Kommentar: Der Trump-Schock ist der Katalysator für Europas Tech-Aufholjagd

Donald Trump im Weißen Haus ist der Albtraum der Topentscheider in Europa. Der Schock über Zölle, Erpressung und das Infragestellen der transatlantischen Allianz sitzt tief. Doch Europa und Deutschland verfallen nicht in Schockstarre. Ganz im Gegenteil: Eine neue Aufbruchstimmung beginnt. Wir erleben den Beginn einer technologischen Aufholjagd.
Europa hat alles, was es braucht: Kapital, Fachkräfte, eine starke Industrie und einen riesigen Binnenmarkt. Nun kommt auch noch der nötige politische und unternehmerische Wille hinzu. Der Schock wirkt wie ein Katalysator.
Das ist spürbar an Orten wie der TECH in Heilbronn, wo die besten Köpfe aus Wirtschaft und Politik zusammenkommen. „Früher waren wir einfach zu arrogant und hielten unseren technologischen Vorsprung für uneinholbar“, gibt Siemens-Industrievorstand Cedrik Neike dort zu. Heute richtet sich der Konzern neu aus, um die traditionellen Stärken in der Industrie auf neue Geschäftsmodelle zu übertragen.
Von der Selbstgefälligkeit zum Selbstbewusstsein: Europas Wirtschaft erfindet sich neu. SAP-Technologiechef Thomas Saueressig skizziert einen Weg, der nicht nur eine Digitalisierung, sondern eine Neudefinition der Industrie ermöglicht. Telekom-Vorständin Claudia Nemat denkt Technologie nicht nur in Produkten, sondern auch in Bezug auf Resilienz, beispielsweise im Bereich Cybersicherheit. Bill Anderson, der CEO von Bayer, stellt den Pharmakonzern radikal neu auf – mit einem klaren Fokus auf Biotechnologie und Forschung. Und die neue Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche macht deutlich: Die Neuerfindung der Wirtschaft ist politisch gewollt.
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Europas Industrie wurde über Jahre hinweg verlacht und als Symbol für Rückständigkeit gewertet. Heute kann sie die Basis für die nächste Aufholjagd bilden. Lange Zeit wirkte Europas Industrie wie erstarrt: gut organisiert, aber ohne Pioniergeist. Das ändert sich jedoch gerade.
Noch vor wenigen Jahren schien es undenkbar, dass ein Supermarktkonzern sein eigenes Cloud-Ökosystem aufbaut. Heute treibt die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, den Aufbau eigener Rechenzentren voran und gewinnt dafür SAP als Partner. Dies ist nur eines von vielen Symbolen für den Aufbruch.
Nicht jammern, handeln ist angesagt
Es wird nicht länger gejammert. Es wird gehandelt. Es wird ausprobiert. Europas Stärke liegt nicht in sozialen Netzwerken, sondern in Maschinennetzen. Wer versteht, wie ein Roboterarm schweißt oder wie eine Turbine vibriert, kann mithilfe von KI nicht nur Nutzer analysieren, sondern auch reale Prozesse optimieren. Das ist kein Datengeschäft, sondern das nächste industrielle Geschäftsmodell.
In Europas Fabrikhallen schlummert ein Schatz, der bislang kaum gehoben wurde: industrielle Daten. Maschinen, Produktionsstraßen und Lieferketten erzeugen in Echtzeit einzigartige Datenströme. Keine andere Region der Welt hat Zugang zu einer derart tiefen industriellen Realität.
SAP, Siemens und die Telekom beginnen alle, diese industrielle Realität digital abzubilden und zu veredeln. Die Schwarz-Gruppe kontrolliert nicht nur jeden Lieferweg, sondern baut auch Rechenzentren. Bayer betrachtet Biotechnologie als datengetriebenen Prozess. Europas Industrie beginnt zu verstehen, dass sie nicht nur produziert, sondern auch einzigartige Datenräume schafft.
Dieser neue europäische Realismus, der selbstbewusst, strategisch und technologiegetrieben ist, wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich die wichtigste Ressource sein.