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Gastkommentar – Homo oeconomicus Die vernünftige Idee der CO2-Kompensation wird durch Tricks pervertiert

Mit dem Etikett „klimaneutral“ werden Mogelpackungen verkauft. Diese entfernen uns von einer klimagerechten Welt mehr denn je, kritisiert Claudia Kemfert.
08.03.2021 - 18:34 Uhr 1 Kommentar
Claudia Kemfert leitet die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ des DIW und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Quelle: Roland Horn/ DWI Berlin
Die Autorin

Claudia Kemfert leitet die Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ des DIW und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance.

(Foto: Roland Horn/ DWI Berlin)

Plötzlich ist alles „klimaneutral“. Klimaneutral ist die Insel der Glückseligen, auf die wir uns retten, wo für unseren Planeten angeblich schon die letzte Stunde geschlagen hat. Das Wort versöhnt Umweltschützer und „Fridays for Future“-Aktivisten mit Hardcore-Kapitalisten und Großindustriellen, Wissenschaft und Politik. Aber ist klimaneutral wirklich klimagerecht?

„Die andere Klimazukunft. Innovation statt Depression“ war der Titel eines Buches, in dem ich erklärte, wie teuer der ungebremste Klimawandel uns zu stehen kommen wird und dass es ökonomisch sinnvoll ist, möglichst früh in Klimaschutz zu investieren. Darin schrieb ich auch, dass Klimaneutralität ein wichtiges Zwischenziel auf dem Weg in eine nachhaltige Welt sei.

Das war 2008. Inzwischen gab es den Klimavertrag von Paris 2015, in dem sich die Weltgemeinschaft verpflichtet hat, die Emissionen zu reduzieren und den menschengemachten Klimawandel wenigstens zu bremsen. Und jetzt kehren nicht nur die USA unter Präsident Biden zurück zum Pariser Abkommen. Es wollen selbst globale Unternehmen, Banken, Industrien und, ja, sogar notorische Klimaschutz-Verweigerer wie China, Russland oder Saudi-Arabien bis 2050 klimaneutral sein.

Aber die Bedeutung von „klimaneutral“ hat sich in der Zwischenzeit verändert. Der Fachbegriff ist vom Wissenschaftshimmel gestürzt und als Buzzword im fossilen Marketingsumpf gelandet. Mit dem Etikett werden Mogelpackungen verkauft, die uns von einer klimagerechten Welt mehr denn je entfernen. Wenn wir das Wort irgendwo hören, sollten wir sofort innehalten und das Kleingedruckte lesen.

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    CO2 wird nicht vermieden, sondern nur gespeichert

    Was genau ist hier passiert? Statt die Nutzung fossiler Energien zu beenden oder wenigstens zu reduzieren, werden nunmehr schöne bunte Pillen verkauft, die eine Neutralisierung vorgaukeln: Die simpelste Methode nennt sich „Clean Diesel“, „Clean Coal“ oder „CSS“. Die CO2-Emissionen werden nicht vermieden, sondern lediglich irgendwo gespeichert – und damit wird das Problem auf später vertagt.

    Etwas origineller und eine wahre Goldgrube für die Fossil-Wirtschaft ist „blauer Wasserstoff“: Aus fossilem Erdgas wird (im Verbrauch emissionsfreier) Wasserstoff hergestellt. Die immensen CO2-Emissionen bei der Herstellung sollen aufgefangen und eingelagert werden. Doch es gibt keine Lagerstätten, die Technik ist unerforscht und teuer, das Verfahren extrem ineffizient.

    Und die neueste Methode nennt sich „müllfreie Nukleartechnologie“: Mini-Atomreaktoren für den Vorgarten. Doch die Hightech-Wunderpille gibt es bislang nur auf dem Papier, zahlreiche technische Probleme sind noch nicht einmal theoretisch gelöst, und die Risiken und Nebenwirkungen werden in nebulöses Schweigen gehüllt.

    Echte Problemlösung aber sieht anders aus. Gesund wird der Planet nur, wenn wir die Ära der fossilen Energien endgültig beenden.

    Mehr: „Wir brauchen New Green Deals“

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    1 Kommentar zu "Gastkommentar – Homo oeconomicus: Die vernünftige Idee der CO2-Kompensation wird durch Tricks pervertiert"

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    • Offenheit für neue Wege und Forschungsansätze sollte ein Muss für Mitarbeiter von Forschungsinstituen sein, auch wenn die neuen Ansätze noch nicht ausgereift sind. Daneben sind auch Kompromisse im Interesse einer bezahlbaren Energieversorgung unabdingbar. Es hilft niemandem, mit viel Polemik und platten, vermeintlichen Gewissenheiten ein Alles oder Nichts zu propagieren. Es gibt nicht nur den deutschen Weg.

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