuletzt 38,21 Prozent im Juni. Das von der Zentralbank angestrebte Inflationsziel von fünf Prozent bleibt damit in weiter Ferne.
Allein von Juni auf Juli zogen die Verbraucherpreise um 9,49 Prozent an, nachdem die Regierung beispielsweise die Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent angehoben hatte. Auch Unternehmenssteuern wurden heraufgesetzt, ebenso die auf Benzin und Diesel. Mit den erhofften Mehreinnahmen soll der Wiederaufbau nach dem verheerenden Erdbeben im Februar finanziert werden.
Auch die Talfahrt der Landeswährung Lira trägt zu der hohen Inflation bei: Sie hat in diesem Jahr zum Dollar 30 Prozent an Wert verloren. Dadurch verteuern sich Importe, auf die das rohstoffarme Land angewiesen ist. Die Lira geriet nach Bekanntgabe der Preisdaten erneut unter Abwertungsdruck und notierte bei bis zu 27,4931 Lira pro Dollar. Das ist erneut ein Rekordtief.
Hotels, Cafés und Restaurants hoben ihre Preise im Juli besonders stark an: Sie stiegen um 82,6 Prozent. Im Gesundheitswesen fiel das Plus mit fast 76 Prozent ebenfalls kräftig aus. Lebensmittel und alkoholfreie Getränke kosteten 60,7 Prozent mehr als im Juli 2022.
Türkei: Notenbank mit düsteren Prognosen zur Inflation
„Auf den sprunghaften Anstieg der Inflation dürften in den kommenden Monaten weitere Preiserhöhungen folgen, da der jüngste starke Verfall der Lira und die Mehrwertsteuererhöhungen noch durchschlagen werden“, sagte Volkswirt Liam Peach von Capital Economics.
Die türkische Zentralbank hat ihre Inflationsprognose mittlerweile mehr als verdoppelt. Am Jahresende dürfte die Teuerungsrate bei 58,0 Prozent liegen, sagte die neue Notenbankchefin Hafize Gaye Erkan kürzlich auf ihrer ersten Pressekonferenz. Bislang waren die Währungshüter von 22,3 Prozent ausgegangen. Für Ende 2024 wurde die Prognose von 8,8 auf 33 Prozent angehoben. Bis Ende 2025 soll die Inflationsrate auf 15 Prozent gesenkt werden.
Die türkische Zentralbank hat ihren Leitzins angesichts der hartnäckig hohen Inflation und der kräftigen Lira-Abwertung im Juli den zweiten Monat in Folge heraufgesetzt – und zwar von 15,0 auf 17,5 Prozent. Sie hatte erst im Sommer unter ihrer neuen Chefin Erkan eine Trendwende eingeleitet, nachdem sich Präsident Recep Tayyip Erdogan lange gegen höhere Zinsen ausgesprochen hat.
Höhere Zinsen machen eine Währung für Anleger attraktiver und können den Kursverfall stoppen. „Die Zentralbank setzt auf eine allmähliche Straffung der Geldpolitik, aber wir glauben immer noch, dass in diesem Jahr mindestens Zinserhöhungen auf 27,50 Prozent notwendig sind“, sagte Ökonom Peach.
Erstpublikation: 03.08.2023, 12:22 Uhr.