MDax-Konzern: Grenke schweigt zu vielen Vorwürfen – Aktie zeigt sich nach zwei Abstürzen extrem volatil
Das Leasing-Unternehmen erlebt nach einem Shortseller-Angriff einen heftigen Kursabsturz.
Foto: dpaDüsseldorf, Frankfurt, München. Es ist seltsam still in Baden-Baden. Trotz mehrmaliger Nachfragen des Handelsblatts hat der MDax-Konzern Grenke bisher nicht im Detail Stellung genommen zu den schweren Vorwürfen, die das Analysehaus Viceroy Research am Dienstag veröffentlicht hatte.
Die Aktie des Leasinganbieters zeigte sich im Frühhandel am Donnerstag sehr volatil. In den ersten Handelsminuten gewann sie an Wert, brach dann erneut um bis zu acht Prozent ein und erreichte ein neues Tief unter 24 Euro. Anschließend drehte sie wieder in die Gewinnzone, notierte dort zuletzt knapp neun Prozent im Plus bei 29 Euro.
In den letzten zwei Tagen war die Aktie auf Talfahrt gegangen. Am Mittwoch waren die Papiere um 40 Prozent eingebrochen, am Dienstag bereits um rund 23 Prozent.
Das Unternehmen ist im Mittelwerte-Index MDax gelistet und verdient sein Geld unter anderem mit dem Verleih von Büroausstattung und IT-Ausrüstung. Hinter Viceroy Research steht der britische Shortseller Fraser Perring. „Viceroy shortet Grenke AG“, heißt es bereits in der Einleitung des Berichts.
Das Analysehaus setzt also mit geliehenen Aktien auf fallende Kurse – und dürfte mit der jüngsten Attacke bereits Millionen verdient haben. Am Mittwoch legte Perring nach und hielt an seinen schweren Vorwürfen fest. Diese umfassen vier Bereiche:
Erstens: Grenke habe zu hohe Gewinne ausgewiesen, vor allem durch zu hohe Bewertungen. So sollen Leasingverträge für sehr billiges Material überteuert angesetzt, Abschreibungen ausgeblieben sein.
Zweitens: Durch Geschäfte mit nahestehenden Unternehmen habe Grenke künstlich Goodwill erzeugt. Der Vorwurf von Perring: Grenke kaufe regelmäßig regionale Leasingfirmen, die von einer nahestehenden Firma gegründet worden seien, und setze dann Goodwill in der Bilanz an. Die Beziehung zu der nahestehenden Firma werde nicht ausgewiesen, was ein Verstoß gegen Accounting-Standards sei.
Viceroy geht davon aus, dass de facto gar kein Geld fließt, sondern Scheingewinne so in Goodwill verwandelt werden. In der Grenke-Bilanz findet sich Goodwill über 100 Millionen Euro, ein im Vergleich zur Gesamtbilanzsumme zwar nicht kleiner, aber begrenzter Posten.
Drittens: Die Grenke Bank habe Geschäfte mit unseriösen Firmen gemacht. Der Vorwurf Perrings lautet unter anderem auf „Geldwäsche“. Kunden, für die die Grenke Bank Zahlungen abgewickelt habe, darunter betrügerische Online-Trading-Seiten, standen angeblich auf einer Verbotsliste der Finanzaufsicht Bafin – und zwar schon seit über einem Jahr.
Viertens: Grenke verfolge „räuberische“ und „betrügerische“ Geschäftspraktiken. Der Vorwurf, untermauert durch einige Beispiele, lautet hier, dass die meisten Leasing-Geschäfte über Vermittler laufen, die Versprechungen aber nicht eingehalten werden. So sicherten Vermittler Dienstleistungen zu, die im Vertrag mit Grenke selbst nicht stünden.
Endkunden, darunter kleine Unternehmen und Stiftungen, bekämen in der Folge nicht die versprochene Leistung, blieben aber auf ihren Verpflichtungen gegenüber Grenke sitzen. In einigen britischen Fällen soll der Vermittler pleitegegangen sein. In einem Fall wurden Bildschirme an kleine Geschäfte verleast, auf denen Werbung eingespielt werden sollte, an der die Geschäfte verdienen sollten. Die Werbung sei jedoch nie gesendet worden, dennoch mussten die Geschäfte laut Perring ihre überteuerten Leasingraten bezahlen.
„Nachweislich falsch“
Grenke wies die Vorwürfe in einem Statement am Mittwoch zurück. Der Bericht enthalte „Unterstellungen, die Grenke auf das Schärfste zurückweist“. In der Folge geht Grenke auf einen zentralen Vorwurf ein: dass ein substanzieller Anteil der im Halbjahresfinanzbericht 2020 ausgewiesenen 1,0 Milliarden Euro an liquiden Mitteln nicht existiere. „Dies ist nachweislich falsch“, erklärt der Konzern.
„849 Millionen Euro, also fast 80 Prozent der liquiden Mittel, befanden sich zum 30.06.2020 auf Konten der Deutschen Bundesbank – wie im Halbjahresfinanzbericht veröffentlicht. Per heute beträgt das Guthaben bei der Bundesbank 761 Millionen Euro“, erklärte Grenke. Nach Handelsblatt-Informationen ist diese Darstellung richtig. Die Bundesbank wollte sich auf Anfrage nicht äußern.
