Gastkommentar: Start-ups an Gesellschaft: Lasst uns reden!
Babyboom in der deutschen Einhorn-Herde: In der ersten Jahreshälfte sind zu den jungen Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Dollar acht Neulinge hinzugekommen. Damit hat sich ihre Zahl in nur sechs Monaten auf 16 glatt verdoppelt.
Und nicht nur das: Die gesamte deutsche Start-up-Szene kann sich derzeit über einen nie da gewesenen Geldsegen freuen – alleine im ersten Halbjahr 2021 verzeichnete sie Investitionen von mehr als sechs Milliarden Euro. Das ist ein neuer Rekord.
Endlich entwickelt die deutsche Gründerszene die Dynamik, die wir uns seit Jahren wünschen. Und sie wird immer relevanter: Start-ups sind der Wirtschaftszweig mit der größten Wachstumsrate in Deutschland. Sie tragen mittlerweile spürbar zur Wertschöpfung des Landes bei.
Kein Wunder also, dass es Zalando, Delivery Hero und Hello Fresh als erste Einhörner bereits in den Deutschen Aktienindex geschafft haben. Große Unternehmen wie Flixbus oder Celonis werden in absehbarer Zeit ebenfalls an die Börse gehen. Mit anderen Worten: Bis 2030 wird der Dax von stark wachsenden Technologie-Firmen geprägt sein. Uns steht eine goldene Dekade bevor.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Die neue Gründergeneration ist nicht nur bestens ausgebildet, sondern auch extrem ambitioniert. Ihr reicht es nicht, nur einen deutschen Marktführer aufzubauen – stattdessen wollen die jungen Unternehmer weltweite Champions schaffen. Hinzu kommt die hohe Verfügbarkeit von Kapital, vor allem aus dem Ausland.
Das alles sind wunderbare Nachrichten – und doch: Diese Jahrhundertchance der deutschen Start-up-Szene sollten wir auch zum Anlass nehmen, einige wichtige Fragen zu stellen. Denn jetzt werden auch die Weichen für die Zukunft gestellt, und es entscheidet sich, ob die deutschen Start-ups den US-amerikanischen oder einen eigenen Weg gehen wollen. Ich persönlich wünsche mir, dass wir auf die Fragen der kommenden Jahre Antworten geben, die im Einklang mit unserer Gesellschaft stehen.
Wenn wir beispielsweise nach San Francisco und ins Silicon Valley schauen, sehen wir eine extreme soziale Ungleichheit. Neben immer mehr Millionären gibt es eine Rekordzahl von Obdachlosen. Normalverdiener können sich dort keine Wohnung mehr leisten, und die sozialen Spannungen steigen. Noch sind wir in Deutschland nicht an diesem Punkt angekommen. Aber in Metropolen wie München steigen die Mieten inzwischen auch bedenklich.
Wirtschaftlicher Erfolg bringt Verantwortung mit sich
Was hat das mit den deutschen Start-ups zu tun? Ich denke, dass wirtschaftlicher Erfolg immer auch Verantwortung mit sich bringt. Unternehmer sollten sich fragen, wie sie die Gesellschaft besser und gerechter machen können. Das beginnt schon im Unternehmen selbst: Wie wollen die Start-ups künftig mit ihren Mitarbeitern umgehen? Wie wollen sie die gemeinsam erarbeitete Wertschöpfung fair verteilen?
Bei solchen Fragen könnten die jungen Unternehmen beispielsweise eine Selbstverpflichtung eingehen, um wichtige Themen voranzubringen – etwa den Zugang für Quereinsteiger beziehungsweise Minderheiten in die Gründerszene oder den Kampf gegen den Klimawandel. Initiativen wie „Leaders for Climate Action“ und „Founders Pledge“ zeigen, wie es gehen kann. So könnten die jungen Unternehmen zeigen, dass sie sich ihrer steigenden Verantwortung bewusst sind und ihr gerecht werden wollen.
