Kommentar – Der Chefökonom: Mit Geld allein lässt sich das Fachkräfte-Problem nicht lösen

Schätzungen gehen davon aus, dass der deutsche Arbeitsmarkt 400.000 zusätzliche Arbeitskräfte pro Jahr benötigt, um die sukzessive aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Babyboomer zu ersetzen.
Foto: IMAGO/Rupert OberhäuserBereits im 18. Jahrhundert war es dem Urvater der modernen Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, klar, dass egoistisches Verhalten jedes Einzelnen von Vorteil für die Allgemeinheit ist.
Der von einem egoistischen Gewinnstreben getriebene Unternehmer werde „von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat“, heißt es in seinem Standardwerk „Wohlstand der Nationen“ aus dem Jahr 1776. „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“
Im 20. Jahrhundert leiteten die Ökonomen Kenneth Arrow und Gérard Debreu aus diesen frühen Erkenntnissen den ersten Hauptsatz der Wohlfahrtstheorie ab, nach dem in einem Wettbewerbsgleichgewicht niemand bessergestellt werden kann, ohne dass ein anderer schlechtergestellt wird.
Ein solches Marktgleichgewicht ist dann „effizient“. Entscheidendes Bindeglied zwischen einer prinzipiell unbegrenzten Nachfrage und einem knappen Angebot ist der Gleichgewichtspreis, also jener Preis, bei dem Angebot und Nachfrage im Einklang sind. Einen Mangel gibt es also per Definition in dieser Modellwelt nicht.
Genauso verhält es sich mit dem heute von vielen Unternehmen beklagten Fachkräftemangel – zumindest nach Einschätzung des Leiters des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, Simon Jäger. „Die These vom Fachkräftemangel stimmt so nicht“, sagte Jäger im Interview mit dem „Spiegel“. „Wenn einem Unternehmen Fachkräfte fehlen, kann es das eigenständig ändern. Bietet es höhere Löhne oder auch bessere Arbeitsbedingungen an, wird es attraktiver.“ Dies sei eine „einfache marktwirtschaftliche Lösung“.
Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.
Foto: HandelsblattDer sonst differenziert argumentierende Ifo-Chef Clemens Fuest pflichtet bei. „Mangel ist eine Situation, in der man bereit ist, den Preis zu bezahlen, aber nichts kriegt“, sagte der Ökonom im Bayerischen Rundfunk. Jetzt aber gelte: Wenn man zu den herrschenden Preisen nicht genug Fachkräfte wie in der Pflege finde, müsse man die Löhne erhöhen. In einer Marktwirtschaft müssten Güter, die knapp seien, teuer sein. „Die wichtigste Antwort auf Fachkräfteknappheit ist das Erhöhen von Löhnen.“
Nun sind Forderungen nach höheren Löhnen dort, wo Arbeitskräfte besonders produktiv sind, isoliert betrachtet keineswegs falsch. Würden alle Erwerbstätigen dort arbeiten, wo sie den höchsten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leisteten, wäre die gesamtwirtschaftliche Leistung vermutlich größer, als sie es heute ist.
Folgerichtig müssten aber jene Betriebe, die weniger produktiv sind und deshalb die höheren Löhne nicht zahlen könnten, vom Markt verschwinden. Womöglich könnten sich dann nur noch Gutverdiener einen Haarschnitt in einem Frisiersalon leisten, und in vielen Gaststätten gäbe es statt Personal Getränkeautomaten.
Blanke Theorie hilft nicht
Allerdings darf gute Politikberatung nicht nur den Blick durch die eigene theoretische Brille offenbaren; sie sollte auch evidenzbasiert sein, also auf der Basis empirisch erhobener und bewerteter wissenschaftlicher Befunde erfolgen. Andernfalls ließe sich aus Sicht eines Mikroökonomen jedes Problem durch flexible Preise lösen: Bei Massenarbeitslosigkeit sind die Löhne eben zu hoch und bei Fachkräftemangel halt zu niedrig.
Die Realität zeigt jedoch, dass es heute einerseits etwa 2,5 Millionen Arbeitslose und gleichzeitig um die 1,8 Millionen offene Stellen gibt. Offensichtlicher Grund: Arbeit ist kein homogenes Gut. Damit entfällt eine zentrale ökonomische Modellannahme. Vielmehr ist jeder Erwerbstätige in puncto Qualifikation und Leistungsfähigkeit genau genommen ein Unikat.
