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GastkommentarFirmen könnten weit mehr Kapital einsetzen

Mit ihrem Bekenntnis zu Deutschland nehmen sich die Unternehmen selbst in die Pflicht. Mit neuen Finanzierungswegen könnten die Investitionen viel höher ausfallen, analysiert Jörg Rocholl. 22.07.2025 - 18:41 Uhr Artikel anhören
Jörg Rocholl ist Präsident der ESMT Berlin. Foto: dpa, ESMT Berlin

Ein starkes Zeichen zum Aufbruch oder alles nur PR? Die Meinungen nach dem Investitionsgipfel im Kanzleramt am Montag gehen auseinander. Richtig ist, dass allein durch die Ankündigung dieser Investitionen noch kein einzelner Euro fließt.

Ebenso richtig ist, dass der größte Anteil der angekündigten Investitionen in Höhe von 631 Milliarden Euro ohnehin auf dem Plan der beteiligten Unternehmen stand. Und unzweifelhaft wird auch jetzt jedes wirtschaftlich agierende Unternehmen seine Investitionen nach strengem Kosten-Nutzen-Kalkül bewerten – und nicht nur aus politischer Gefälligkeit den Startknopf drücken.

Aber alle diese Punkte schmälern nicht das Aufbruchssignal, das von diesem Investitionsgipfel ausgehen kann. Die Investitionen in Deutschland haben sich in den letzten Jahren immer weiter abgeschwächt. Selbst eine reine Bestätigung bereits geplanter Investitionen ist daher eine gute Nachricht.

Das Signal des Gipfels: Ein neuer Blick auf Deutschland lohnt sich

Allzu häufig ist es in den letzten Jahren zudem gängige Praxis in der Wirtschaft gewesen, der Politik das Versagen bei wirtschaftspolitischen Reformen vorzuwerfen – und dies häufig nicht zu Unrecht. Mit ihrem Bekenntnis zum Standort nehmen sich die Unternehmen nun selbst in die Verantwortung – und werden sich an den eigenen Ankündigungen messen lassen müssen.

Die Initiative kommt zudem zu einem ebenso wichtigen wie passenden Zeitpunkt. Während die USA traditionell ein besonders beliebtes Ziel für deutsche Direktinvestitionen waren, sind diese Investitionen seit dem Antritt der Trump-Regierung deutlich gefallen. Eine hohe Unsicherheit prägt das wirtschaftliche Geschehen in den USA, nicht nur für Investitionen aus Deutschland.

Folgen sind ein schwacher US-Dollar, eine zumindest zeitweise Flucht in deutsche Staatsanleihen und ein prosperierender deutscher Aktienmarkt. Deutschland hat also gerade jetzt die große Chance, mit gesunden Staatsfinanzen, einem sicheren Rechtsrahmen einschließlich einer unabhängigen Zentralbank sowie attraktiven Lebensbedingungen als stabiler Anker zu punkten.

Und deutsche Unternehmen signalisieren dem Ausland mit ihren Investitionen im Heimatmarkt, dass es sich lohnen könnte, einen neuen Blick auf Deutschland zu werfen.

Gleichzeitig benötigt Deutschland einen gewaltigen Innovationsschub, um nicht nur in den traditionell starken Wirtschaftsfeldern zu reüssieren, sondern auch neue und besonders innovative Industrien zu erschließen. Deutschland ist nach wie vor stark bei Erfindungen, aber vor allem in Industrien wie Automobil und Maschinenbau, in denen Deutschland immer stark gewesen ist.

Warum neue Finanzierungswege nötig sind

Uns fällt es hingegen deutlich schwerer, in Bereichen wie Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und anderen neuen Technologien mitzuhalten. Hierzu sind neue Finanzierungswege unerlässlich, denn die Investitionen in disruptive Produkte sind zumeist mit hohen Risiken verbunden.

Die traditionelle Finanzierung über Kredite stößt hier an ihre Grenzen: Zum einen sind die Risiken aus diesen Finanzierungen nicht mit den regulatorischen Anforderungen an Banken vereinbar. Sicherheiten zur Absicherung von Krediten stehen bei diesen Unternehmen in der Regel ebenfalls nur sehr eingeschränkt zur Verfügung.

Zum anderen braucht es besonders technologische Expertise, um die Chancen und Risiken dieser Investitionen prüfen zu können. Diese Faktoren führen dazu, dass diese Investitionen deutlich leichter über Eigenkapital und besonders Venture-Capital als über Fremdkapital zu finanzieren sind.

Bei den anstehenden Investitionen ist demnach nicht nur ihre Quantität, sondern auch ihre Qualität zu beachten. Neue Finanzierungswege können dazu führen, dass aus der zunächst zugesagten Summe von 631 Milliarden Euro ein noch deutlich höherer Betrag entstehen könnte – nämlich dann, wenn sich neue Cluster bilden, in denen erfolgreiche Investitionen weitere Investitionen in einem sich selbst verstärkenden Kreislauf nach sich ziehen.

Und bei allen diesen Bemühungen in Deutschland ist immer mitzudenken, dass umso mehr innovative Investitionen getätigt werden können, je mehr sie auf kapitalgedeckte Elemente der Rentenversicherung bauen können und je stärker sie in einen starken europäischen Wirtschaftsraum eingebettet sind. Der freie Fluss von Kapital in Europa könnte mit einem starken Impuls aus Deutschland neuen Schwung erhalten.

Euphorie wäre nach dem Investitionsgipfel am Montag fehl am Platz. Dieser Gipfel könnte aber sehr wohl einen Startschuss bilden für eine deutliche Belebung der wirtschaftlichen Aktivitäten in Deutschland und Europa. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt, sowohl für den Staat als auch für die Unternehmen.

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Der Autor: Jörg Rocholl ist Präsident der ESMT Berlin.

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