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Expo 2017 in AstanaKasachstans Kraftwerk der Zukunft

Die Weltausstellung in Astana will der Welt zeigen, wie energieeffiziente Gebäude aussehen. Ob sich die milliardenteure Veranstaltung am Ende auch für die Bewohner der jungen Hauptstadt auszahlt, ist offen.André Ballin 12.08.2017 - 08:13 Uhr Artikel anhören

Die 80 Meter hohe Glaskugel ist das Wahrzeichen der Expo in Astana.

Foto: imago/ZUMA Press

Astana. Didar ist stolz auf seine Heimat: „Mit der Expo präsentieren wir uns als moderne und umweltbewusste Nation“, sagt der Jurastudent. Der junge Mann ist als Volontär bei der diesjährigen Weltausstellung in Kasachstans junger Hauptstadt Astana im Einsatz und soll den Besuchern erklären, wie das Land erneuerbare Energien nutzt. Immerhin ist „Future Energy“ das Thema der Expo 2017. Ein bisschen Nachholbedarf habe Kasachstan in dem Bereich schon, gesteht Didar ein. „Zwei Prozent unseres Energieverbrauchs werden durch Windkraft gedeckt. Für einen so flächengroßen Staat wie Kasachstan ist das sehr wenig“, sagt er. Doch die Expo zeige, dass in der zentralasiatischen Republik ein Umdenken stattfinde. Die vielen Projekte seien hochinteressant und die Gebäude „einfach faszinierend“, wirbt Didar für die internationale Leistungsschau.

Tatsächlich sind die 28 Objekte auf dem 25 Hektar großen Ausstellungsgelände selbst für eine am Reißbrett entworfene Retortenstadt wie Astana ungewöhnlich: Die großen, lichten Pavillons sind im Rund angeordnet, und auch jedes einzelne Gebäude kommt praktisch ohne Ecken und Kanten aus. Die gläsernen Außenfassaden wurden so konstruiert, dass sie möglichst viel Solarenergie speichern, gleichzeitig im Sommer aber den Innenräumen Schatten spenden. Selbst die Flaniermeilen zwischen den Gebäuden sind teils glasüberdacht, um Besucher vor Sonne und Regen zu schützen.

Das bekannte Chicagoer Architektenbüro Adrian Smith + Gordon Gill, das die Ausschreibung zur Gestaltung des Expo-Geländes 2013 gewonnen hatte, konnte sich hier zum Thema energieeffiziente Architektur austoben. „Bauformen und Architektursprache wurden so gestaltet, dass der Energieverbrauch sinkt und die Gebäude sogar selbst als Kraftwerke fungieren, die Energie aus der Sonne oder dem Wind tanken. Die Gebäude werden die Energie entweder direkt selbst nutzen oder in das Stromnetz des Geländes einspeisen“, erläuterte Gill die Funktionsweise der Bauten.

Zum Erfolg verdammt

Didar ist besonders von der „Sphäre“ beeindruckt, einer gewaltigen Kugel aus Glas und Stahl, die ab und zu einen gleißenden Lichtstrahl in den nächtlichen Steppenhimmel sendet. Das Farbenspiel ihrer Außenhaut zeigt die verschiedensten Variationen, in großen Lettern läuft der Schriftzug „Expo 2017“ über den Ball. Mit einer Höhe von 100 Metern und einem Durchmesser von 80 Metern ist „Sphere“ oder „Nur Alem“ – „Licht der Welt“–, wie die Veranstalter den nationalen Pavillon Kasachstans nennen, nicht nur das zentrale, sondern auch das größte Bauwerk der Expo. Die ersten Besucher haben ihn allerdings auch schon in Anlehnung an die „Star Wars“-Filme lästernd „Todesstern“ getauft.

