Kommentar: Klimaschutz-Wünsche sind noch keine Klimaschutz-Strategie
Die Kosten für den Ausbau erneuerbarer Energien sind in Deutschland sehr hoch.
Foto: HandelsblattGanz Deutschland befindet sich seit dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts in einer Art Klima-Ekstase. Es findet ein regelrechter Wettlauf um die ehrgeizigsten Ziele und einschneidendsten Maßnahmen statt.
Plötzlich scheint alles zu gehen: Ein CO2-Preis von 100 Euro? Kein Problem. Der Kohleausstieg schon 2030? Gerne noch etwas früher. Klimaneutralität bereits 2040? Wenn’s weiter nichts ist.
Im Moment stellt niemand die Frage: Was ist überhaupt möglich? Es lohnt sich, einen kritischen Blick auf den aktuellen Überbietungswettbewerb zu werfen, am besten in Form eines kurzen Streifzugs durch die wichtigsten Sektoren – unsystematisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit, orientiert an ganz praktischen Herausforderungen.
Fangen wir mit dem Gebäudesektor an: Er steht für etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland. Der Wert scheint in Beton gegossen, er verharrt seit Jahren auf diesem Niveau. Da erscheint es doch nur logisch, den CO2-Preis drastisch zu erhöhen, um damit einen Anreiz für eine energetische Generalsanierung alter Gebäude zu schaffen.
Aber leider sind die Dinge nicht so einfach. Praktiker aus der Immobilienbranche, die mit großem Engagement ihre Wohnungsbestände anpacken, wissen: Ein ungedämmtes Wohngebäude aus den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zur Klimaneutralität zu sanieren, ist ein äußert aufwändiges Unterfangen.
Sanierungen haben eine natürliche Bremse
Die letzten Prozentpunkte bis zur Klimaneutralität eines Bestandsgebäudes erfordern enorme Investitionen, die sich auch unter den Vorzeichen eines irgendwie gesellschaftlich noch so gerade akzeptablen und verkraftbaren CO2-Preises nicht darstellen lassen.
Und selbst wenn ein hoher CO2-Preis Dynamik ins Sanierungsgeschehen bringen sollte, gibt es eine ganz natürliche Bremse: Das Handwerk arbeitet schon heute am Anschlag, es gibt einfach nicht genug Leute, um ganz Deutschland rasch durchzusanieren.
Das Ziel der Politik, bis 2050 einen annähernd klimaneutralen Gebäudebestand zu erreichen, war schon 2010, als es erstmals im damaligen Energiekonzept der Bundesregierung auftauchte, kühn. Es wird durch einen hohen CO2-Preis nicht realistischer.
Nehmen wir den Energiesektor: Hier sorgen steigende Preise im europäischen Emissionshandel dafür, dass ein Ausstieg aus der Kohleverstromung deutlich vor 2038 immer wahrscheinlicher wird. Seit Jahresbeginn ist der Emissionshandel bereits nachgeschärft. Mit der Implementierung des neuen EU-Klimaziels wird in den kommenden Wochen noch eine Schippe draufgelegt.
Muss man jetzt einen Wettlauf um ein noch früheres, politisch erzwungenes Kohle-Ende starten? Lieber nicht. Denn die Antworten der Politik auf die Sicherstellung der Stromversorgung ohne Kohle sind nicht überzeugend.
Wer beispielsweise durch das gerade erste beschlossene Strommarktkonzept der Grünen blättert, bekommt folgende Antworten auf die Frage, wie der Wegfall der gesicherten Leistung der Kohlekraftwerke ersetzt werden soll:
Große Stromabnehmer aus der Industrie sollen die Fahrweise ihrer Anlagen stärker der volatilen Erzeugung aus erneuerbaren Quellen anpassen. Für Dunkelflauten – also Phasen ohne Wind- und Sonnenstrom, die mehrere Tage oder auch mal bis zu zwei Wochen dauern können – soll es Back-up-Kraftwerke geben, die mit erneuerbarem Gas betrieben werden. Und außerdem kann man, so empfehlen die Grünen, verstärkt auf Wasserkraftwerke und auf Strom aus dem europäischen Ausland setzen.
Gesicherte Leistung wird überall knapp
Das Problem: Es gibt weder die Back-up-Kraftwerke, noch das für ihren Betrieb erforderliche Gas aus erneuerbaren Quellen – jedenfalls nicht in auch nur annähernd ausreichender Menge. Es ist auch nicht erkennbar, dass europäische Nachbarländer ausgerechnet dann Strom im Überfluss haben, wenn der Strom in Deutschland knapp wird. Denn auch die „elektrischen Nachbarn“, wie Fachleute die EU-Staaten nennen, mit denen Deutschland Strom austauscht, fahren eine Dekarbonisierungsstrategie und nehmen fossile Kraftwerke vom Netz.
Gesicherte Leistung wird überall knapp, nicht nur in Deutschland. Die Pumpspeicher-Wasserkraftwerke im Alpenraum, auf die Deutschland zurückgreifen könnte, sind in Zeiten hoher Last innerhalb weniger Minuten leergelaufen.
Fazit: Es gibt keine belastbare Lösung für die Dunkelflaute. Es dürfte Jahre dauern, die passenden Antworten zu finden und umzusetzen. Es ist daher keine gute Idee, alle Kohlekraftwerke kurzfristig einzumotten.
Auch die unisono geforderte Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren ist zwar wünschenswert und logische Voraussetzung, um das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen. Aber ist eine Vervielfachung der installierten Kapazitäten in einem dicht besiedelten Industrieland auch tatsächlich umsetzbar? Der Kampf um Flächen ist in vollem Gange, Belange des Artenschutzes lassen sich nicht wegdiskutieren. Der Ausbau der Erneuerbaren stößt somit an Grenzen.
In Unternehmen fehlt Glaube in langfristige Verlässlichkeit politischer Zusagen
Besonders groß sind die Herausforderungen für die Industrie. Allein die deutsche Stahlindustrie steht auf dem Weg zur Klimaneutralität vor Investitionen in Höhe von 35 Milliarden Euro in neue Anlagen. Zudem wird sie für den Betrieb der neuen Anlagen, der im Wesentlichen auf dem Einsatz von grünem Wasserstoff beruht, zusätzliche Milliardenhilfen brauchen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Die Politik steht vor der Herausforderung, Hilfskonzepte zu entwickeln, die bis weit ins nächste Jahrzehnt hinein reichen. Die Instrumente, etwa Differenzverträge, sind bekannt, aber in den Unternehmen fehlt der Glaube in die langfristige Verlässlichkeit politischer Zusagen.
Die amtierende Bundesregierung – namentlich das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesumweltministeriums – mühen sich in dieser Frage redlich um Lösungen. Die nächste Bundesregierung wird aber noch deutlich nachlegen müssen.
Allein ein hoher CO2-Preis und eine Vorverlegung von Zielen stellen noch keine Lösung dar. Man kann es so zusammenfassen: Nicht das Wünschenswerte muss das Ziel sein, sondern nur das unter Schmerzen Machbare.