Geldpolitik: Schweiz droht Deflation – wie reagiert die Notenbank?
Zürich. Die Inflationsrate in der Schweiz ist im April auf null Prozent gesunken. Die Verbraucherpreise sind gegenüber dem Vorjahresmonat stabil geblieben, teilte das Bundesamt für Statistik (BFS) am Montag mit. Ökonomen hatten im Vorfeld im Durchschnitt mit 0,2 Prozent Inflation gerechnet. Auch der Kerninflationswert – der frische und saisonale Produkte sowie Energie ausschließt – fiel stärker als erwartet auf 0,6 Prozent.
Die Teuerung in der Schweiz liegt damit auf dem tiefsten Niveau seit vier Jahren und am unteren Ende der von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) für Preisstabilität angepeilten Bandbreite von null bis zwei Prozent. Dieser rasche Rückgang der Inflation wird damit zum ersten großen Test für den im Oktober 2024 angetretenen Notenbankchef Martin Schlegel.
Der Nachfolger des langjährigen SNB-Präsidenten Thomas Jordan muss verhindern, dass die Schweiz in die Deflation rutscht. Notenbanker fürchten fallende Preise, weil Konsumenten in diesem Umfeld dazu neigen, Investitionsentscheidungen aufzuschieben, was wiederum Wachstum und Inflation dämpft.
Daher gilt als sicher, dass das SNB-Präsidium bei seiner Sitzung im Juni mit einer weiteren Leitzinssenkung auf den Rückgang der Teuerungsrate reagieren wird. An den Märkten wird dafür nun eine 99-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Leitzinssenkung eingepreist. Aktuell liegt der Leitzins der Notenbank bei 0,25 Prozent.
„Die anhaltend niedrige Inflation in der Schweiz macht es sicher, dass die SNB die Zinsen im Juni senken wird“, sagte Gian-Luigi Mandruzzato, Volkswirt bei der Bank EFG International. „Die Frage ist nur, wie weit sie gehen wird.“ So könnte die SNB die Zinsen auf null absenken – oder sogar Negativzinsen wieder einführen.
Was ist, wenn die Inflation weiter sinkt?
Die Anleihemärkte nehmen diesen Schritt zumindest teilweise vorweg: Die Rendite des Eidgenossen, der schweizerischen Staatsanleihe, notierte am Montag bis in den Laufzeitbereich von vier Jahren im negativen Bereich. Markteilnehmer berichteten zudem, dass bei Zinstauschgeschäften am sogenannten Swap-Markt mehrere Stunden lang keine Preise gestellt werden konnten.
Laut Arthur Jurus, Ökonom bei Oddo BHF, war der Rückgang vor allem auf Importgüter – insbesondere Energie und Treibstoffe – zurückzuführen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der starke Schweizer Franken. So hat die Landeswährung gegenüber dem Dollar allein seit Jahresbeginn in der Spitze um mehr als elf Prozent zugelegt.
Der Schweizer Franken gilt traditionell als stabil – und zieht Investoren bei Börsenturbulenzen an. Gleichzeitig sind jedoch wegen des trüben Ausblicks für die Weltkonjunktur die Preise für Öl, Gas und andere Energieträger auch in Dollar gesunken.
Diese Faktoren dürften die Teuerung in der Schweiz weiter tief halten, erwartet Daniel Hartmann, Chefvolkswirt bei Bantleon: „Auch in den nächsten Monaten dürfte die Franken-Aufwertung sowie die Talfahrt des Rohölpreises die Schweizer Inflation nach unten ziehen, sodass temporär negative Teuerungsraten wahrscheinlich sind.“
Als Alternative bleiben der SNB noch Interventionen am Devisenmarkt. Die Notenbank kauft regelmäßig Dollar und Euro, um die Aufwertung des Frankens zu begrenzen. „Es würde mich nicht überraschen, wenn die SNB nicht schon längst interveniert, und das würde die Politik der Zentralbank zusätzlich untermauern“, sagt Mandruzzato.
Trump macht Druck auf Schweizer Notenbank
Bereits in seiner ersten Amtszeit hatte US-Präsident Donald Trump die Schweizer Notenbank öffentlich als Währungsmanipulator kritisiert. Sollte die SNB im großen Stil Dollar kaufen, könnte die Notenbank diesem Vorwurf erneut ausgesetzt sein – und gleichzeitig Verhandlungen der Schweizer Regierung mit den USA über ein bilaterales Handelsabkommen gefährden.
Denn auch die von Trump mit seinen Zollankündigungen losgetretenen Turbulenzen könnten den Druck auf die SNB erhöhen. SNB-Präsident Schlegel hatte jüngst vor einer Wachstumsabschwächung in der Schweiz gewarnt.
Angesichts der schwachen Zahlen erwartet Karsten Junius, Chefökonom der Bank J. Safra Sarasin, eine Diskussion über eine kräftige Zinssenkung um einen halben Punkt bei der nächsten Sitzung der SNB am 19. Juni.
Dann könnte es allerdings noch zu früh für einen solchen Schritt sein, da der SNB bis dahin nur eine weitere Inflationszahl vorliegen wird und Trumps aktuelle Waffenruhe im Handelskrieg frühestens Anfang Juli ausläuft.
Allerdings hält Junius eine starke Zinssenkung ohnehin für eher unwahrscheinlich, da die Aufwertung des Frankens „eindeutig politisch motiviert“ sei und somit rasch wieder nachlassen könnte. „Die SNB sollte wegen null Prozent Inflation nicht in Panik verfallen“, sagte er. „Wir waren schon einmal dort – und wir werden auch wieder herauskommen.“
Mit Material von Bloomberg und Reuters