115 Länder und 22 Organisationen nehmen an dem Event teil.

Foto: Pressebild

Spott ist bei Megaprojekten wie der Expo üblich. Zumal, wenn sie der Selbstdarstellung eines Langzeitherrschers wie Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew dient. „Ich verleugne nicht, dass die Expo 2017 ein sehr wichtiges Imageprojekt für Kasachstan ist“, räumte er kurz nach der Eröffnung der Ausstellung ein, bei der er Staatsgäste aus aller Welt, von Luxemburgs Premier Xavier Bettel bis hin zum chinesischen Staatschef Xi Jinping und Russlands Präsident Wladimir Putin, auf dem roten Teppich im „Nur Alem“ begrüßte. Nasarbajew führte die Republik schon zu Sowjetzeiten als letzter kommunistischer Parteisekretär und hat sich auch nach der Unabhängigkeit des Landes, jegliche Opposition rigoros beseitigend an der Macht behauptet. Die Expo ist gewissermaßen das Erbe, das der 77-Jährige hinterlassen will. Dass sich mit Achmetschan Jessimow der Neffe Nasarbajews um das Projekt kümmert, ist kein Zufall. In Zentralasien haben Familienclans Tradition, und Jessimow gilt sogar als möglicher Nachfolger Nasarbajews.

Dazu muss die Expo aber ein Erfolg werden. Jessimow glaubt fest daran: 115 Länder und 22 Organisationen nehmen an dem Event teil, zählt er auf. Auch um den Zuschauerzuspruch macht er sich bei Ticketpreisen von zehn Euro keine Sorgen. „Fünf Millionen Besuche werden wir hinbekommen“, versicherte der Expo-Chef – wobei Gäste auch mehrfach gezählt werden können. 15 Prozent der Gäste, so die Schätzung, kommen aus dem Ausland – und werden Kasachstan in der Welt bekannter machen. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren waren 21 Millionen Besucher nach Mailand gepilgert. Doch erstens war die Expo 2015 eine echte Weltausstellung, während in Kasachstan nur die kleinere Variante der internationalen Expo stattfindet. Zweitens ist das Tourismuspotenzial Astanas begrenzt – auch des Klimas wegen. Astana ist nach Ulan-Bator die kälteste Hauptstadt der Welt. Im Januar und Februar sinken die Temperaturen bis auf minus 40 oder sogar 50 Grad. Und im Sommer wird es brütend heiß.

Trotz der lebensfeindlichen Umgebung ist die Stadt in den vergangenen 20 Jahren enorm gewachsen; die Einwohnerzahl hat sich vervierfacht. Inzwischen leben nach offiziellen Angaben mehr als eine Million Menschen in Astana – bei insgesamt 18 Millionen Kasachen. „Alle versuchen, hierherzukommen, hier gibt es mehr Leben – und natürlich sind auch die Gehälter höher“, erklärt Englischlehrerin Dauchan den massiven Zuzug.

Weltausstellung in Astana
Die vom 10. Juni bis zum 10. September 2017 laufende Expo steht unter dem Motto „Future Energy“.
115 Länder und 22 internationale Organisationen sind dabei. Die Europäer fokussieren sich dabei auf Green Energy, andere Aussteller, darunter die USA und Russland, zeigen einen konservativeren Energiemix.
Im deutschen Pavillon können sich die Besucher interaktiv über Einsatzbereiche erneuerbarer Energien informieren, inklusive Effizienzhaus, Elektrocar und Lasershow.

Dauchan arbeitet nebenbei als Reiseführerin, denn das Gehalt einer staatlichen Lehrerin, umgerechnet rund 250 Euro im Monat, würde gerade einmal reichen, um die Miete für eine Einzimmerwohnung in einem älteren und daher wenig pres‧tige‧trächtigen Neubauviertel Astanas zu begleichen. „Alleinverdiener haben es schwer“, sagt sie. Wohl auch deshalb ist in Astana das ansonsten in Zentralasien verbreitete traditionelle Familienmodell des alleinverdienenden Ehemanns seltener anzutreffen. Und auch architektonisch gibt sich Astana gern modern und mondän.

