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MotivationDer Reiz liegt in der Chance zu scheitern, nicht im Schaffen

Sportliche Herausforderungen können Hobbyathleten helfen, auch Probleme in Alltag und Beruf besser zu bewältigen. Für den spürbaren Effekt braucht es jedoch das Risiko, weiß unser Kolumnist.Thorsten Firlus 13.06.2025 - 04:00 Uhr Artikel anhören
Ziele müssen so gesteckt sein, dass die Chance besteht, sie nicht zu erreichen, schreibt Thorsten Firlus. Foto: Firlus

Wenn Sie jemand bitten würde, zum nächsten Supermarkt zu gehen, einen Liter Milch aus dem Regal zu nehmen, an der Kasse mit ein paar Münzen zu bezahlen und dann wieder heimzugehen, dann würden Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen: kein Problem. Stellen Sie sich einfach ihr fünfjähriges Ich vor, dann sieht die Sache vielleicht schon ganz anders aus.

Wenn mir heute jemand sagt: „Fahre bitte 100 Kilometer Fahrrad“, denke ich mir: Ja, und? Es ist noch gar nicht soooo lange her (Kinder, Job, Haus, Baum – ✅), da verdrückte ich ein paar Tränen der Überwältigung auf der Straße des 17. Junis in Berlin angesichts der zuvor bewältigten mehr als 100 Kilometer beim Jedermann-Radrennen Velothon. Davor stand schließlich die Frage: Kann ich das?

Sie steht da auch heute noch, wie Ende Mai, als es lediglich darum ging, ohne jeden Zeitdruck den provenzalischen Mont Ventoux mit dem Rad zu erklimmen. Dafür drei Mal, sodass sich in Summe 4400 Höhenmeter ergaben auf einer Distanz von 137 Kilometern.

Nie zuvor, nicht mal bei der Überquerung der drei Pässe Gotthard, Furka und Grimsel in der Schweiz, habe ich am Stück so viele Höhenmeter erstrampelt. Als gebürtiger Hannoveraner sind Berge nicht mein natürliches Habitat. Glaubte ich, es packen zu können? Definitiv. War ich sicher, dass es auf jeden Fall klappt? Auf keinen Fall.

Die mitreisenden Hobbysportler, allesamt lebenslustige Menschen mit einem Faible fürs Radfahren, nahmen meine Anspannung wahr. Sie murrten, als ich vorschlug, früh loszufahren, um sicherzugehen, den Berg vor der Hitze zumindest einmal bezwungen zu haben. Man hielt mich für rennorientiert. Dass ich am Vorabend als Erster im Bett lag, unterstrich in ihren Augen meinen Ehrgeiz oder Anspruch oder was auch immer.

Selbstvertrauen durch Zweifel

Tatsächlich gibt es eine einfache Regel: Wenn eine schwierige neue Aufgabe vor mir liegt, will ich sicher sein, dass ich alles Nötige getan und alles Störende vermieden habe. Wenn ich scheitere, dann deshalb, weil ich es nicht kann.

Denn im Risiko zu scheitern, liegt der ganz große Reiz einer sportlichen Herausforderung, das sagte mir auch Sebastian Kienle, der Profitriathlet, der trotz gewonnener Weltmeisterschaft im Leben immer wieder Projekte findet, in denen er nicht das erreichen kann, was er sich ausmalt.

Nur diese Erfahrung erzeugt in einem das Gefühl: Ich kann das. Und ich kann nicht nur das, ich kann vielleicht sogar noch mehr. Um im letzten Level über sich selbst staunen zu können: Ich hätte nie geahnt, was ich leisten kann.

Es ist von dieser Erfahrung, die mit dem ersten Stadtlauf, dem ersten  Volkstriathlon oder, bei gestiegenen Ansprüchen, dem ersten Halbmarathon beginnt, ein Leichtes, das Konzept auf all Ihre Lebensbereiche zu übertragen.

Ein großes Projekt mit mehr Verantwortung, größerem Budget, mehr involvierten Menschen bringt die gleichen Begleiterscheinungen mit sich, außer Sie sind abgebrühter als eine blanchierte Bohne. Unruhe, Nervosität, Anspannung, vielleicht Gereiztheit, Unsicherheit, Fahrigkeit – alle diese Dinge dürfen nicht nur, sie müssen sein, wenn Sie erfolgreich sein wollen. Denn wer alles nur locker sieht, nimmt es unter Umständen nicht ernst genug.

Betrachten und umarmen Sie alle diese unangenehmen Faktoren als notwendigen Teil der Vorbereitung, ohne die nichts geht. Ist es weniger: Glückwunsch. Ist es mehr: vollstes Verständnis.

Entfernung von der Normalität

Dieses Zielesuchen und Zielesetzen muss nie aufhören. Dafür ist es auch nicht nötig, wie zwei Ultraläuferinnen zu versuchen, die Via Alpina, den längsten Fernwanderweg der Alpen von Triest bis Monaco, an einem Stück ohne Pause zurückzulegen oder in der Antarktis einen Langdistanztriathlon zu überleben (was anderes lässt sich angesichts von 0,8 Grad Wassertemperatur wohl kaum dazu sagen).

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Dennoch, Ihre Ziele werden und dürfen sich verschieben, bis zu dem Punkt, an dem in Ihrem Umfeld die Zahl der Menschen geringer wird, die Sie nicht für extrem/verrückt/irre halten. Aber wenn Sie ein Mal Milch gekauft haben, wissen Sie halt, dass Sie es können.

Aus dieser ständigen Wiederholung des gleichen Vorgangs – Unglaube, Nervosität, Erlangen des Ziels – entsteht ein kaum zu erschütterndes Selbstvertrauen. Wer akzeptiert, dass sie oder er immer hadert, aber irgendwann auch weiß, dass es dennoch gelingt, kann sich in jeder Lebenslage mit neuen Gegebenheiten arrangieren. Und dann auch emotional leichter verarbeiten, wenn eben doch mal etwas nicht klappt. Das gehört dazu, das muss es geben, wenn wir uns selbst immer wieder an den Punkt bringen wollen, an dem wir über uns staunen, was wir alles schaffen können.

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