Interesse an Immobilien: Makler von Gewerbeimmobilien rechnen mit noch mehr Beratungsbedarf
Das Preisniveau für Wohnimmobilien blieb trotz Krise erstaunlich robust.
Foto: dpaKöln. Ein wenig Glück im Unglück gehört eben manchmal dazu – zumindest hat so mancher Immobilienmakler in Zeiten der Coronakrise an dieses Sprichwort in den vergangenen Wochen häufiger einmal gedacht.
Zu ihnen gehört auch Sven Odia, Co-CEO und bald alleiniger CEO des Wohnimmobilienmaklers Engel & Völkers. „In Deutschland hatten wir das große Glück, dass es ‚nur‘ die Kontaktbeschränkungen gab. Wir waren trotzdem in der Lage, mit einzelnen Kunden Immobilien zu besichtigen“, schildert er den Ablauf des Tagesgeschäfts. Einschränkend fügt er natürlich dazu: „Wer während Corona eine Besichtigung wahrgenommen hat, der hatte durchaus auch ein hohes Kaufinteresse.“
Um den möglichen Kundenkreis darüber hinaus zu vergrößern, baute der Makler sein Online-Angebot zur Besichtigung von Immobilien aus – beispielsweise waren nun Besichtigungen via Smartphone-Videochat möglich. Der Makler ging in der gewünschten Immobilie von Raum zu Raum, während der potenzielle Kunde zu Hause auf dem Sofa saß.
„Wir konnten die ersten Abschlüsse erfolgreich realisieren, ohne dass es eine physische Begehung gegeben hat“, sagt Odia. Das habe zuvor so noch keiner von ihnen erlebt.
Die Corona-Pandemie brachte das Wirtschaftsleben auch in Deutschland in vielen Branchen zum Erliegen. Wie sehr die Immobilienbranche betroffen ist, zeigen jüngste Auswertungen des Immobiliendienstleisters Savills. Mit einem Transaktionswert von 2,3 Milliarden Euro in Deutschland war der April mit Abstand der umsatzschwächste Monat seit 2012.
Mehr Beratungsbedarf
Im Vergleich zu anderen Branchen reagiert die Immobilienwelt erfahrungsgemäß verzögert auf Krisen. Entwicklungen, die sich woanders unmittelbar niederschlagen, brauchen in der Regel länger, um auch dort anzukommen. Laut einer Umfrage des Immobiliendienstleisters Colliers unter Entscheidern der Branche, rechnet nun aber eine Mehrheit der Befragten mit Auswirkungen bis ins erste Halbjahr 2021 hinein.
Was sich dennoch positiv auswirken könnte oder die Auswirkungen der Krise zumindest mildern könnte, ist eine Lehre, die die Immobilienwelt offenbar aus der großen Krise – der weltweiten Finanzkrise – gezogen hat. Seitdem prüfen viele professionelle Immobilienakteure weit genauer als zuvor, mindern damit ihre Risiken.
So gibt es langfristig durchaus Hoffnung. Alexander von Erdély, CEO des Immobilienberaters CBRE Deutschland, formuliert das so. „Gesamtwirtschaftlich werden die Auswirkungen durch das Coronavirus kurzfristig brutal sein, mittel- bis langfristig verhalten positiv“, sagt er.
Lesen Sie hier, wie die Coronakrise die Immobilienwirtschaft im Einzelnen trifft:
Anfangs hatten die Verkäufer äußerst zurückhaltend agiert, weil viele Käufer versuchten, in der Krise Abschläge zu generieren. Wie die Entwicklungen in den kommenden Monaten verlaufen werden, ist noch ein wenig unklar. Erst einmal schauen, wohin die Reise geht, lautet die Devise.
Immobilienberater CBRE hatte etwa starke Zahlen für das erste Quartal 2020 präsentiert, zog die Gewinnprognosen für das laufende Jahr allerdings zurück. Derzeit wagt man sich an keine konkrete Prognose.
Trotz allem: CEO von Erdély bleibt überzeugt davon, dass große Anmietungen weiter laufen werden. „Vorsichtig sind nur kleinteiligere Vermietungen – da stellt sich die Frage, habe ich in einem Jahr immer noch 150, 200 oder nur noch 100 Mitarbeiter. Daran entscheidet sich eine Anmietung“, fährt er fort.
