Kommentar: Die Notenbanken müssen Lehren aus diesem Jahr ziehen – Fünf Vorschläge für Fed und EZB
Das Inflationsjahr 2022 nähert sich dem Ende. Und als sei es bestellt, geben die Prozentzahlen etwas nach und ermöglichen Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Fed in den USA sowie deren Pendants in Großbritannien und der Schweiz, ihren Kurs der Zinserhöhungen entsprechend abzubremsen.
Dabei hat die EZB es geschafft, mit ihrer harten Rhetorik trotzdem die Märkte so zu erschrecken, dass die Kurse deutlich eingebrochen sind. Offenbar war die Angst groß, zu weich zu wirken.
Das Beispiel zeigt, dass die Notenbanken Lehren aus 2022 ziehen sollten. Hier ein paar Vorschläge.
Erstens: In Umbruchsituationen gilt es, mehr auf das große Bild als auf mathematische Modelle zu schauen. Die größte Pandemie seit der „Spanischen Grippe“ hat zeitweilig zum Erliegen ganzer Produktionen geführt und war damit extrem teuer. Dass daraus ein Ansprung der Inflation folgte, ist alles andere als überraschend; aber Modelle sind blind für historische Ereignisse.
Das gilt ganz ähnlich für den größten Krieg in Europa seit mehr als 70 Jahren. Die Kritik, dass die Notenbanken Preiserhöhungen nicht verhindern konnten, ist daher oft überzogen. Aber vorwerfen lassen müssen sie sich, dass ihre Rhetorik zu lange zu sorglos gewirkt hat.
Zweitens: Investoren und Geldpolitiker dürfen nicht zu sehr auf Trends vertrauen. Solange nichts Ungewöhnliches passiert, ist es oft hilfreich, Trends zu erkennen und sich daran zu orientieren. Seit 2020 war aber das Denken der Geldpolitiker zu sehr von der langen Periode zu niedriger Inflation geprägt. Und konstruktionsbedingt galt das auch für ihre Modelle.
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Drittens: In dramatischen Situationen gilt es, lieber zu früh als zu spät zu reagieren. Frühere Zinserhöhungen hätten den Preisanstieg zwar nicht verhindert, weil Geldpolitik ohnehin mit rund einem Jahr Verzögerung wirkt. Sie hätten aber die Glaubwürdigkeit der Notenbanken gestärkt.
Außerdem, das ist noch wichtiger, hätten sie das Risiko vermindert, dass die Straffung der Geldpolitik zu lange nachwirkt und damit unnötigen Schaden für das Wirtschaftswachstum anrichtet. Genau diese Gefahr besteht jetzt und hat die Notenbanken bereits zu einer langsameren Gangart veranlasst.
Viertens: Die Notenbanken müssen offener damit umgehen, dass Geldpolitik mit zeitlicher Verzögerung wirkt. Deutliche Zinserhöhungen signalisieren Entschlossenheit und können Inflationserwartungen und damit den Anstieg der Löhne und Gehälter dämpfen. Aber sie wirken nicht sofort auf die Preise.
Fünftens: Die Notenbanken müssen noch mehr darauf achten, nicht zu sehr auf die Kapitalmärkte und die Politik zu reagieren. Die Fed hatte sich den Ruf erarbeitet, bei hohen Kursverlusten als Retter in der Not einzuspringen.
„Das kommende Jahr wird zeigen, ob die Notenbanken auf dem richtigen Weg sind“
Die US-Notenbank steht in dem Punkt auch deswegen unter Druck, weil viele Amerikaner in ihrer Altersvorsorge von den Aktienmärkten abhängig sind. Um sich aus dieser Rolle zu lösen, musste die dann bei steigender Inflation besonders harsch reagieren.
Und trotzdem zeigt sich auch in dieser Woche an den Kursreaktionen wieder, dass die Märkte zu stark darauf vertrauen, dass die Notenbank ihnen bald wieder unter die Arme greift. Das ist kontraproduktiv: Höhere Kurse bedeuten lockere Finanzierungsbedingungen und damit weniger wirksame geldpolitische Straffung, sodass die Fed nachjustieren muss.
Die EZB wiederum ist immer in Gefahr, sich zu auffällig um den Zusammenhalt der Euro-Zone zu kümmern: Das ist Aufgabe der Finanzpolitik, die sich aber gern darum drückt.
Das kommende Jahr wird zeigen, ob die Notenbanken auf dem richtigen Weg sind – auf den sie sich 2022 etwas zu spät aufgemacht haben.