Kommentar: Das Comeback der etablierten Aktienmärkte

Chinesische Titel leiden unter der Konjunktur.
Foto: REUTERSNachholeffekte aus Pandemiezeiten haben die Konzerngewinne europäischer Unternehmen im vergangenen Jahr auf Rekordhöhe steigen lassen. Doch die Erholung ist ins Stocken geraten - vor allem, weil sich die Wachstumserwartungen in China nicht erfüllt haben. Dort sind europäische Konzerne stärker präsent als US-Unternehmen.
Dennoch müssen die Anleger jetzt nicht gleich aus europäischen Aktien fliehen, denn diese sind deutlich niedriger bewertet als Aktien in den USA. Der Bewertungsabschlag, wie er sich aus der Relation zwischen den Gewinnen der Unternehmen und ihrer Börsenbewertung errechnet, liegt bei rund einem Drittel und damit fast auf Rekordhöhe.
Europas niedrige Aktienbewertung spiegelt die enttäuschenden Wachstumshoffnungen und die langfristig besseren Perspektiven der Amerikaner wider. Mit ihrer Technologielastigkeit und Konzernen wie Apple, Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta, aber auch hochinnovativen Halbleiterspezialisten wie Nvidia, die frühzeitig auf Chips gesetzt haben, wie sie für Anwendungen rund um die Künstliche Intelligenz (KI) benötigt werden, haben die Amerikaner den besseren Branchenmix, was Zukunfts- und damit Börsenaussichten angeht.
Beim Abwägen dieser zwei wichtigen Faktoren spricht aus Anlegersicht viel für ein ausgewogenes Depot zwischen amerikanischen und europäischen Aktien. Beide Märkte profitieren von der größten Enttäuschung in diesem Jahr: dem lange Zeit hochgelobten Schwellenland China. Dort schwächeln die Aktienmärkte und konnten seit Jahresbeginn im Gegensatz zum Dax und vielen anderen Börsenindizes nicht zulegen.
Neben den enttäuschenden Wachstumshoffnungen in der Post-Corona-Zeit - wichtige Wirtschaftsdaten und Frühindikatoren signalisieren ein unterdurchschnittliches Wachstum - gibt es vor allem zunehmende geopolitische Risiken. Kleinanleger und professionelle Investoren wenden sich von einem Land ab, bei dem nicht sicher ist, wie frei Unternehmen künftig wirtschaften können und wie hoch die Risiken von (Teil-)Verstaatlichungen bis hin zu einer militärischen Konfrontation sind. Chinas Drohungen gegen Taiwan und die Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin untergraben das Vertrauen in den chinesischen Finanzmarkt.
Das treibt Anleger nicht nur nach Europa und in die USA, sondern auch nach Japan. Hier ist der Nikkei-Index seit Jahresbeginn um 27 Prozent gestiegen. Er steht damit so hoch wie seit mehr als drei Jahrzehnten nicht mehr. Japan profitiert mit Blick auf den Asienanteil eines weltweit ausgewogenen Depots ebenfalls von der zunehmenden Unlust vieler Investoren auf China.
In diesen Regionen und Ländern lässt sich mit vielen Aktien auf einen möglichen Wiederaufschwung der chinesischen Volkswirtschaft setzen, sollte er denn doch noch kommen. Beispielsweise mit Luxusaktien wie LVMH, Kering und Richemont aus Europa, die hohe Umsatzanteile in China erzielen, oder mit Autoherstellern wie BMW, Mercedes und VW. Volkswagen verkauft fast 40 Prozent seiner Fahrzeuge in China. Das ist Risiko und Chance zugleich.
So ist es immer an der Börse. Nur dass die Chancen mit Aktien in den etablierten Märkten angesichts der erhöhten Risiken in China etwas größer geworden sind.