Newsletter Shift: Lasst die Jungen in ihre Zukunft und weniger in die Pflege investieren!
Vielleicht fällt es Ihnen mit dem ersten Gehaltszettel 2025 auf: Zum 1. Januar ist neben dem Krankenkassenbeitrag auch der Beitrag zur Pflegeversicherung gestiegen. Das dürfte nicht das letzte Mal gewesen sein. Dem jüngsten Altersbericht der Bundesregierung zufolge steigt die Zahl der über 80-Jährigen von heute sechs auf bis zu zehn Millionen im Jahr 2050. Damit wächst auch die Zahl der pflegebedürftigen Menschen voraussichtlich um Millionen.
Ich rechne daher damit, dass ich in meinem Arbeitsleben immer mehr in die Pflegeversicherung einzahlen werde. Es sei denn...
...die kommende Bundesregierung setzt einige der Ideen um, die Friedrich L. Sell derzeit umtreiben. Seiner Meinung nach blickt die Gesellschaft derzeit zu sehr auf die Lebenserwartung und Pflege der Älteren und zu wenig auf die Zukunft der Jüngeren.
Sell ist emeritierter VWL-Professor an der Universität der Bundeswehr München und war Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). An den Vorschlägen, die ich Ihnen heute vorstelle, arbeitet er seit einigen Monaten zusammen mit Ernst Ruf von der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie München.
Worum geht es?
„Die heute alte Generation hat ja kaum oder überhaupt keine Beiträge zur Pflegeversicherung zahlen müssen“, sagt Sell. „Deshalb müsste man, um diese Ungleichbehandlung zu beseitigen oder zu relativieren, den Pflegesatz deckeln für die junge Generation und sagen: Der Rest wird aus dem Steueraufkommen finanziert.“ Dann wären es überwiegend wieder wir jüngeren (Lohn-)Steuerpflichtigen, die die Hauptlast trügen.
Sell und Ruf plädieren deshalb dafür, stärker als bislang vorhandenes Vermögen heranzuziehen, um die sozialen Sicherungssysteme zu finanzieren. Außerdem regen sie an, die Höhe der Pflegesätze mit unterschiedlichen Lebensläufen und -erwartungen zu verknüpfen.
Welches Problem steckt dahinter?
Die jetzt in Rente gehende Babyboomer-Generation hat vergleichsweise wenige Kinder auf die Welt gebracht. Diese Wenigen aber müssen die Auszahlungen für immer mehr Rentnerinnen und Rentner finanzieren. Zugleich steigt die Lebenserwartung der – relativ vermögenden – Boomer und damit der Bevölkerungsanteil derjenigen, die pflegebedürftig sein werden.
„Unser Schluss daraus war, dass man sich aus Gerechtigkeitsgründen gegenüber der jungen Generation fragen sollte, ob nicht solche Personen mit ihrem Vermögen zur Finanzierung der Pflegekosten, vor allem ihrer eigenen Pflegekosten, beitragen können“, sagt Sell.
Geld genug wäre da: Laut verschiedenen Schätzungen werden hierzulande Jahr für Jahr zwischen 300 und 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt.
Wie sieht eine Lösung aus?
Sell und Ruf schwebt zum einen eine Art Pflegevorsorgekasse vor, in die Vermögende einzahlen, nachdem sie zu einem bestimmten Stichtag Auskunft über die Höhe ihres Vermögens gegeben haben – „am besten natürlich vor Eintritt in die Rente, weil das ein Zeitpunkt ist, bevor die Pflege normalerweise einsetzt“, sagt Sell.
Damit der Grundgedanke bei diesem Generationenfonds, wie Sell die Idee auch nennt, nicht umgegangen wird, brauche es auch Sanktionsmöglichkeiten. So ließe sich etwa sagen: „Wer viel mehr Vermögen hat, als er angegeben hat, der könnte schlimmstenfalls seine Ansprüche auf die Leistungen aus der staatlichen Pflegeversicherung verlieren.“
Welche andere Lösung gibt es?
Statistisch nachweisbar ist: Menschen, die Berufe ausüben, die zu Lasten ihrer Gesundheit gehen, haben eine geringere Lebenserwartung als ein verbeamteter Professor wie Sell. Er und Ruf schlagen daher auch vor, diese unterschiedlichen Lebensabläufe, Lebenserwartungen und damit unterschiedlich lange Inanspruchnahme von Pflegeleistungen bei den Pflegesätzen oder beim Umfang der Pflege zu berücksichtigen.
„Eine Idee wäre, dass jemand, der zum Beispiel als Dachdecker gearbeitet hat, früher Pflegestufen erreichen kann als andere Beschäftigte, die weniger riskanten Berufen nachgegangen sind“, erläutert Sell.
Was wäre noch denkbar?
Ein weiterer Vorschlag von Ruf und Sell ist ein Umverteilungsfaktor: So ließe sich zum Beispiel sagen, dass die Leistungen, die ein Dachdecker erbringt, „in Zukunft einen Teil im Preis enthalten, der abgeführt wird für den Aufbau einer privaten Pflegevorsorge dieser Berufe“.
Das heißt, dass diejenigen, die eine Dachdeckerin oder einen Dachdecker beauftragen, deren spätere Pflege mitfinanzieren. „Das wäre sozusagen ein marktwirtschaftliches Modell, das über den Preismechanismus funktioniert“, sagt Sell.
Wie sehen Sie das?
Dass ich mich mit diesen Ideen anfreunden kann, dürfte klar sein. Aber was denken Sie? Halten auch Sie das für einen Weg, dem demografischen Wandel finanziell beizukommen? Schreiben Sie mir an newsletter@handelsblatt.com!
Dieser Text stammt aus dem Newsletter Handelsblatt Shift. Kennen Sie schon die anderen Handelsblatt-Newsletter? Eine Übersicht finden Sie hier.