Gemeinsam mit anderen Akteuren sollte sich die Gründerszene auch über eine andere drängende Frage Gedanken machen: Wie kann man die Gewinne der erfolgreichen jungen Unternehmen im Land halten? Heute fließen sie zum großen Teil ins Ausland ab, weil die wenigsten Investoren aus Deutschland kommen. Das können wir nur ändern, indem wir unseren Kapitalmarkt verbessern – etwa durch große Fonds, die vom Staat oder von der privaten Wirtschaft aufgelegt werden.
Oder durch öffentliche Forschungsprogramme, wie sie die legendäre US-Behörde Darpa immer wieder durchgeführt hat. In diese Diskussion muss sich die Start-up-Szene jetzt einbringen. Sonst wandern die Einhörner und viele andere Unternehmen ab. Die Folge wäre ein schmerzhafter Ausverkauf ins Ausland.
Junge Unternehmen müssen die richtige Balance finden
Auch an einer anderen Stelle sollten wir unbedingt nachsteuern: Immer mehr junge Unternehmen verlegen ihren Sitz aus Deutschland beispielsweise nach Delaware in den USA – denn dort sind die Regularien in puncto Datenschutz und Künstliche Intelligenz (KI) weniger streng als hierzulande.
Ich selbst bin ein Verfechter von Datenschutz und der fairen Nutzung von KI. Aber wir müssen in diesen Bereichen eine Balance finden, die den Bedürfnissen von Unternehmen und Gesellschaft gleichermaßen gerecht wird.
Zentral ist für mich auch das Verhältnis zwischen Medien und Start-ups. Hier wünsche ich mir in der Berichterstattung mehr Offenheit für Neues und im Umgang mehr beiderseitiges Vertrauen. Dazu müssen natürlich auch die jungen Unternehmen ihren Beitrag leisten und sich an ihren eigenen ethischen Maßstäben messen lassen.
Sonst zerstören Ereignisse wie der Wirecard-Skandal oder fehlgeleitete Vorschläge wie im missglückten Thesenpapier des Beirats „Junge Digitale Wirtschaft“ die Basis der Zusammenarbeit. Man kann als Gründerszene natürlich nicht eine uneingeschränkte positive Berichterstattung und die Disziplinierung der Medien fordern – einen guten Umgang mit Journalisten müssen sich die jungen Unternehmen vielmehr selbst erarbeiten. Seitens der Medien gibt es allerdings auch großes Nachholpotenzial, mit mehr Vertrauen auf das meist noch unprofitable Wachstum von stark wachsenden Jungunternehmen zu blicken.
Ein neuer Gesellschaftsvertrag ist nötig
Das sind nur wenige Beispiele von wichtigen Themen, die wir in den kommenden Jahren angehen müssen. Um gemeinsam einen neuen Gesellschaftsvertrag zu schaffen, brauchen wir aus meiner Sicht mehr als bloßen Lobbyismus. Gefragt ist vielmehr ein Dialog aller Stakeholder – also Start-ups, Industrie, Politik und Medien. Wir müssen als Gesellschaft Erfolg und Risiko neu wertschätzen lernen. Umgekehrt sind wir als erfolgreiche Gründer gefordert, einen eigenen Weg zu finden, der Gesellschaft etwas zurückzugeben.
Der anstehende Regierungswechsel ist eine riesige Chance für uns alle. Wir können als Gesellschaft jetzt die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige wirtschaftliche Dynamik schaffen. Und wir können eine Entwicklung in Gang setzen, von der alle Menschen in Deutschland profitieren.
Selten war der Zeitpunkt für einen solchen Neustart besser. Nie war aber auch die Verantwortung der Start-ups so groß wie heute. Ich bin mir sicher: Die Einhörner und alle anderen jungen Unternehmen sind bereit zum Dialog. Packen wir es an!
Der Autor: Felix Haas ist Gründer und Executive Chairman von ID Now, Vorsitzender und Co-Organisator der Gründerkonferenz „Bits & Pretzels“ sowie Investor in über 130 Start-ups.