Während die Immobilienbranche sich derzeit nur ungern an konkrete Zukunftsprognosen heranwagt, sieht es auf dem Teilmarkt für Makler ein wenig anders aus. Die Entwicklungen könnten sich dort durchaus positiv auswirken. Der Grund dafür: „Die Investoren werden perspektivisch mehr Beratungsbedarf haben, da sich der Markt von einem Vermieter- wieder zu einem Mietermarkt dreht – trotz des niedrigen Leerstands“, sagt Marcel Abel, geschäftsführender Direktor bei Jones Lang Lasalle (JLL).
Er prognostiziert ein deutlich zunehmendes Untermietflächenangebot, welches eine hohe Marktkenntnis erfordere. Langfristig schätzt er, dass Corona-bedingt Transaktionen länger dauern werden, sowohl in der Vermietung als auch beim Verkauf, da Gesuche intensiver geprüft würden. Hinzu kommen auf unbestimmte Zeit kostendämpfende Maßnahmen wie Kurzarbeit.
Von der Möglichkeit, ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, haben hierzulande viele Gewerbemakler Gebrauch gemacht – unter anderem Avison Young und NAI Apollo. BNP Paribas Real Estate wollten dazu keine konkreten Angaben machen.
Auch CBRE Deutschland CEO von Erdély hält sich bedeckt, was derartige Maßnahmen angeht. Doch er geht davon aus, dass es keine Corona-bedingten Kündigungen geben wird.
Bei JLL haben das Global Board und Führungskräfte auf Gehalt verzichtet, es gibt Arbeitszeitreduktionen, teilweise auch freiwillig. Für einen gewissen Zeitraum nehme man in geringem Umfang staatliche Hilfe an. „Alles mit der Absicht, mit der gleichen Anzahl der Mitarbeiter aus der Krise wieder rauszukommen“, bekräftigt Abel das Vorhaben.
Zudem gelang es vielfach, die Mitarbeiter in anderen Bereichen einzusetzen. „Vorher war eine Notwendigkeit für eine solche Agilität nicht gegeben – jetzt hingegen wird sie sehr geschätzt“, sagt er. Schließlich sei genau das auch eine Möglichkeit, den jeweiligen Horizont zu erweitern.
Bei den Auswirkungen für JLL als Unternehmen verweist Abel auf die kommenden Quartale. Klar ist bislang nur, was kommen müsste, „was wir an Pitches, Mandaten und Gesuchen gewinnen müssen, damit wir am Ende des Jahres entsprechend Gewinn machen können“.
Hohe Nachfrage in Ballungszentren
Was sich derzeit positiv auf den Markt auswirkt, ist die Lage in den Ballungszentren. Die Nachfrage ist fortlaufend da, der Leerstand weiterhin sehr gering. „Wohnimmobilien sind dort sehr krisenresistent, die Preise sinken nicht“, erklärt Sven Henkes, CEO des Immobilienmaklers Ziegert. Denn das Interesse an Wohnen als Grundbedürfnis bleibe bestehen.
Die Coronakrise habe man zwar auch dort gespürt, jedoch in einem anderen Ausmaß. Kurz nachdem im März die Kontaktbeschränkungen verordnet wurden, ging die Nachfrage bei Ziegert in den ersten beiden Wochen um knapp 30 bis 40 Prozent zurück. Insbesondere Kapitalanleger zeigten sich vorsichtig. Aber bereits kurz nach Ostern zog die Entwicklung wieder an.
In den Tagen der Kontaktsperre haben sich viele Prozesse hinausgezögert – manches musste über den Postweg erledigt werden. Die Verkäufer aber, berichtet Henkes, seien weiterhin unterwegs gewesen und sollten auch weiterhin erfolgsvergütet bleiben.
Dem Corona-Index für Wohnimmobilien vom Hamburger Analysehauses F+B zufolge, das auf Wochenbasis die Entwicklung von Wohnangebot, -preisen und -mieten seit Anfang März abbildet - sind die Preise tatsächlich verhältnismäßig robust geblieben. Lediglich bei der Zahl der Angebote gab es etwas Bewegung, doch auch das hat sich inzwischen wieder stabilisiert.
Zahlen wie diese ermutigen Makler, wie etwa Engel & Völkers, ihr Personal in der derzeitigen Krise zu halten. Dafür wurde Kurzarbeit mit 85 Prozent des vorherigen Arbeitsvolumens eingeführt, die Vorstände verzichteten freiwillig auf Gehalt.