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EditorialDas wirkliche China-Problem der deutschen Wirtschaft

Die Bunderegierung arbeitet an einer neuen Chinastrategie. Doch die ist nicht das drängendste Problem – und das kann für die deutsche Industrie richtig teuer werden.Sebastian Matthes 16.09.2022 - 11:00 Uhr Artikel anhören

Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

In Berlin gehört es gerade zum guten Ton, einen anderen, einen härteren Umgang mit China zu fordern. Außenministerin Annalena Baerbock hat das getan, Bundeskanzler Olaf Scholz auch. Und Wirtschaftsminister Robert Habeck sowieso, der erst diese Woche wieder einen solchen ankündigte.

Natürlich ist es wichtig, Menschenrechtsverletzungen anzusprechen, die Rohstoffversorgung diverser aufzustellen und die Abhängigkeit der Wirtschaft von China zu hinterfragen. Noch nie zuvor haben deutsche Unternehmen so viel in der Volksrepublik investiert wie im ersten Halbjahr 2022 – trotz der politischen Unsicherheit im Konflikt um Taiwan.

Trotzdem stellt sich die Frage, ob Deutschland gerade die richtige Debatte führt. Denn die Wirtschaft hat dieser Tage ein ganz anderes Chinaproblem. Insbesondere der industrielle Mittelstand steuert im Winter auf eine historische Liquiditätskrise zu. In der Coronakrise konnten Unternehmen steigende Preise für Energie, Rohstoffe, Chemikalien und Kunststoffe noch an ihre Kunden weitergeben.

Nun steht der nächste Preisschub bevor: Fast jedes zweite Unternehmen plant laut einer Ifo-Umfrage weitere Preiserhöhungen, vor allem in der Spezialchemie, im Maschinenbau und bei energieintensiven Baustoffen. Dass Kunden die neuen Preise aber ein weiteres Mal akzeptieren werden, ist keineswegs gesagt. Denn sie haben immer öfter Alternativen. Und das liegt daran, dass die Containerschiffe wieder fahren, die interkontinentalen Transportpreise sinken und die Probleme in vielen Häfen dieser Welt gelöst sind.

Die Deindustrialisierung hat längst begonnen

Und da kommen Asien und insbesondere China ins Spiel. Während die steigenden Preise von Energie und Rohstoffen in Europa Produkte aller Art teurer machen, kann China billig liefern: chemische Produkte, Maschinen, Stahl – nicht selten zu Preisen, zu denen europäische Unternehmen nicht mehr produzieren können. Übergreifende Zahlen gibt es dazu noch nicht, dafür Berichte aus verschiedenen Branchen – bei Mittelständlern hört man diese Geschichte, in Dax-Vorständen, und auch beim BDI hat man zu dem Thema schon zusammengesessen.

China mag ein „systemischer Rivale“ sein, wie die Bundesregierung meint, vor allem aber wird die chinesische Industrie immer mehr zu einem ökonomischen Rivalen.

Darauf hat Peking über Jahre hingearbeitet. Nun helfen die niedrigen Energiepreise in der Volksrepublik, weil Russland massenhaft billiges Gas und Öl gen Osten liefert. Wie passend, dass sich die beiden Autokraten Putin und Xi diese Woche in Usbekistan treffen. All das passiert in einer Zeit, in der sich viele deutsche Firmen fragen, ob sie im Winter überhaupt noch mit Strom und Gas beliefert werden.

Damit beschleunigt sich eine Entwicklung, die schon vor einigen Jahren begonnen hat: Der Kern der deutschen Wirtschaft erodiert. Natürlich geschieht diese Deindustrialisierung nicht in wenigen Wochen. Sie verläuft schleichend, das aber seit Jahren: Schon seit 2019 schwächelt die deutsche Industrie konjunkturell. Damit reißt ein eng geflochtenes Netz, das über Jahrzehnte gewachsen ist, aus Grundstoffindustrie, Zulieferern und Produzenten.

Es braucht eine Europastrategie

Zuerst drosseln Hersteller ihre Anlagen, dann werden sie stillgelegt, schließlich machen sie Standorte dicht, was wiederum Zulieferer in Bedrängnis bringt, die dann ebenfalls ihre Produktion einstellen müssen. Die Lücke schließen dann Unternehmen aus dem Rest der Welt – und das sind immer öfter auch chinesische Firmen. Damit entsteht in immer mehr Branchen eine strukturelle Abhängigkeit von anderen Regionen.

Europäische Düngemittelfabriken können kaum noch kostendeckend produzieren, ersten Chemieunternehmen geht es ähnlich, als Nächstes sind Stahlwerke dran. Und so frisst sich die Deindustrialisierung entlang der Wertschöpfungsketten. Auf dem Spiel steht weit mehr als die Jobs in Stahlwerken, deren Verlust schon schmerzhaft genug ist.

Die Chinastrategie der Bundesregierung reicht als Antwort darauf nicht aus – was uns fehlt, ist eine Europastrategie, die sich mit der Frage beschäftigt, welchen ökonomischen Rahmen dieser Kontinent braucht, damit die europäischen Firmen im Wettbewerb mit ihren Rivalen (nicht nur aus Asien) in Zukunft mithalten können.

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Vielleicht sollte sich in dieser Zeit gerade Deutschland darauf besinnen, worauf der Erfolg des Asiengeschäfts einmal beruhte: auf der Arbeit innovativer Unternehmen, die wiederum auf ein exzellentes Bildungssystem, eine effiziente Bürokratie und verlässliche Infrastruktur zurückgreifen konnten. Einiges davon finden die Unternehmen heute eher in Asien.

Neue Fabriken werden binnen Monaten genehmigt, Abertausende hochqualifizierte Tech-Experten sind massenhaft verfügbar, niedrige Steuern sowieso. In Deutschland hingegen ist vieles davon nicht (mehr) selbstverständlich. Gleichzeitig braucht Deutschland eine Debatte darüber, ob Technologiekooperationen mit China noch zeitgemäß sind, bei denen deutsche Wissenschaftler chinesische Projekte unterstützen. Ob Deutschland chinesischen Firmen die duale Ausbildung beibringen sollte oder ob mit deutscher Entwicklungshilfe chinesische Industrie-4.0-Projekte finanziert werden sollten. Denn damit machen wir einen immer stärkeren Rivalen noch stärker.

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