Immobilien: Neue Aufregung um Adler: Bafin erweitert Bilanzprüfungen, EZB stößt Anleihe ab
Auf der Dauerbaustelle geht es kaum voran. Kurz vor der Hauptversammlung sieht sich die Adler-Gruppe mit weiteren Problemen konfrontiert.
Foto: Nagel/HandelsblattDüsseldorf, Berlin. Eine Woche vor der Hauptversammlung der Adler Group wächst das Misstrauen gegenüber dem angeschlagenen Immobilienkonzern. Die Finanzaufsicht Bafin hat ihre Bilanzprüfungen in der Gruppe ausgeweitet. Zudem hat sich die Europäische Zentralbank (EZB) von einer Adler-Anleihe getrennt – ein sehr ungewöhnlicher Schritt der Währungshüter, der die Sorgen von Investoren größer werden lassen dürfte.
Die Zentralbank stieß laut Informationsdienst Bloomberg eine Anleihe des Unternehmens ab, die sie im Rahmen ihres Ankaufprogramms für Firmenbonds erworben hatte. „Die betreffende Adler-Anleihe erfüllt nicht mehr die Zulassungskriterien des Sicherheitsrahmens des Euro-Systems und ist daher nicht mehr CSPP-fähig“, erklärte Notenbanksprecher William Lelieveldt. CSPP steht für das „Corporate Sector Purchase Programme“ der EZB.
Die Verkaufsentscheidung stehe im Einklang mit dem rechtlichen Rahmen für die Anleihekäufe, sagte Lelieveldt. Demnach könne die EZB „Bestände verkaufen, wenn sie die Notenbankfähigkeit verlieren, sie müsse es aber nicht“.
Die 2024-Anleihe von Adler, die von der EZB gehalten wurde, notiert laut Bloomberg-Daten bei nur noch 66,4 Cent pro Euro. Als die Notenbank die Papiere erworben hatte, wurde der Bond nur knapp unter dem Nennwert gehandelt. Von Adler lag kurzfristig keine Stellungnahme zum Verkauf seiner Anleihe durch die EZB vor.
Die Währungshüter haben in der Vergangenheit Anleihen abgestoßen, wenn klar wurde, dass diese nicht den Kriterien des Ankaufprogramms entsprechen. Anfang 2018 kam es zu einem viel beachteten Verkauf notleidender Bonds, als die EZB Anleihen des in Schwierigkeiten geratenen Möbelhändlers Steinhoff International abstieß, nachdem das Unternehmen auf Ramschniveau herabgestuft worden war.
Bafin prüft Anhaltspunkte für falsche Bilanzierung
So schlimm ist es bei Adler nicht. Allerdings wachsen auch an anderer Stelle Zweifel. Die Bafin untersucht Abschluss und Lagebericht der Tochter Adler Real Estate AG für 2021. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG hatten dem Tochterunternehmen – wie auch der Konzernmutter Adler Group – die Testierung der 2021er-Bilanzen versagt.
Die entsprechende Prüfungsanordnung der Bafin für die Adler Real Estate AG sei dem Unternehmen zugegangen, schrieb der Konzern am Mittwochvormittag in einer Pressemitteilung.
Grund für die Anordnung seien insbesondere „Anhaltspunkte dafür, dass Beziehungen und Geschäftsvorfälle aus diesem Jahr oder früheren Jahren mit nahestehenden Personen oder Unternehmen im Sinne der International Accounting Standard (IAS) 24 in der Konzernrechnungslegung möglicherweise nicht vollständig und richtig erfasst und abgebildet worden sind“, so die Bafin.
Ein zweiter Grund sei „der Versagungsvermerk des Konzernabschlussprüfers“, begründeten die Finanzaufseher die Prüfung in einer Mitteilung.
Adler gab an, man „begrüße“ den Schritt der Aufsicht. Er werde „einen weiteren Beitrag“ zur Aufklärung der Anschuldigungen eines Leerverkäufers leisten, denen zufolge „nahestehende Personen Einfluss auf Transaktionen und Geschäftsvorfälle genommen“ hätten.
Der britische Leerverkäufer Fraser Perring und sein Analysehaus Viceroy Research hatten im Oktober 2021 der Adler-Gruppe und nahestehenden Personen Betrug, Täuschung und finanzielle Falschdarstellung vorgeworfen, was Adler bestreitet. Der Konzern geriet dennoch ins Schlingern, weil die Aufklärung einer Sonderuntersuchung von KPMG nicht die gewünschte eindeutige Entlassung brachte.
Die Krise eskalierte und erreichte Ende April einen vorläufigen Höhepunkt, als KPMG Luxemburg dem Konzern ein Testat des Abschlusses für 2021 verwehrte. Seitdem ist der Gruppe der Zugang zu frischen Geldern am Kapitalmarkt verwehrt. Die Vorwürfe Perrings hatten auch die Bafin im vergangenen Jahr auf den Plan gerufen.
Die Bonner Aufsichtsbehörde führt seither bereits ein Bilanzkontrollverfahren bei Adler durch, in dem es um die Jahresabschlüsse 2019 und 2020 geht. Was es mit dem Instrument auf sich hat, macht die Bafin auf ihrer Website deutlich: Eine Voraussetzung für ein anlassbezogenes Bilanzkontrollverfahren sei, dass „konkrete Anhaltspunkte für Rechnungslegungsverstöße vorliegen“.
Bilanzkontrollverfahren gelten als scharfes Schwert der Behörde. Die Bafin kann direkt und auch vor Ort bei Unternehmen eingreifen, beispielsweise mit forensischen Mitteln. Die Aufsicht ist zudem befugt, Organvertreter und Beschäftigte zur Vernehmung vorzuladen. Bei erheblichen Verstößen kann sie Geschäfts- und Wohnräume durchsuchen und Gegenstände beschlagnahmen.
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Die Bafin hatte schon kurz nach Veröffentlichung des Perring-Reports im Oktober 2021 klargemacht: „Wir nehmen den Report ernst und überprüfen die darin erhobenen Vorwürfe. Wenn sich daraus Verdachtsmomente für Straftaten ergeben, zeigen wir diese bei der zuständigen Staatsanwaltschaft an.“
Vor einigen Wochen stellte die Bafin dann Strafanzeige, nachdem sie den Verdacht einer womöglich unrichtigen Bilanzierung hegt. Der Blick der Aufseher richtete sich vor allem auf eine Immobilientransaktion aus dem Jahr 2019.
Die Wirtschaftsprüfer von KPMG hatten in ihrer Sonderprüfung zu dem Deal rund um ein Entwicklungsareal in Düsseldorf-Gerresheim festgehalten: Der Verkaufsprozess sei nicht nachvollziehbar und weise „erhebliche Unklarheiten von der Anbahnung bis hin zur Abwicklung der Transaktion auf“.
Unklar sei insbesondere die Bewertung der Immobilie von 375 Millionen Euro, die dem Kaufpreis zugrunde lag. Adler habe intern mit einem Wert von 208 Millionen Euro kalkuliert. Die Prüfer hielten fest: „Eine nachvollziehbare Begründung für den höheren Kaufpreis konnte uns nicht vorgelegt werden.“
Adler betonte am Mittwoch, dass ein Kurswechsel zu besserer Compliance stattgefunden habe. Nachdem der Ex-Vonovia-Finanzvorstand Stefan Kirsten den Vorsitz des Verwaltungsrats Mitte Februar übernommen habe, sei ein „umfassendes Maßnahmenpaket zur Verbesserung der Transparenz und der Corporate Governance“ angeschoben worden.