Zu den weiteren Punkten wollte Grenke am Mittwoch nicht Stellung nehmen. Schriftlich erklärte der Konzern mit Blick auf den Viceroy-Report lediglich: „Darüber hinaus enthält der 64 Seiten lange Bericht zahlreiche weitere nicht zutreffende Anschuldigungen.
Die Grenke AG bereitet derzeit eine ausführliche Replik auch zu diesen Anschuldigungen vor und wird dazu Stellung nehmen.“ Bis Redaktionsschluss war diese Replik nicht erschienen. Grenke behalte sich zudem rechtliche Schritte vor und werde diese entsprechend in die Wege leiten.
Perring ist inzwischen eine bekannte Größe unter Investoren. Der britische Shortseller hatte bereits 2016 im Rahmen des damals noch anonym veröffentlichten „Zatarra-Reports“ den Zahlungsdienstleister Wirecard angegriffen. Ein Teil der Vorwürfe bestätigte sich später; Wirecard ging Ende Juni im Zuge eines Bilanzskandals unter.
Der MDax-Konzern weist die Vorwürfe von sich.
Foto: HandelsblattEntsprechend alarmiert sind denn auch die zuständigen Stellen. So prüft die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) die Shortseller-Attacke auf Grenke. „Wir gehen das Thema wie immer in enger Abstimmung mit der Bafin an und werden uns um den Vorgang kümmern“, erklärte DPR-Präsident Edgar Ernst gegenüber dem Handelsblatt.
Seine DPR steht wegen der schleppenden Prüfung der Wirecard-Bilanzprüfung stark in der Kritik. Der Vertrag mit dem privatrechtlichen Verein wurde durch die Bundesregierung gekündigt, läuft jedoch noch.
Die Finanzaufsicht Bafin erklärte gegenüber dem Handelsblatt: „Wir werden alle uns rechtlich zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen, um mögliche Bilanzierungsverstöße und andere Vorwürfe schnellstmöglich aufzuklären.“
Bereits am Dienstag hatte die Bafin darauf hingewiesen, beide Seiten unter die Lupe zu nehmen: zum einen eine mögliche Marktmanipulation durch Grenke, etwa durch unrichtige Bilanzinformationen, zum anderen eine mögliche Marktmanipulation sowie Insiderhandel durch die Shortseller.
Diskutiert wird unter Beobachtern bereits, ob die Bafin eine mögliche Prüfung der Grenke-Bilanzierung von der DPR an sich ziehen könnte. Eigentlich ist im zweistufigen Prüfverfahren zunächst die DPR zuständig.
Bei erheblichen Zweifeln an deren Tätigkeit kann die Bafin jedoch direkt aktiv werden – oder auch, wenn sie bereits eine Sonderprüfung des Instituts anberaumt hat. Bis einschließlich 2017 hatte Wirecards Prüfer EY die Grenke-Bilanzen geprüft, seitdem ist es die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG.
Investoren sind gespalten
Am Finanzmarkt positionierten sich am Mittwoch sowohl die Grenke-Unterstützer als auch die Kritiker. Alles andere als einen Gefallen tue sich Grenke mit dem Krisenmanagement und der Kommunikationspolitik, verlautet aus Kreisen derer, die das Unternehmen gut kennen. „Aus meiner Sicht sind die Vorwürfe haltlos“, sagt eine mit den Vorgängen vertraute Person. Dass man trotz zahlreicher Fakten, die das untermauern könnten, sich nun so schwer tue, zeitnahe Antworten zu liefern, sei unverständlich.
Der Frankfurter Vermögensverwalter Acatis erklärte, er habe die erhobenen Vorwürfe geprüft und keine belastbaren Belege gefunden. „Die Vorwürfe erscheinen uns nicht stringent und gleichen einer zusammengesetzten Collage.“
Schon das hohe, bei der Bundesbank verfügbare Guthaben der Grenke AG konstatiere „einen großen Unterschied zum Wirecard-Fall, bei dem sich Guthaben in Milliardenhöhe bei philippinischen Banken als nicht existent herausstellten“, erklärte Acatis. „Wir halten das Unternehmen und sein Geschäftsmodell weiterhin für solide.“
Sehr viel kritischer ist der Detmolder Vermögensverwalter Schön & Co., der Grenke bereits in der Vergangenheit ein „nicht nachvollziehbares Geschäftsmodell“ vorgeworfen hatte. „Bestätigen sich die Vorwürfe, wird am Ende ein Komplettverlust für Aktionäre und Anleihegläubiger eintreten“, warnte Schön & Co.
Überraschend sei, „welche Rentabilität und welches Wachstum Grenke in einem von Hersteller-Leasinggesellschaften wie großen Konkurrenten als unattraktiv eingestuften Geschäftsmodell erzielen konnte“.
Gründer Wolfgang Grenke muss derlei Kritik hart treffen. Er ist seit vielen Jahren die zentrale Figur der Grenke AG. Der groß gewachsene Unternehmer mit Kinnbart begann schon 1978 als Student mit einem Leasingunternehmen für Büro-IT – damals noch in einer kleinen Dachwohnung. Zur Jahrtausendwende brachte er Grenke Leasing an die Börse, ins Start-up-Segment Neuer Markt. Bis 2018 saß Grenke im Vorstand, seither redet er als stellvertretender Aufsichtsratschef mit.
Mehr: Anleger und Aufseher sind zu Recht von den Betrugsvorwürfen gegen Grenke alarmiert, kommentiert Kathrin Jones, Leiterin des Handelsblatt-Finanz-Ressorts.