Kommentar: Die neue Rentendebatte zeigt: Wir alle müssen länger arbeiten
2021 haben fast 269.000 Beschäftigte die Frührente in Anspruch genommen.
Foto: dpaKinder kriegen die Leute immer – das zumindest glaubte Bundeskanzler Konrad Adenauer. Damals, man schrieb das Jahr 1957, kamen sechs Personen im erwerbsfähigen Alter auf einen Rentner. 2040 werden weniger als zwei einen Rentner finanzieren müssen. Wenn der Staat das so laufen lässt, steigen entweder die Beitragssätze ins Unermessliche oder der Staat muss die Lücke finanzieren. Beides will Olaf Scholz offenbar nicht. Der Kanzler möchte die demografische Falle überwinden, indem er den vorzeitigen Rentenbezug ohne Abschläge verhindert.
Die Einsicht ist neu. Es ist erst gut ein Jahr her, dass er gegen den Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums holzte. Die Experten hatten die „Rente mit 68“ gefordert.
Wenn Scholz es jetzt wirklich ernst meint, wäre das eine Zeitenwende in der Rentenpolitik. Andrea Nahles, Chefin der Bundesagentur für Arbeit und ehemalige Arbeitsministerin, hatte den vorzeitigen abschlagsfreien Rentenbezug eingeführt. Fest steht auch: Der SPD-Kanzler würde sich bei der Abschaffung zwangsläufig mit den mächtigen Gewerkschaftsbossen anlegen.
Nahles konnte die Rente mit 67 vor allem den Industriegewerkschaften nur schmackhaft machen, weil damit auch die Möglichkeit eines vorzeitigen Renteneintritts eröffnet wurde. Hauptnutznießer waren und sind vor allem männliche Industriearbeiter, die auf 45 Rentenbeitragsjahre kommen.
Fakt ist: Erst 2031 wird die Regelaltersgrenze von 67 Jahren für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erreicht. Die große Stellschraube ist der vorzeitige Rentenbezug. Seit seiner Einführung im Jahr 2014 haben schon mehr als zwei Millionen Beschäftigte den vorzeitigen Rentenbezug in Anspruch genommen.
Allein 2021 waren es fast 269.000 Beschäftigte, das sind 26,3 Prozent aller Neurentner. Bleibt das so, kann Scholz nur kosmetische Korrekturen vornehmen und etwa die Hinzuverdienstgrenzen für Rentner verbessern. Etwa 30 Prozent der Rentner arbeiten heute übrigens ohnehin schon. Die einen aus reiner Geldnot, die anderen, weil sie die sozialen Kontakte im Arbeitsleben schätzen.
Das gesamte Rentensystem wirkt ohnehin wie aus der Zeit gefallen. Jedes Jahr fehlen heute schon über 400.000 Fachkräfte, um den Beitragssatz konstant zu halten. Das entspricht der Einwohnerzahl einer Stadt größer als Wuppertal. Selbst wenn Deutschland die inländischen Potenziale – von der Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit bis zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit – ausschöpft, bleibt eine Arbeitskräftelücke. Auch mehr Einwanderung und eine erleichterte Staatsbürgerschaft, gegen die die Union rebelliert, werden nicht allzu viel Entlastung bringen.
Wenn Scholz es mit der Rettung des Rentensystems ernst meint, müsste er jetzt eine Debatte um eine längere Lebensarbeitszeit anstoßen. Die Relation zwischen durchschnittlicher Arbeitszeit und Rentenlaufzeit darf nicht noch weiter auseinanderdriften. Das Verhältnis sollte gleich bleiben. Die Botschaft lautet: Wir müssen alle länger arbeiten.