Überdies ist das Arbeitsangebot keineswegs eine mathematische Funktion, deren einzige Variable der Lohn ist. So wuchs etwa in den vergangenen zwölf Jahren aufgrund von Zuwanderung die deutsche Bevölkerung um gut vier Millionen auf nunmehr 84,3 Millionen Menschen an, wodurch ebenfalls die Anzahl potenzieller Erwerbstätiger anstieg.
Dem steht gegenüber, dass der noch in dieser Legislaturperiode einsetzende Alterungsschub für sich genommen dazu führt, dass die Anzahl der Erwerbsfähigen rapide sinken wird. Selbst bei einem effizienten Einsatz sämtlicher Erwerbstätigen müssten ohne Zuwanderung Unternehmen schließen; womöglich würden ganze Wirtschaftszweige marginalisiert. Die deutsche Volkswirtschaft wird dann merklich langsamer wachsen, wenn nicht gar schrumpfen – mit fatalen Folgen für Staatsfinanzen und Sozialversicherungen.
Arbeitsmarktpolitik sollte daher wachstumsorientiert sein – und das bedeutet eben mehr, als für eine möglichst hohe lohngesteuerte Mobilität auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen. Zum einen gilt es, die vorhandene stille Reserve zu mobilisieren.
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Laut Statistischem Bundesamt wünschen sich nach jüngsten Daten für 2021 gut 3,1 Millionen Nichterwerbspersonen im Alter von 15 bis 74 Jahren Arbeit. Das waren immerhin rund 17 Prozent aller Nichterwerbspersonen – die stille Reserve umfasst Personen ohne Arbeit, die nicht aktiv nach Arbeit suchen, aber trotzdem nicht abgeneigt sind, einer Beschäftigung nachzugehen. Hier könnten höhere Löhne zwar helfen, einen Teil dieser Menschen zu mobilisieren. Das allein wird aber nicht reichen.
Das Ehegattensplitting sollte weichen
Darüber hinaus gilt es, Anreize zu setzen, dass die Menschen länger arbeiten und der Trend zur Teilzeit gestoppt wird. Arbeiteten 1991 noch 14 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit, waren es 2021 bereits 29 Prozent. Nahezu jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet heute in Teilzeit – obwohl die Bildungsbeteiligung der Frauen zwischenzeitlich über jener der Männer liegt.
Maßnahmen zur Mobilisierung dieses Potenzials wären Ganztagsschulen, bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten, Abschaffung des derzeitigen Ehegattensplittings und Qualifizierungsmaßnahmen. So ließe sich das Arbeitsangebot ausweiten, da das Arbeiten attraktiver wird.
Hinzu kommt eine Ausweitung des Arbeitskräftepotenzials durch Zuwanderung. Personalmangel über diesen Weg zu lindern hat in Deutschland eine lange Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts machte die hohe Arbeitskräftenachfrage im Ruhrgebiet Deutschland zum zweitgrößten Einwanderungsland der Welt.
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Mitte der 1950er-Jahre kamen die ersten Arbeitsmigranten aus Italien ins damalige Wirtschaftswunderland, 1961 unterzeichnete Deutschland ein Anwerbeabkommen mit der Türkei, 1971 eins mit Südkorea für Krankenschwestern. Und während der Euro-Krise zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts zog es dank der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit zahlreiche Arbeitskräfte aus den südlichen Krisenländern nach Deutschland – die hier den Aufschwung beflügelten.
Nun gehen mittlere Schätzungen davon aus, dass der deutsche Arbeitsmarkt 400.000 zusätzliche Arbeitskräfte pro Jahr benötigt, um die sukzessive aus dem Erwerbsleben ausscheidenden Babyboomer zu ersetzen. Diese hohe Zahl wirft Fragen zur Wohnungssituation und zur gesellschaftlichen Integration auf. Aber auch eine geringere Anzahl von Migranten wird einen Beitrag zur Stärkung der Wirtschaftskraft leisten.
Die Attraktivität Deutschlands hängt dabei nicht allein am Lohnniveau. Der Markt allein wird es nicht regeln. Die Politik muss die Bedingungen des Zusammenlebens von Inländern und Migranten richtig gestalten. Und das ist mehr als eine Frage des Entgelts.