Zinserhöhung: Die wichtigsten Erkenntnisse der EZB-Sitzung
Die Notenbank hat die Zinsen am Donnerstag zum neunten Mal in Folge angehoben.
Foto: dpaFrankfurt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zum neunten Mal die Leitzinsen im Euro-Raum erhöht. Das gab die Notenbank am Donnerstagnachmittag bekannt.
Anders als bei den vorherigen Ratssitzungen legte sich Notenbankchefin Christine Lagarde aber nicht auf weitere Zinserhöhungen danach fest. „Wir könnten die Zinsen anheben, wir könnten eine Pause machen“, sagte sie. „Was ich versichern kann, ist, dass wir nicht senken werden, das ist ein definitives Nein.“ Der weitere Kurs werde von den Wirtschaftsdaten abhängen.
Mit ihren Zinserhöhungen will die EZB die weiter hohe Inflation in der Euro-Zone dämpfen. In ihrem Statement hat die Notenbank dazu einen etwas anderen Ton angeschlagen. Darin heißt es, dass „einige Messgrößen Anzeichen einer Abschwächung“ der Inflation zeigen würden. Die Kerninflation sei aber insgesamt nach wie vor hoch. Beide Werte, Gesamtinflation und Kerninflation, lagen im Juni bei 5,5 Prozent. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Ratssitzung:
EZB beschließt neunte Zinserhöhung in Folge
Alles andere wäre eine Überraschung gewesen: Die Zinsen im Euro-Raum steigen um 25 Basispunkte. Die Abstimmung im Rat sei einstimmig gefallen, betonte Lagarde.
Der Leitzins liegt fortan bei 4,25 Prozent. Der Einlagenzins, den Banken erhalten, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken, steigt auf 3,75 Prozent. Es ist die neunte Anhebung in Folge.
Lagarde hatte diesen Schritt bereits bei der vergangenen Sitzung in Aussicht gestellt und ihre Position beim Treffen der Notenbanker in Sintra bekräftigt. Die Notenbankchefs des Euro-Raums waren dieser Linie in den vergangenen Wochen bei öffentlichen Äußerungen gefolgt.
Außerdem beschloss die EZB, die Vergütung der Mindestreserven von Banken zu senken: Diese werden fortan mit null Prozent verzinst. Das dämpft die Zinseinkommen der Banken.
Institute im Euro-Raum sind verpflichtet, Mittel in einer bestimmten Höhe bei der Notenbank zu halten. Die EZB begründet den Schritt damit, dass sie so weniger Geld für Zinszahlungen ausgeben muss und zugleich die Kontrolle über den Geldmarkt beibehält.
Wie geht es weiter mit den Zinsen?
Noch auf ihrer Pressekonferenz nach der Juni-Ratssitzung kündigte Lagarde bereits für die nächste Ratssitzung eine weitere Zinserhöhung quasi an, indem sie diese als „höchstwahrscheinlich“ bezeichnete. Nun hält sie sich alle Optionen offen. Auch auf mehrfache Nachfrage betonte Lagarde, dass die Entscheidung rein datenabhängig getroffen werde.
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Ein Grund für die Diskussion über eine Zinspause: In jüngster Zeit meldeten sich verstärkt Kritiker zu Wort, die warnen, dass es die EZB mit den Zinserhöhungen übertreiben könnte. Hintergrund sind schwache Konjunkturdaten, die deutlich unter den Erwartungen liegen. „Ich halte es für extrem wahrscheinlich, dass die EZB die Zinsen zu stark angehoben hat“, kritisiert zum Beispiel Erik Nielsen, ökonomischer Berater der italienischen Bank Unicredit.
Auch einige EZB-Ratsmitglieder drängten öffentlich bereits auf ein schnelles Ende der Erhöhungen. So betonte der scheidende italienische Notenbankchef Ignazio Visco, dass man nicht weit vom Zinshöhepunkt entfernt sei.
Ebenso äußerten sich Verfechter einer strafferen Geldpolitik zuletzt auffallend zurückhaltend.
Der Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg, Holger Schmieding, sieht die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung der EZB bei „etwas über 50 Prozent“. Er geht davon aus, dass die Notenbank im September ihre Wachstumsprognosen nach unten korrigieren muss, was den Befürwortern einer lockeren Geldpolitik Argumente liefern würde. Andererseits könnte eine lebhafte Sommer-Reisesaison dafür sorgen, dass die Inflation bei Dienstleistungen und die um Energie und Lebensmittel bereinigte Kerninflation hoch bleiben. Das würde eher für einen weiteren Zinsschritt sprechen.
Was sagen Ökonomen zur Zinserhöhung?
Die Experten sind sich bei der Bewertung uneins. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, geht davon aus, dass der Preisdruck ab Herbst deutlich sinkt. „Ab jetzt schließt sich das Fenster für weitere Leitzinserhöhungen“, sagte er. Man sei nun „in einem geldpolitischen Unschärfebereich, in dem man eine ganze Zeit abwarten muss, ob die bisherige Dosis an Zinserhöhungen ausreicht, um die Inflation auch langfristig auszutreiben“.
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Dagegen meint Frederik Ducrozet von der Schweizer Privatbank Pictet: „Alle Optionen sind offen für den September.“ Michael Heise, der Chefökonom von HQ Trust, kommentiert vorsichtig: „In einer schwierigen Wirtschaftslage geht die EZB mit der neunten Leitzinserhöhung seit Juli vergangenen Jahres weiter gegen die noch viel zu hohe Inflation vor. Vorankündigungen zur weiteren Zinspolitik wurden richtigerweise vermieden und weitere Schritte von den eingehenden Wirtschafts- und Inflationsdaten abhängig gemacht.“ Wegen der angeschlagenen Konjunktur erwartet er im September eine Zinspause.
Michael Holstein, Chefvolkswirt der DZ Bank, sieht eher „die Tür offen“ für weitere Zinsschritte. Er gibt zu bedenken: „Sollte es wegen kräftiger Lohnsteigerungen zu noch mehr Preisdruck kommen, werden die Währungshüter im Herbst trotz einer schwachen Konjunktur mit weiteren Zinsschritten nachlegen müssen.“
Wie reagieren die Märkte auf die Entscheidung der EZB?
Der Zinsentscheid hat die ohnehin positive Stimmung im Dax noch verstärkt. Der deutsche Leitindex lag zum Handelsende bei 16.406 Punkten und damit nur 22 Zähler unter seiner Bestmarke, die er Mitte Juni aufgestellt hatte. Die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen notierte kaum verändert nahe der Marke von 2,4 Prozent.
Offenbar setzen die Anleger auf ein baldiges Ende der Zinserhöhungen. Das geht aus Lagardes Worten zwar kaum hervor. Doch die Aktienmärkte haben EZB-Zinsentscheide schon mehrfach auf ihre eigene Art und Weise interpretiert.
Als Kurstreiber an den Märkten erwiesen sich auch die positiven Konjunkturnachrichten aus den USA, die fast parallel mit dem Zinsentscheid veröffentlicht wurden und die Stimmung an der Wall Street hoben. Die Wirtschaftsleistung stieg im zweiten Quartal um 2,4 Prozent und damit stärker als erwartet – obwohl die Zinsen noch höher liegen als im Euro-Raum.
Der Euro hingegen fiel von 1,149 Dollar zurück unter die Marke von 1,10 Dollar. Auch hier wirkt sich die positive US-Konjunkturentwicklung aus.
Erstpublikation: 27.07.2023, 14:15 Uhr (zuletzt aktualisiert am 27.07.2023, 14:39 Uhr).