Homo oeconomicus: Der Fall Wirecard zeigt: Menschen eines Systems müssen unabhängiger werden
Philine Erfurt Sandhu ist Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin.
Foto: PressefotoDer Fall Wirecard hat uns den größten Börsenskandal der Nachkriegsgeschichte beschert und Deutschland als Finanzplatz schwer blamiert. Solch ein Eklat entsteht nicht nur durch kriminelle Energien einzelner Manager, sondern wir müssen die Fehler im gesamten System sowie die Verflechtungen darin betrachten: das Versagen der Kontrollinstanzen, das unkritische Durchwinken der Wirtschaftsprüfer, die Begierde der Aktionäre, die mangelnde Kontrolle durch den Aufsichtsrat und letztlich auch die Gutgläubigkeit der Journalisten.
Wie konnte inmitten dieser Akteure solch eine Blase entstehen? Wie können Menschen so irrational entscheiden?
Die Menschen, die in diesem System arbeiten, sind zum Großteil in sogenannten „greedy institutions“ tätig. Der Begriff stammt aus der Soziologie und beschreibt Institutionen, die von ihren Mitgliedern ungeteilte Loyalität einfordern. Schon in frühen Stadien der Karriere wird für den Weg nach oben Dauerverfügbarkeit und absolutes Commitment verlangt.
Lange Arbeitszeiten machen das Unternehmen mitsamt den Kollegen, den Kunden, dem Dienstwagen, den Restaurantbesuchen oder dem gemeinsamen Besuch in der Fankurve zum Lebensraum, wobei Berufliches mit Privatem verschmilzt. In der Wissenschaft spricht man von Hyperinklusion.
So herrscht in vielen deutschen Unternehmen, insbesondere auch in Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder in Banken, das Prinzip „Up or out“ – entweder du ackerst dich hoch, oder du bist raus. Familie, Gesundheit und Freunde werden hintangestellt, und Lebensbezüge in andere gesellschaftliche Bereiche schwinden.
Homogenes Topmanagement
Alles auf eine Karte zu setzen ist jedoch höchstriskant und prekär – für die einzelne Person und für das gesamte System gleichermaßen. Es macht den Menschen höchst abhängig, wenn Anerkennung und Identität aus einer einzigen Quelle gezogen werden müssen.
Dann muss der Deal klappen, der Gewinn maximiert und der Kunde gewonnen werden. Irrationale Entscheidungen sind programmiert. Die ersten Recherchen über Wirecard werfen ein Licht auf das homogene Topmanagement und den Korps-Gedanken sowie auf den vielleicht zu vertrauten Kontakt zum Wirtschaftsprüfer.
Spekulationen gibt es über Verbindungen bis in die Politik. Bei solchen Verflechtungen haben kritische Geister und unabhängige Querdenker keine Chance, es gibt viele Ja-Sager. Und dem Unternehmen fehlt es an Reflexions- und Innovationsfähigkeit. Umso verflochtener, enger und homogener ein System ist, desto mehr scheitern mögliche Kontrollmechanismen.
Wirecard wird kein Einzelfall bleiben, wenn wir neben ausgereiften Kontrollmechanismen nicht auch die Unabhängigkeit der Menschen in diesem System fördern. Zwei Ansatzpunkte dafür liegen auf der Hand: Wir brauchen transparentere Auswahlprozesse für Spitzenpositionen, bei denen Kompetenzen und Diversität, nicht Vertrautheit zählen.
Und wir müssen Karrieremodelle schaffen, die sogenannte Mehrfachidentitäten zeitlich erlauben: neben der Rolle als Führungskraft auch die des aktiven Vaters, der Cellistin oder des Trainers im Verein.