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World Economic ForumDeutschland muss mehr Technologieoffenheit wagen

Deutschland degradiert sich zum Vorzeige-Bedenkenträger und Technikimporteur. Die Politik verhindert die Weiterentwicklung. Welcher Wandel nötig ist, erklärt Stefan Klebert. Ein Gastkommentar. 22.01.2025 - 10:04 Uhr Artikel anhören
Stefan Klebert ist Vorstandsvorsitzender der GEA Group. Foto: dpa, privat (M)

Der Klimawandel nimmt in der aktuellen politischen Prioritätenskala angesichts geopolitischer Herausforderungen zwar ab. Dennoch bleibt er eines der größten langfristigen Risiken für Unternehmen, die Weltwirtschaft und die Menschheit insgesamt. Dieser Tatsache sind sich mit mir auch die meisten anderen CEOs bewusst, die am diesjährigen World Economic Forum in Davos teilnehmen.

Technologieoffenheit ist das Einzige, was hilft

Allerdings brauchen gerade europäische Unternehmen, die sich dieser Aufgabe ohne Wenn und Aber stellen, von der Politik mehr Unterstützung an der Schnittstelle zwischen Umwelt-, Technologie- und Wirtschaftspolitik. Statt zusätzlicher, oftmals nicht ergebnisorientierter Regulierung sind viel mehr Pragmatismus und vor allem Realismus notwendig.

Es ist höchste Zeit, das Wort „Technologieoffenheit“ nicht länger als politischen Kampfbegriff zu missbrauchen. Technologischer Fortschritt braucht Innovationsgeist und neue Lösungen. Technologieoffenheit ist das Einzige, was uns hilft, im weltweiten Rennen um Fortschritt mit an der Spitze zu bleiben. Technologieoffenheit war und ist die Grundlage des wirtschaftlichen Erfolges der deutschen Industrie – und damit auch ein Kernelement der Finanzierbarkeit unserer Sozialen Marktwirtschaft.

Angesichts der neuen Dynamik, die jetzt in den USA in Gang kommt, sollte das jeder Politiker und jede Politikerin verstanden haben. Wir stehen vor einer noch größer gewordenen Herausforderung, mit dem Innovationspotenzial der Vereinigten Staaten mitzuhalten. Den bisherigen Kurs, vielsprechende Technologien zum Erreichen der Dekarbonisierung, wie Kernenergie oder Carbon Capture, Utilization and Storage (CCU/S), kategorisch zu Hochrisikotechnologien zu erklären, können wir uns nicht länger leisten.

Deutschland sollte sein Potenzial einsetzen, weltweit zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen

Wenig hilfreich ist auch, dass sich Deutschland, obwohl es bis heute international als eines der Länder mit der sichersten Atomenergie gilt, aus diesem Markt verabschiedet hat. Unterdessen arbeiten viele andere Nationen engagiert an neuen Reaktortechnologien, auch um den stark wachsenden Energiebedarf der Künstlichen Intelligenz (KI) klimaneutral zu sichern.

Die Liste der staatlichen Überregulierung erfasst auch schnell wachsende Märkte wie alternative Proteine – insbesondere die Herstellung von kultiviertem Fleisch in Bioreaktoren. Hier findet die Entwicklung im Wesentlichen außerhalb Europas statt, weil wir nicht genügend Offenheit für neue Technologien haben und die bürokratischen Hürden zu hoch sind. Zu allem Überfluss treiben wir dadurch technologieaffine Talente ins Ausland.

All das ist fatal für unseren zukünftigen Wohlstand. Deutschland degradiert sich immer mehr zum Vorzeige-Bedenkenträger und Technikimporteur. Das ist zu einer Zeit, in der wir weltweit an Kernkompetenzen und Wettbewerbsfähigkeit verlieren, besonders gefährlich.

Stattdessen sollte Deutschland sein großes Potenzial einsetzen, weltweit zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen. Tatsache ist, dass heute niemand weiß, was in zwanzig Jahren die Lösung für die Treibhausgasemissionen sein wird. Und so bedeutsam der Zuwachs bei den Kapazitäten für erneuerbare Energien auch ist, im Jahr 2024 erreichten die weltweiten CO2-Emissionen aller Wahrscheinlichkeit nach einen neuen Höchststand. Dieser Fakt belegt vor allem eines: Die hierzulande politisch betriebene Verengung auf Sonne und Wind lässt uns bei der gebotenen weltweiten Perspektive trotz aller Anstrengungen bisher auf der Stelle treten.

Wir sollten ab sofort alle relevanten Technologien wirklich gleichberechtigt behandeln. Nur dann kann sich der unternehmerische Geist entfalten.
Stefan Klebert

Einer Faustformel von McKinsey zufolge sind bisher nur zehn Prozent aller Technologien, die in ihrer Summe bis zu 90 Prozent der gesamten vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen reduzieren können, wirtschaftlich wettbewerbsfähig, wenn sie in großem Maßstab eingesetzt würden.

Weitere 45 Prozent benötigen noch deutliche Kostensenkungen durch Skaleneffekte, um wettbewerbsfähig zu werden und ihren volkswirtschaftlichen und klimapolitischen Wert zu realisieren. Weitere 45 Prozent der erforderlichen Innovationen, die, gut möglich, die entscheidenden Fortschritte bringen werden, befinden sich hingegen noch in einem frühen Stadium der Entwicklung.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Ob es um Finanzierung, steuerliche Rahmenbedingungen oder Regulierung geht, wir sollten alle relevanten Technologien fortan wirklich gleichberechtigt behandeln. Nur dann kann sich der unternehmerische Geist entfalten. Und der ist angesichts knapper öffentlicher Kassen und der Tatsache, dass schätzungsweise fast 90 Prozent der zum Erreichen der Energiewende erforderlichen Finanzmittel vom Privatsektor aufgebracht werden müssen, absehbar die entscheidende Komponente.

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Der Autor:
Stefan Klebert ist Vorstandsvorsitzender der GEA Group.

Erstpublikation: 22.01.2025, 05:22 Uhr.

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