Große Pläne für danach

Faszinierend hebt sich die Silhouette der Glitzerstadt, die Volker Schlöndorff in seinem Film „Ulzhan“ präzise eingefangen hat, von der sie umgebenden leeren Steppe ringsum ab. Internationale Stararchitekten wie Norman Foster und Manfredi Nicoletti, aber auch lokale Größen wie Serik Rustambekow haben ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen, das freilich eher einem Flickenteppich als einem Gesamtkunstwerk gleicht. Öl und Gas haben den Bauboom ermöglicht. Kasachstan ist eins der rohstoffreichsten Länder der Erde, und das Kapital wird in der neuen Hauptstadt gebündelt, fließt in stählerne Bürotürme und eilig hochgezogene ‧Neubaublocks. Der staatliche Petrolkonzern Kazmunaigas hat seine ‧Konzernzentrale in einem 18-stöckigen futuristischen Gebäude im Re‧gierungsviertel. Und auch das höchste Gebäude Zentralasiens steht bald in Astana: Im kommenden Jahr soll das 75 Stockwerke und 382 Meter hohe „Abu Dhabi Plaza“ eröffnet werden. Die 1,6 Milliarden Dollar Baukosten schultern arabische Investoren, und auch die Baufirma kommt aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Astana protzt gern, und auch der Expo ist Protz nicht fremd. Rund 300 Millionen Dollar wurden offiziell aus dem Staatshaushalt für das Projekt bereitgestellt, insgesamt belaufen sich die Kosten aber wohl auf das Zehnfache. Eigentlich sollte die Expo hauptsächlich durch Public-Private-Partnership-Projekte – also die Zusammenarbeit von Privatwirtschaft und öffentlicher Hand – finanziert werden. Offenbar blieb der gewünschte Erfolg aus. Am Ende habe man staatlichen Angestellten die Besoldung gekürzt, klagen einige Kasachen.

Doch das Erbe der Expo, so die Hoffnung, liegt nicht allein im positiven Werbeeffekt für den Steppenstaat. Damit die Gebäude nach der dreimonatigen Ausstellung nicht wie bei Vorgängerveranstaltungen verrotten, wurde schon im Vorhinein an die Nachnutzung gedacht. „Es war eine Herausforderung, die Anlagen so zu designen, dass sie später leicht in Museen, Galerien, Bürogebäude, Konzernzentralen oder Bildungseinrichtungen verwandelt werden können“, sagte Architekt Adrian Smith.

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U- und S-Bahn gibt es auf dem Expo-Gelände zwar so wenig wie in gesamt Astana. Mit Bus oder Auto ist der Komplex, der direkt gegenüber der großen „Nasarbajew-Universität“ im Südosten des Regierungsviertels innerhalb der Astana umfassenden Ringstraße liegt, aber gut erreichbar, wenn es keine Staus gibt. Präsident Nasarbajew schwebt sogar vor, auf dem Expo-Gelände ein „internationales Finanzzentrum“ aufzubauen – basierend auf englischem Recht. Diese Pläne haben durch die US-Sanktionen gegen Russland allerdings einen empfindlichen Dämpfer bekommen. „Das Verbot, in russische Wertpapiere zu investieren, stellt die Entwicklung des internationalen Finanzzentrums infrage“, meint jedenfalls die Direktorin des Analysezentrums für Gesellschaftsprobleme, Meruert Machmutowa. Bisher hält Nasarbajew jedoch an seinem Plan fest.

Zudem soll dort auch ein Technopark entstehen. „Hier werden grüne Energie und grüne Technologie gebündelt. Der Ort wird ein Hub, der sein Wissen nach außen weiterverbreitet“, sagte er. Es bleibt abzuwarten, ob der Ausstellungskomplex tatsächlich Vorbildwirkung für nachhaltiges Bauen entwickeln kann. Schließlich zeichnet sich nicht einmal das dazugehörige Expo-Village, in dem derzeit vor allem Teilnehmer der Ausstellung untergebracht sind und später Studenten wohnen sollen, durch besondere Effizienz und Nachhaltigkeit aus. Immerhin sollen die billigen Wohnheime laut Immobilienexperten die Mietpreise in der Stadt senken. Für viele Menschen in Astana wäre dies sicher die wichtigste Hinterlassenschaft der Expo.

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